Es war ein Skandal, der mehr bewegt hat als nur ein paar Gemüter: Im Frühjahr 1963 spritzt in Max von der Grüns Roman „Irrlicht und Feuer" das Blut – als ein Panzerförderer unter Tage einen Steiger enthauptet. Prompt brodelt es im Revier. Die Zeche, auf der Max von der Grün arbeitet, feuert ihn. Der Hersteller des Panzerförderers geht gerichtlich gegen das Buch vor, und ein Gewerkschafts-Funktionär versteigt sich gar zu der Forderung, das Buch gehöre „verbrannt". Der Skandal macht von der Grün auf einen Schlag bekannt. Böll, Grass und andere Literaten stellen sich vor ihn - und die Sicherheitsauflagen unter Tage reduzierten die Zahl der Unfälle und Toten im Bergbau. Seit diesem Frühjahr nun erscheinen Max von der Grüns Romane, Erzählungen und Reiseberichte in einer zehnbändigen Werkausgabe, der letzte Band soll 2011 mit eben jenem „Irrlicht und Feuer" erscheinen. Eine würde- und ehrenvolle Verbeugung vor dem 2005 gestorbenen Max von der Grün, dessen Werke zuletzt nur noch verstreut erschienen, verdienstvoll allemal. Aber es ist eben auch ein Grabstein für die Revier-Literatur, mit der sich der Name von der Grün verbindet. Die Gruppe 61, der Werkkreis Literatur der Arbeitswelt, die Bottroper Protokolle: einst republikweit diskutiert, heute ein Fall für die Geschichtsbücher und Werkausgaben. Der einzige Bestseller dieser Literatur, Günter Wallraffs Reportage „Ganz unten", die sich Ende der 80er millionenfach verkaufte, war der Höhepunkt – und der Anfang vom Ende der Literatur der Arbeitswelt.
Mehr und mehr verlor die Ruhrgebietsliteratur ihre Mitte, und das Revier näherte sich der Literatur von den Rändern her, wie es der kundige Gerd Herholz vom Literaturbüro Ruhr in Gladbeck beschreibt: Die Kinder- und Jugendbuchszene wurde breit und stark, sie wuchs über eine Galionsfigur wie Willi Fährmann weit hinaus; in den 90er Jahren gründete Rutger Booß, einst Programmchef beim tiefroten Kölner Pahl-Rugenstein-Verlag, in Dortmund seine Grafit-Fabrik für Regionalkrimis, die längst eine renommierte Adresse für internationale Spannungsliteratur ist. Andere wie Wolfgang Welt und Frank Goosen aus Bochum produzieren Buch-Pop, der nach einer zwischenzeitlichen Hochkonjunktur wieder eine Literatur-Nische von vielen ist.
Die Randständigkeit der Revierliteratur passt zu einer Region, deren Markenzeichen die Kleinteiligkeit ist und die von Besuchern mitunter als endlose, geballte Peripherie empfunden wird. Literaten, die große Romane erzählen und ihre Verse im Rhythmus der Gegenwart schwingen lassen können, gingen weg, wie schon Nicolas Born, Ralf Rothmann, später auch Marion Poschmann, die nun beide in Berlin schreiben. Wer blieb und schrieb wie Jörg Uwe Sauer aus Herne, schmorte schnell im eigenen Saft - seit Jahren wartet man auf Sauers dritten Roman, dessen zweiter nur eine Variation seines genialen Erstlings „Uniklinik" war.
Nein, wer will, dass sich eine Ruhrgebietsliteratur entwickelt, die den Namen verdient, muss ihr eine Mitte geben, einen Mittelpunkt, ein Literaturhaus. Wer aber will, dass sich keine Ruhrgebietsliteratur entwickelt, der macht so ein Literaturprogramm wie es die Kulturhauptstadt 2010 bislang vorhat.
Ein Haus in der Mitte, am ehesten wohl in Bochum, das mit dem „Macondo”-Festival schon ein ideales Umfeld hat, täte der Revierliteratur gut. Hier könnte sich nicht nur die beste Literaturzeitschrift der Republik, das „Schreibheft”, das nur noch halb in Essen und schon halb in Köln entsteht, neu ansiedeln – und vielleicht auch ein literarischer Verlag, von dem es, seit Asso in Oberhausen die Segel gestrichen hat, im Ruhrgebiet auch keinen mehr gibt. Kein Wunder, dass die Werkausgabe Max von der Grüns im Pendragon Verlag erscheint – in Bielefeld.
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Leseprobe I Buchbestellung 0609 LYRIKwelt © Neue Ruhr/Rhein Zeitung