Said, Foto: Christian  Herzenberger/LIVA/Brucknerhaus/Grafik/www.brucknerhaus.at

SAID
Foto: Christian Herzenberger
www.
brucknerhaus.at

Said, 2006, Foto: Ekko von Schwichow

SAID
Foto: Ekko von Schwichow

www.schwichow.de

Schwäche zeigen
Der deutsch-iranische Lyriker Said ist ein klagender Aufklärer. Am 27. Mai wird er 60 Jahre alt
Besprechung von Fahimeh Farsaie in freitag 21 vom 25.05.2007:

Landschaften einer fernen Mutter von Said, 2001, BeckBevor er auf die Welt kam, ließ sich der Vater des damals 15-jährigen SAID von seiner Frau scheiden. Die Mutter des Jungen wird zu ihren Eltern geschickt, nachdem sie 40 Tage ahnungslos die Rolle einer Ehefrau gespielt hatte. Gegen ihren Willen blieb der Sohn nach der Geburt bei der Familie des Vaters. Seine Mutter durfte ihn nicht einmal besuchen. 43 Jahre später treffen sich Mutter und Sohn auf Initiative der Mutter in Toronto. "du bist nach toronto gekommen, um mir zu erzählen, daß du dein kind nicht verlassen hast ... aber wem nützt diese geschichte? nur dir", kommentierte 2001 der mutterlos Aufgewachsene, nun 60-jährige Sohn in seinem Buch Landschaften einer fernen Mutter.

Der Mann, um den es hier geht, heißt Said und hat sich mittlerweile als Lyriker in Deutschland einen Namen gemacht. Von 2000 bis 2002 stand er sogar dem Deutschen Pen vor. Im Epilog des Buches, den er zehn Jahre nach jenem Treffen schrieb, nimmt er am Ende mit der "gelassenheit des besiegten" Abschied von ihr. Endgültig. Dass es Parallelen zwischen seiner persönlichen Geschichte und der metaphorischen gibt, verbirgt der Autor nicht. Das schmale Buch, das schnörkellos und nüchtern über diese spannende Begegnung berichtet, spielt im Leben Saids eine große Rolle. Während der Arbeit an diesem Buch stellt der gebürtige Iraner fest, dass seine Heimat nicht mehr Iran, sondern Deutschland heißt.

Obwohl er seit 1967 in seiner neu gefundenen Heimat gelebt hat, hat er sie immer als ein vorübergehendes Provisorium wahrgenommen. Das entsprach auch dem Wunsch seines Vaters, der seinen 17-jährigen Sohn mit einem staatlichen Stipendium nach Deutschland schickte, in der Hoffnung, dass er nach dem Studium als gebildeter "Diener der Pahlavi-Dynastie" in den Iran zurückkehren würde. Als hochrangiger Offizier der iranischen "Geheimpolizei" musste der Vater sich später aber mit der Tatsache abfinden, dass sich sein Sohn in der Fremde jedoch zum "Gegner der Pahlavi-Dynastie" entwickelt hatte. Said nahm lieber an den Versammlungen der gegen das Schah-Regimme kämpfenden "iranischen Studentenunion" teil, als an den Uni-Vorlesungen. So organisierte er beispielsweise mit "seinen Kumpeln" Demonstrationen gegen den iranischen Despoten in Deutschland. Nicht die Poesie, sondern Politik war in dieser Zeit seine große Leidenschaft. Sein politisches Engagement führte letztendlich zum schmerzhaften Bruch mit der Familie und seiner Heimat: Wegen seiner politischen Aktivitäten durfte er während der Schah-Zeit nicht in den Iran zurück.

Dass er sich später von seinen "organisierten politischen Aktivitäten" zurückzog, lag an unterschiedlichen "Kampfmethoden", die einige "linke Gruppierungen" innerhalb der iranischen Studentenunion propagierten. Der Abbruch mit den "alten Freunden" war zwar schmerzhaft, ermöglichte ihm freilich, seinem Herzenswunsch zu folgen und sich mit der Poesie zu beschäftigen. Er versuchte zwar inzwischen als freier Autor in der deutschen Medienlandschaft Fuß zu fassen, es gelang ihm aber erst 1987 mit dem Hörspiel Ich und der Schah-Die Beichte des Ayatollah, das zunächst im WDR realisiert und dann als Buch veröffentlicht wurde.

In der Zeit war Said bereits in seinem "zweiten Exil": Kurz nach der iranischen Revolution 1979 kehrte er in den Iran zurück, in der Hoffnung ein freies Leben ohne Diktatur aufbauen zu können. Auf dieser Reise begleitete ihn die Schriftstellerin Luise Rinser nach Teheran. Sie schrieb über diese Reise ein Sachbuch, Said einen Gedichtband Wo ich sterbe ist meine Fremde. In ihrem Vorwort zu dem Band schreibt Rinser: "Diese Gedichte sind Poesie gewordene Tagebuchnotizen ... Ich war dabei, als Said bemerkte, dass sein Vaterland aus einer Unfreiheit in die andere gefallen war."

Diesem Gedichtband folgten dann eine Reihe von Veröffentlichungen über Heimat, das Leben im Exil, Beobachtungen aus der Ferne in den Iran, Integration und Deutschsein. Bis zum Jahr 2000, in dem er als Präsident des P.E.N- Zentrums Deutschlands gewählt wurde, hat er neun Bücher, Gedichte, Hörspiele, Essays und Interviews herausgegeben. Trotzdem blieb Said seinem politischen Engagement treu. Für seinen Einsatz für verfolgte und inhaftierte Schriftsteller wurde er 1997 mit der Hermann-Kesten-Medaille des deutschen Pen ausgezeichnet. 2002 erhielt er den Adelbert von Chamisso-Förderpreis der Robert-Bosch-Stiftung, mit dem jährlich Leistungen Deutsch schreibender Autorinnen und Autoren, deren Muttersprache nicht die deutsche ist, ausgezeichnet werden.

Neben seiner Tätigkeit als Lyriker, etabliert er sich auch als Aufklärer mit dem Ziel, dem Westen den Iran nahe zu bringen. In einem Interview zu seinem Buch Ich und der Islam betont er: "Ich versuche, die Rolle des Erklärers durch die Wiedergabe der Fakten abzustreifen. In dem neuen Buch habe ich Nachrichten praktisch nackt wiedergegeben, die der iranischen und der deutschen Presse entnommen sind. Damit hoffe ich, dass ich Bruchstellen offenbare. Tue ich das, dann brauche ich die erklärende Rolle nicht."

Beim gegenwärtigen Versuch eines Dialogs zwischen dem Westen und dem Islam vermisst Said die Gleichberechtigung der Diskutanten. So heißt es in seinem Buch In Deutschland leben: "voraussetzung für einen dialog ist, daß man schwäche zeigt. die eigene. und dass bei einem dialog zwischen zwei sprachen, zwischen zwei kulturen, das entscheidende oft der gestus ist."

In seinem jüngsten Buch Psalmen wendet sich Said an "deutsch-religiöse" Kultur. Im Stil eines biblischen Psalmes ruft Said immer wieder den "Herrn" als ein Gegenüber, als den radikal Anderen an. Sein Ton in diesem Buch, das, glaubt man dem Verlag, in eine "religiöse Renaissance" einzuordnen ist, klingt klagend, hoffend, zweifelnd und argwöhnisch: "Herr/ bedränge mich nicht/ mit deinen gebeten und geboten/ verbleibe stumm in rufweite/ und kämpfe mit mir gegen die müde vernunft/ und für eine schönheit/ die auch diese grenze überschreitet."

[...diesen und weitere Artikel finden Sie unter Freitag]

Leseprobe I Buchbestellung 0507 LYRIKwelt © Freitag I Fahimeh Farsaie