Einsamkeit, Liebe und Lebensüberdruss
Franzosen beweinen Françoise
Sagan von Petra
Klingbeil aus dem Münchner
Merkur, 26.9.2004:
Frankreich trauert um eine seiner schillerndsten
Schriftstellerinnen - um Françoise Sagan, die am Freitag im Alter von 69 Jahren
an einer Lungenembolie gestorben ist (wir berichteten). Die Franzosen liebten
sie, seit sie im zarten Alter von 18 Jahren mit ihrem frechen und damals
skandalumwitterten Erstlingswerk "Bonjour Tristesse" 1954 die
Öffentlichkeit verzauberte. Sogar der katholische Schriftsteller François
Mauriac war begeistert. "Was für ein charmantes kleines
Scheusal", urteilte er damals. Entsprechend groß war jetzt die Anteilnahme
an ihrem Tod.
Sagans erster Bestseller wurde sofort verfilmt, und die Autorin blieb
jahrzehntelang eine schillernde Kultfigur der französischen Literatur. Ihre
Anhänger und Bewunderer verziehen ihr viele Exzesse. "Zigaretten sind zum
Rauchen da, Drogen und Alkohol zum Einnehmen und Sportwagen zum schnellen
fahren", lautete ihre Maxime. Zuletzt war es still um sie geworden. Ihr
Leben, das sie immer in vollen Zügen genossen hatte, war in den letzten Jahren
schwierig geworden. Sie empfing kaum mehr Freunde und hatte Geldsorgen. Sie sei
krank und ruiniert, hieß es aus ihrer Umgebung. Ihr Haus in der Normandie
musste sie verkaufen, eine reiche Freundin beherbergte sie in einer Wohnung an
der Nobel-Avenue Foch in Paris. "Geld ist ein guter Diener, aber ein
schlechter Meister", sagte Sagan einmal.
Das Bild, das die Öffentlichkeit von ihr behalten hat, ist das einer schlanken jungen Frau mit blonder Pagenfrisur, eine Zigarette im Mundwinkel am Steuer eines Sportwagens. Sagans Lebenselixier waren die Liebe zur Literatur, die Spielleidenschaft und der Geschwindigkeitsrausch.
Die Trauer um die Autorin zieht weite Kreise. Staatspräsident Jacques Chirac nannte sie "eine herausragende Figur unseres Literaturlebens". Politisch stand die Sagan allerdings links. Der sozialistische Vorgänger Chiracs, François Mitterrand, gehörte zu ihren Vertrauten.
Sagan hat die Einsamkeit, die Liebe und den Lebensüberdruss zu ihren literarischen Hauptthemen gemacht. 1984 veröffentlichte sie, die ihr Pseudonym bei Marcel Proust entlehnt hatte, ein Erinnerungsbuch mit dem Titel "Avec mon meilleur Souvenir". Ihr Privatleben streifte die zwei Mal Geschiedene und Mutter eines Sohnes darin allerdings nur ganz am Rande.
Die 1935 in Cajarc als Françoise Quoirez geborene Schriftstellerin, Tochter einer wohlhabenden Industriellenfamilie, wurde 1947 in eine Nonnenschule gesteckt, wo sie es jedoch nicht lange aushielt. Wegen "Faulheit" wurde sie nach wenigen Jahren heimgeschickt. Auch bei der Abitur-Prüfung fiel Sagan 1951 erst einmal durch. Viel lieber streifte sie durch das Pariser Studentenviertel, hörte Jazz-Musik und verbrachte Zeit mit der Sängerin Juliette Gréco oder dem Philosophen Jean-Paul Sartre. Zu ihren wichtigsten Büchern gehören "Ein gewisses Lächeln", "Lieben Sie Brahms?", "Ein Schloss in Schweden", "Ein Klavier im Grünen", "Die Lust zu leben: Sarah Bernhardt", "Die Landpartie" und "Mitten ins Herz".
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