Said, 2006, Foto: Ekko von Schwichow

SAID
Foto: Ekko von Schwichow

www.schwichow.de

Porträt von Said
Der Dichter ohne Fenster

Besprechung von Nina Fargahi in Neue Züricher Zeitung vom 27.11.2015:

Seit Jahrzehnten lebt der Lyriker Said im deutschen Exil. Doch sein Herz hängt noch immer an Iran, dem Ort seiner Kindheit. Er bilanziert: Europa bedeutet nicht nur Freiheit, sondern auch Einsamkeit.

Said auf Persisch ist eine andere Person als Said auf Deutsch.

Said. Der deutsche Dichter verrät nur vier Buchstaben seines Namens. Nach allem, was er erlebt hat, erwartet man einen gebrochenen Menschen zum Gespräch. Doch Saids Händedruck ist fest, sein Gang aufrecht. Für seine innere Zerrüttung gibt es, wie bei vielen anderen Menschen auch, keine äusserlichen Anzeichen.

«Wenn mich die Vergangenheit sehr bedrängt, dann schreibe ich», sagt er. Daher ist seine literarische Arbeit eng mit seiner Exilerfahrung verflochten. Als Jugendlicher verlässt er Iran im Jahr 1965, um in Deutschland zu studieren. Aus dem Ausland engagiert er sich in der Oppositionsbewegung gegen den Schah. Im Zuge der Revolution im Jahr 1979 kehrt er nach 14 Jahren erstmals zurück nach Iran, sieht sich jedoch wenige Wochen später gezwungen, das Land erneut zu verlassen. Er schreibt: «Die Machthaber wechseln, der Terror bleibt.» Nach der Rückkehr an den Ort der Kindheit und Jugend verfasst er den Gedichtband «Wo ich sterbe, ist meine Fremde».

Fremd gewordenes Land

Auf die Frage, was er als Erstes tun würde, wenn er morgen nach Iran zurückkehren könnte, versagt seine Stimme. Er kämpft mit den Tränen. Seine Rückkehr 1979 habe ihn überwältigt. «Alles hatte sich verändert. Die Strassen, die Geschäfte, die Menschen, die Sprache.» Er habe sich in den Gassen verirrt, die er wie seine Hosentasche zu kennen glaubte. Sein Geburtshaus habe er kaum wiedererkannt – unbewohnt, mit eingeschlagenen Fensterscheiben. In einem Gedicht schreibt er: «Der Flieder duftet nicht wie früher.»

In der Generation Saids spaltet die Frage nach der Rückkehr, nebst anderem, die iranische Diaspora in zwei Lager: in jene, die gegenüber dem Regime in Teheran Reue zeigen oder ihm gar Spitzeldienste erweisen, und jene, die Haltung bewahren und dafür das Exil ertragen. Letztere, wie Said, nehmen viel Einsamkeit in Kauf. In seinem Gedicht «Im Exil» beschreibt er dieses Gefühl der Ausweglosigkeit: «Wie ein Goldfisch / im klaren Glas / mit trübem Wasser / spiele ich blaues Mittelmeer / und pflege meinen Hechtkult. / Manchmal nur / küsse ich den Wasserspiegel / und behaupte, / dass ich lebe.»

Ein ungebetener Gast

Walter Benjamin hat einmal geschrieben, dass sich nur erinnern kann, wer vergessen hat. Viele Exilierte hadern mit ihrer Vergangenheit, schwanken zwischen erlösendem Vergessen und schmerzvoller Erinnerung. Der biografische Bruch, der mit dem Verlassen Irans einhergeht, verdeutlicht sich in Saids Entscheidung, seine Gedichte ausschliesslich in Deutsch zu verfassen; obwohl sein Herz für die persische Sprache schlägt. Überhaupt ist er ein anderer Mensch, wenn er Farsi spricht. Seine Gestik verändert sich, er wirkt unbeschwert, macht Witze. Said, übersetzt «der Glückliche», tritt in Erscheinung. Spricht er Deutsch, wird Wehmut spürbar, seine Stimme klingt tiefer.

Wie bei vielen Exiliranern liegen in seinem Charakter Humor und Melancholie nahe beieinander; bei Said entzweien sie sich über die Sprache. Er wird in der Zeitschrift «Germanica» mit den Worten zitiert: «Was mich betrifft, bin ich nur ein ungebetener Gast, der als seine eigentliche Gastgeberin die deutsche Sprache sieht. Man weiss, dass man keine Heimat mehr hat. Denn die Heimat ist die Zeit, die wir verloren haben.» Und weiter, mit einer Spur von Bitterkeit: «Nach Jahren des Exils, ‹in diesem mühsamen Nirgends›, wie Rilke einmal sagte, wird man ein Niemand. Man könnte es auch poetischer ausdrücken: ein Weltbürger ohne eigenes Fenster.» In einem anderen Gedicht schreibt er, Exilierte seien «Luftmenschen, in ewiger Schwebe, mit skalpierten Seelen». Darüber zu sprechen, ist für den Dichter aufwühlend: «Darf ich eine Zigarette rauchen? Um die Welt wieder in Ordnung zu bringen.»

Zwischen Sprechen und Schweigen

Said bemüht sich offensichtlich um Anonymität: Sein Nachname ist in weiten Kreisen unbekannt. Auf seiner Visitenkarte steht einzig die Adresse seiner Website – keine Telefonnummer, keine E-Mail-Adresse. Auf der Rückseite der Karte steht nur ein Wort: Schweigen. Schweigen? «Wenn man etwas zu sagen hat, muss man manchmal auch zu schweigen wissen», sagt er. Und fügt hinzu: «Blocher redet ständig.» In einem seiner Gedichte schreibt er: «Schweigen gehört zu den Dichtern, / seit es Diktatoren gibt. / (. . .) / Wir müssen also tänzeln / zwischen Sprache und Schweigen.» Doch nimmt er kein Blatt vor den Mund. In scharfen Worten erhebt er Anklage gegen die Islamische Republik Iran, die sich brutal gegen Frauen, Andersdenkende, Andersgläubige und Kulturschaffende wende. Auch viele Nahestehende Saids erfuhren Folter und Hinrichtung. Er ist überzeugt: Die Diktatur ist nicht reformierbar. Er gibt ein Beispiel: «Will man den Schleierzwang etwa zentimeterweise aufheben? Oder: mittwochs gilt er und donnerstags nicht?» Laut Said sitzt das Regime Irans zurzeit fest im Sattel, denn die «allesamt korrupten Ayatollahs» verstehen etwas von Macht. «Doch zum Glück ist die Geschichte unberechenbar.» Er verweist auf die DDR im Jahr 1989: Nur wenige Monate, bevor die Mauer fiel, hatte Honecker gesagt, die Mauer werde noch hundert Jahre bestehen.

Angesprochen auf die Rolle der Schriftsteller in der Gesellschaft, sagt er: «In einer Diktatur übernimmt die Literatur die Rolle der freien Presse.» In Iran könne ein Gedicht zum Fanal werden – dies sei schon vorgekommen. Im Westen sei dies anders. Die Feuilletons der deutschsprachigen Zeitungen stiessen Debatten an, die eine Elite interessierten – nicht aber die weniger Privilegierten. Ihnen bringe man im besten Fall Sympathie entgegen, bewahre jedoch die Distanz zu ihnen in intellektueller Abgehobenheit. Hat Europa ein Solidaritätsproblem? In einem Gedicht Saids heisst es: «Europa, / Du erstickst uns / mit Deiner ökonomischen Logik. / (. . .) / Weil Du die Tagesvernunft / gegen den Anstand stellst / und gegen Brüderlichkeit. / Nur: / Dort wo keine Liebe ist, / wächst auch kein Verstehen.»

Der Blick zurück

Sein nächstes Buch widmet Said seiner Kindheit. Er denke sehr oft zurück. Die Erinnerungen würden mit der Zeit lebendiger. Belanglose Details erhielten Bedeutung. «Im Kopf des Emigranten existieren Bilder von erstaunlicher Präzision. Mit der Realität haben sie nichts zu tun.» Mit dem rückwärtsgewandten Blick in die Kindheit scheint Said zuweilen der Gegenwart zu entfliehen. Obwohl auch seine Kindheit, die er als amorph umschreibt, mit Schmerz verbunden war: Seine Eltern trennten sich nach Saids Geburt – er wuchs bei seinem Vater auf, seine Mutter traf er erst mit zwölf. Sie verbrachten einen Nachmittag zusammen, um dann wieder auseinanderzugehen. Danach sah er sie noch ein letztes Mal, mit 43 in Toronto. Nach dem für ihn anfänglich erwartungsvollen und schliesslich enttäuschenden Treffen schreibt er das Buch «Landschaften einer fernen Mutter», bricht den Kontakt ab und zieht einen Schlussstrich unter dieses Thema. Der Literaturwissenschafter Jürgen Wertheimer bezeichnet das Buch als Ausdruck «seelischen Bankrotts», der jedoch – wie so oft – den Nährboden für aussergewöhnliches Kunstschaffen liefere.

Said. Vier Buchstaben. Sie stehen für ein rastloses Leben. Wird er jemals Frieden finden können? Vielleicht in seiner Lyrik. Vielleicht vermag sie ihm ein Fenster zu sein.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter nzzonline.jpg (1303 Byte)]

Leseprobe I Buchbestellung 0217 LYRIKwelt © NZZ I Nina Fargahi