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| Foto: Mark Bollhorst www.mark-bollhorst.de |
Theater Tilman hat gelacht
Ein Gespräch mit Kristo
Sagor von Astrid Hackel im Goon-Magazin,
März 2005:
Die Stücke des jungen Kristo Šagor folgen einer inneren Logik und erzeugen durch ihre Geschlossenheit einen eigentümlichen Reiz jenseits der postdramatischen Destruktion von Sprache, Figuren und Handlung.
Kristo Šagor wirkt ein bisschen angeschlagen, als er am frühen Nachmittag das Schwarze Café in der Kantstraße betritt und ein großes Frühstück bestellt. Bis acht Uhr morgens hat er an einem Text gesessen. Jetzt ist das Libretto für die Neuköllner Oper fertig. Der 28jährige Dramatiker mit dem blonden Iro schreibt seine Geschichten nachts, zwischen zwei und vier, weil sie im Zustand der Übermüdung ihre ganz bestimmte Färbung und Tiefe bekommen. Plötzlich macht es "klick" und er fühlt sich an einen Kanal angeschlossen, schreibt neben dem ausgestöpselten Telefon Seite um Seite über Jugendliche und Randgestalten - Obdachlose, Essgestörte, Liebeshungrige und Verrückte. Manchmal auch tagelang, am liebsten unterwegs, an fremden Schreibtischen, nicht da, wo er zuhause ist. Eher schon in dem Land, wo sein Vater geboren wurde. Ganze Sommer lang verbrachte er früher in Kroatien mit nichts anderem als Lesen und Schreiben.
Als alles verschwand
Damals, irgendwann in der Kindheit, hatte es angefangen, dieses Fieber, als
Šagor seine Mutter bat, stellvertretend für ihn die Dialoge von einer
Hörspielkassette mitzuschreiben. "Es ist einfach so, dass ich schreiben
muss", sagt Šagor, und alles andere ist irgendwann verschwunden, unwichtig
geworden. "Schreiben ist neurotisch. Als Autor versetze ich mich in jede
einzelne Figur hinein. Wenn dann aber mit der Formatierung am Computer
irgendetwas nicht stimmt, kann mich das ewig aufhalten."
Die Zeit, als alles verschwand, war die um 1999/2000. Vorher spielte Šagor
Klavier und studierte Neuere deutsche Literatur, Linguistik sowie
Theaterwissenschaften an der FU Berlin. Er engagierte sich für linke
Hochschulpolitik und schrieb Interviews und Reportagen für das TIP-Stadtmagazin.
Kurz bevor er 1999 nach Dublin ging, hatte er einen Verlag für seine Stücke
gefunden. Erneut in der Fremde angekommen, um zu schreiben, zweieinhalb Dramen
in acht Monaten und alles andere solange zu vergessen.
"Aber vom puren Schreiben kann man nicht leben, nur in Kombination mit
anderen Dingen, zum Beispiel Inszenierungen." Wie der letzte große
Theatermacher George
Tabori, den Šagor sehr bewundert. Autorschaft, Schauspiel
und Regie gingen bei Šagor schon früh Hand in Hand. Seit 1993 wirkte er, der
Jüngste im Team, im Jugendclub des Lübecker Theaters zuerst als Darsteller,
bald auch als Autor und Co-Regisseur mit. In Lübeck, der mit angenehmen
Schulzeiterinnerungen verbundenen Stadt, begann die bis heute andauernde
Freundschaft zwischen Šagor und dem zehn Jahre älteren Kai Hensel, der mit
konstruktiver Kritik während der ersten Jahre eine unanfechtbare Autorität
für Šagor darstellte. Hensel war damals selbst noch ein unbeschriebenes
Blatt. Gegenwärtig wird sein Bühnenstück "Klamms Krieg" an über
fünfzig Bühnen im In- und Ausland gespielt.
Innenansichten
‚Schreib doch mal etwas über die Schule', habe der ältere dem jüngeren
damals geraten. So entstand "Dreier ohne Simone", Šagors Durchbruch
und Ankunft im Kiepenheuer Bühnenvertriebs-Verlag. Durchaus nicht als
Jugendstück intendiert, wurde ihm damals dieses Label verliehen, was Šagor
aber nicht weiter störte. Mit "Trüffelschweine" und "FSK
16" entstanden dann weitere Jugendstücke für das Bremer Theater Moks.
Šagor, der ursprünglich Physik und Mathematik studieren wollte, gibt oft
Workshops für Jugendliche und Studenten; vielleicht liegt es daran, dass seine
Mutter Lehrerin ist. Vor zwei Jahren lehrte er Szenisches Schreiben an der
Universität Bremen. Auf die Frage, ob diese Kunst überhaupt vermittelbar sei,
antwortet Šagor, "Mit dem Schreiben ist es ähnlich wie mit Mathematik.
Ein Grundverständnis muss da sein. Wenn dies der Fall ist, kann es etwas
werden, fehlt es jedoch, dann nicht." Im nächsten Schritt reflektiert
Šagor das eigene Herangehen und die zahlreichen Hindernisse, von denen er die
nebensächlichen Probleme gleich heraussiebt, damit die ernsthaften bekämpft
werden können. Seine wichtigste Botschaft lautet, "Wenn du es willst, dann
mach es einfach." So lief es bei ihm und Šagor glaubt, dass jeder im Leben
das erreichen kann, was er wirklich will. Er hätte auch Politiker oder Fotograf
werden können, damals, als noch nicht feststand, welchen Weg er einschlagen
würde.
Zahlenreihen
Doch so klar er sein Schaffensfeld nach außen hin abgesteckt hat, so
experimentierfreudig ist Šagor innerhalb dessen. "Jedes Stück ist anders
als die anderen." Seit "Dreier ohne Simone" orientiert er sich
stärker an der klassischen aristotelischen Einheit von Raum, Zeit und Handlung,
die seine Stücke von anderen aktuellen Dramen abhebt. Selten unterteilen sie
sich in einzelne Akte und Szenen - stattdessen werden sie durch die Anzahl von
Zigaretten in einer Packung oder die FSK-Deklination (die der
Altersbeschränkung im Kino) zusammengehalten. Zufällig ergibt sich daraus im
letzten Fall eine klassische fünfaktige Handlungsstruktur (0, 6, 12, 16, 18).
Als Postdramatiker sieht sich Šagor demzufolge nicht, im Gegenteil,
postdramatisch sind in seinen Augen Autoren wie Elfriede
Jelinek, die Sprache
zertrümmern, Texte zu Collagen montieren und individuelle Charaktere durch
Sprecher ersetzen.
Die Ambivalenz von Reinheit und Schuld
Šagors Figuren, etwa in "Unbeleckt", sind nicht austauschbar. Jede
einzelne folgt einer eigenen Motivation. "Unbeleckt" dokumentiert von
Adventssonntag zu Adventssonntag den fortschreitenden Verfall einer kleinen
postfamiliären Gemeinschaft. Sascha, ein unauffälliger Mittdreißiger, der
sich bis zum Brechreiz rührend um seine senile Mutter kümmert, treibt
sadistische Spielchen mit dem Sklaven Murat, einem halbnackt auftretenden
Türken, der ein Hundehalsband trägt und in der dritten Person von sich
spricht, "Murat fragt, was ein normaler Mensch ist", oder "Murat
fragt, was ein freier Mensch ist". Saschas bester Freund Arndt ist in das
Geheimnis eingeweiht und möchte auch gern so ein menschliches Spielzeug haben.
Außerdem hat er es auf Saschas Exfreundin abgesehen. Nach außen hin zwar
sichtbar voneinander zu unterscheiden, verwechseln sich die Figuren
untereinander, denn es geht ihnen nicht darum, von wem sie etwas bekommen,
sondern darum, dass sie es bekommen: Liebe, Respekt, Befriedigung oder
Bestrafung. Was Sascha mit Murat treibt, hat als ein harmloses Experiment
angefangen. Ein netter, heterosexueller Mann und zärtlicher Geliebter entwirft
ein Negativbild von sich und versucht, dem in der Praxis Stück für Stück
näher zu kommen. An eine Grenze gelangt, die weder vorwärts noch rückwärts
erlaubt, leidet Sascha nur noch unter den Schlägen, die er an andere austeilt.
"Du bist rein und schuldig zugleich", versucht Murat ihn zu trösten.
Verschiedene Handlungs- und Textstränge laufen nebeneinander, untereinander
durch und quer, so dass sie eine eigentümliche, aber streng formale, fast
mathematische Struktur ergeben. Alles scheint stringent auf einen
unausweichlichen Endpunkt hin zu laufen, der aber nicht voraussehbar ist,
wodurch die langsam aufgebaute Spannung auf einem hohen Niveau gehalten wird.
Wenn einer lacht
"Unbeleckt" ist das dritte von mittlerweile gut zehn Stücken, die
Šagor geschrieben und zum Teil auch selbst inszeniert hat. Mit steigendem
Bekanntheitsgrad wächst auch der Chor der Kritikerstimmen. Doch Šagor sind die
Reaktionen guter Freunde wichtiger als das, was in der Zeitung steht oder was am
Theater gesagt wird. "Ich muss mir das bewahren. Das Feedback vom besten
Freund bedeutet mir mehr als das des Chefdramaturgen. Und wenn Tilman gelacht
hat, ist mir das tausendmal wichtiger, als wenn irgendwer lacht."
[...diesen und weitere Artikel finden Sie unter www.goon-magazine.de]
Leseprobe I Buchbestellung 0305 LYRIKwelt © Astrid Hackel