Peter Rühmkorf, 2003, Foto Doris Poklekowski

Peter Rühmkorf, Foto: Doris Poklekowski
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1.) - 3.)

Erlöst in der Ironie
Starb im Alter von 78 Jahren: der Dichter Peter Rühmkorf
Von Jörg Bartel in der NRZ vom 10.06.2008:

Kann sein, dass sich Peter Rühmkorf trefflich amüsiert hätte über die Nöte, die er gestern den deutschen Feuilletons bereitete. Gerade erst hatte die Deutsche Presseagentur gemeldet, dass er "den mit 10 000 Euro dotierten Literaturpreis für grotesken Humor der Stadt Kassel" erhalte, da verkehrte sich Minuten später das vollmundige Lob der Jury für den "roten Romantiker" Rühmkorf und dessen "wegweisende Gestaltungskraft auf dem Feld des Komischen" in blasse Stichworte eines Nachrufs. Vorgestern ist Peter Rühmkorf im Alter von 78 Jahren gestorben. Und leider hatte sein Tod nichts von der verschrobenen Heiterkeit und virtuosen Leichtigkeit seiner Gedichte, mit der dieser funkelnde Geist uns zum Lesen und genussvollen Denken verführte. Er starb, wie gestern bekannt wurde, in einer Bauernkate im Schleswig-Holsteinischen an Krebs. Dort hatte er zuletzt mit seiner Ehefrau Eva-Marie gelebt, der ehemaligen Bildungsministerin des Landes. Sein Haus an der Elbe in Hamburg-Oevelgönne hatte er wegen seiner schweren Krankheit verlassen müssen. Auch mit ihr pflegte er meist ironisch umzugehen, und in einem letzten Interview mit der "Zeit" sagte er auf die Frage, wie er sein Verhältnis zum Tod beschreibe: "Ironie ist auch so eine Art Erlösungsform, in der man Haltung bewahrt."

Fast alle seine Gedichte fanden leicht ins Ohr wie Zaubersprüche, etliche werden im Gedächtnis bleiben. Einige darunter waren zum Tanzen gebrachte Aphorismen, andere schelmische, aber tiefe Verbeugungen vor der poetischen Tradition in Deutschland: "Walther von der Vogelweide, Klopstock und ich".

Koddern, schnoddern, singen

Rühmkorf war ein Kenner und ein Könner der deutschen Dichtkunst, begnadeter Parodist und poetischer Prototyp in einem. Er konnte schnoddern und koddern, aber er war auch ein Sänger, ein glänzender Praktiker und Theoretiker des Reims. Ein barocker Linker, ein erzpolitisch-kritischer Kopf, einer derer, die sich frei nach Heine des Hasses ihrer Gegner immer würdig erwiesen. Einer der letzten Überzeugungsdichter: Mitglied der "Gruppe 47" und glänzender Exeget seiner expressionistischen Dichter-Vorfahren, gab er im Eigenverlag Literaturzeitschriften heraus. Zuletzt veröffentlichte der Büchner-Preisträger einen Gedichtband mit dem genialen Titel "Paradiesvogelschiß". Es ist sein letzter, nicht sein bester Band geworden, aber er hat ihn, anders als er selbst es befürchtete, noch gedruckt gesehen. Und er enthält eben doch einige großartige Miniaturen, typische Rühmkorfiaden, darunter das Gedicht "Grabspruch", mit dem Peter Rühmkorf selbst unseren Schmerz über den Tod von Peter Rühmkorf ein wenig lindern mag:
Schaut nicht so bedeppert in diese Grube. / Nur immer rein in die gute Stube. / Paar Schaufeln Erde und wir haben / ein Jammertal hinter uns zugegraben." (NRZ)

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Peter Rühmkorf, 2003, Foto Doris Poklekowski

Peter Rühmkorf
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2.)

Tod eines Aufklärers
Das war ein Montag, den man so schnell wohl nicht vergisst.
Von Wolfgang Platzeck in der WAZ vom 10.6.2008:

14.45: Die Nachrichtenagenturen melden, dass der Dichter Peter Rühmkorf für seine "wegweisende Gestaltungskraft auf dem Feld des Komischen" den mit 10 000 Euro dotierten Literaturpreis für grotesken Humor der Stadt Kassel erhält.

15.40 Uhr: Nachricht aus dem Rowohlt-Verlag. Rühmkorf ist tot. Einer der bedeutendsten deutschen Lyriker nach dem Zweiten Weltkrieg starb bereits am Vortag im Alter von 78 Jahren an Krebs.

Als der 1929 in Dortmund als Sohn einer Lehrerin und eines Puppenspielers geborene Literaturwissenschaftler und Psychologe 1993 für sein Werk den Büchner-Preis erhielt, da sah ihn die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung "im Spannungsfeld politischer Wirkungs- und persönlicher Ausdrucksästhetik". Peter Rühmkorf, der sich während seiner Lektorenzeit bei Rowohlt in den 50ern und 60ern zu einem international anerkannten Lyriker und Essayisten von Format entwickelte, hätte seine Position in der deutschen Literaturszene gewiss etwas weniger blumig auf den Punkt gebracht.

Er sah sich als "Aufklärer in kleinen Schritten". Mahner mit Blick auf gesellschaftliche Missstände wollte er sehr gern sein - aber ohne erhobenen Zeigefinger. Sein seit der Studentenzeit linksorientiertes Engagement richtete sich gegen den Übermut der Ämter nicht minder als gegen die Anpassungsmentalität des Durchschnittsbürgers und den oft hohlen Dünkel der deutschen Kulturschickeria. Statt sich mit dieser gemein zu machen, machte er lieber Jazz: mit dem Trio seines alten Hamburger Freundes, des Pianisten Michael Naura und mit sich selbst als begnadetem Rezitator. "Rühmkorf & Jazz" wurde sogar zum Internationalen JazzFest Berlin geladen.

Rühmkorf, der seit 1964 mit der Psychologin und ehemaligen (1988-1992) SPD-Bildungsministerin von Schleswig Holstein, Eva-Maria Rühmkorf, verheiratet war, spielte als Dichter gern mit herkömmlichen Formen, kombinierte Schrift- und Umgangssprache. Und war dabei ziemlich pingelig sich selbst gegenüber. Ehe ein Gedicht seinen Ansprüchen an feinen Witz und subtile Ironie genügte, konnten 200, 300 Schmierblätter im Papierkorb gelandet sein. Dafür waren, nein: sind diese Gedichte aber auch nicht nur "Haltbar bis 1999", wie ein 1979 erschienener Lyrik-Band hieß. Rühmkorfs Vers-Sammlungen bleiben - wie seine Essays oder seine lakonischen Tagebuchaufzeichnungen "Tabu I" und "Tabu II" - lesbar und lehrreich ohne Verfallsdatum, weil sie jeglichen Zeitgeist mit beispielhafter Finesse unterlaufen.

Gleiches lässt sich sagen von dem im Frühjahr 2008 erschienenen Gedichtband "Paradiesvogelschiss", der in unnachahmlich selbstironischer Melancholie auch den unausweichlich bevorstehenden Tod reflektiert. Oder von seinen "vorletzten Gedichten" mit dem trotzigen Titel "Wenn - aber dann", in denen bereits vor zehn Jahren die Rede war vom "gesegneten Abgang", vom "Altern als Problem des Künstlers": "Paar verräterisch gelbe Blätter schon wieder / hoch oben im Baum, / auch, die Welt. / Und dann kommt allmählich die Zeit / da bist du persönlich schon gar nicht mehr mit von der Partie, / wenn die Pointe schlüpft."

Es gab Zeiten, da hatte Peter Rühmkorf mit Freuden Wahlkampfhilfe für die SPD betrieben. Doch das war der politsche Mensch Rühmkorf, der stets streng trennte. Politische Themen blieben seinen Essays vorbehalten. In der Poesie hatte Politik nichts zu suchen. Oder, wie er im "Mailied für eine junge Genossin" schrieb: "Gestern Kommunist - morgen Kommunist, / aber doch nicht jetzt, / beim Dichten?!" Engagement, meist allerdings ohne den erhobenen Zeigefinger: Peter Rühmkorf.

[...diesen und weitere Berichte finden Sie unter www.waz.de]

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Peter Rühmkorf, 2003, Foto Doris Poklekowski

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3.)

Wünsch’ mir im Himmel einen Platz
Irdische Vergnügen eines Elbromantikers: Zum Tod des großen Dichters Peter Rühmkorf.
Von
Michael Braun im Tagesspiegel, Berlin, 10.6.2008:

"Meine Bücher – ", so verriet der Dichter in späten Jahren, „eigentlich alles Verzweiflungstaten.“ Ein überraschender Befund, denn Peter Rühmkorf galt zeitlebens als leichtfüßiger Reimvirtuose und stets auf Heiterkeit gestimmter Elbromantiker. Wenn der Urstoff seiner Poesie die Verzweiflung war, hat er es jedenfalls vorzüglich verstanden, sie in einem lyrischen Levitationsprogramm von staunenswerter Formkunst aufzuheben. Rühmkorf, der listiger Apokalyptiker: ein herzensfreundlicher Linker, der zeitlebens sagte, Politik tauge nicht zur Poesie und sie seinen Versen doch immer wieder anverwandelte, auf spottlustig luftige Weise.

Am 25. Oktober 1929 in Dortmund als Sohn einer Lehrerin und eines reisenden Puppenspielers geboren, hat er von der Mutter die Leidenschaft für die Poesie geerbt, die berauschende Erfahrung, dass Gedichte „nachweislich dem öffentlichen Pläsier“ dienen. Als Leitgestirne am deutschen Dichterhimmel erwählte sich der junge Gelegenheitsdichter Bertolt Brecht und Gottfried Benn, wobei Benns Nihilismus auf Dauer ansteckender wirkte. Benn wurde sein Standbein, Brecht sein Spielbein, die Reimkünstler Heinrich Heine und Joachim Ringelnatz seine lebenslange Herzensangelegenheit.

In Hamburg tat sich Rühmkorf ab 1950 als Kabarettist und scharfzüngiger Kunstideologe hervor. Mitten im konservativen Adenauerdeutschland exponierte er sich als frecher Polemiker mit politischer Antriebsmotorik und ausgeprägter Neigung zur Demontage falscher Dichterpropheten. Wann auch immer nach 1950 eine literarische Avantgarde den Laufsteg betrat, der selbsternannte „Hamburger Linksausleger“ war sofort zu Stelle, um sie zu entzaubern. Mit seinem literarischen Kumpel Werner Riegel hatte er kurz nach dem Krieg in apokalyptischer Nervosität den „Finismus“ ausgerufen und die Literaturzeitschrift „Zwischen den Kriegen“ gegründet. Mit dem Publizisten Klaus Rainer Röhl, dem exzentrischen Ehemann von Ulrike Meinhof, edierte er ab 1955 den verdeckt aus dem Osten finanzierten „Studenten-Kurier“, den Vorgänger der Zeitschrift „Konkret“. Unter dem Pseudonym „Leslie Meier“ betrieb er nebenher einen „Lyrik-Schlachthof“ und bat zahlreiche Ikonen der Nachkriegslyrik unter sein literaturkritisches Seziermesser.

Schon sein Debüt, der Gedichtband „Irdisches Vergnügen in g“ von 1959, war ein Meisterstück lyrischer Artistik. Bereits hier zeigte Rühmkorf seine einzigartige Fähigkeit zur Anverwandlung poetischer Tradition: Die Annäherung an Klassiker wie Barthold Hinrich Brockes oder Gottfried Benn wird stets ironisch konterkariert, der hohe Ton durch bewusste Lässigkeit und Schnoddrigkeit ausgehebelt. Das „irdische Vergnügen“ wurde auch in späteren Büchern nicht getrübt – im Leben sowieso nicht. Rühmkorfs Munterkeit und Genießerlaune (Kaffee, Rauchwaren, geistige Getränke) sind ebenso Legende wie sein immer höfliches, aber nie konventionelles Auftreten. Das Offizielle behagte Rühmkorf nicht. Die Kulturoffiziellen ehrten ihn trotzdem mit allen wichtigen Poesiepreisen.

Auch wenn er im Alterswerk allzu ausgiebig auf kalauernde Altherrenerotik zurückgriff, blieb dies für die Tonlage all seiner Kabinettstückchen doch charakteristisch: das melodiöse Ineinander von Feierlichkeit und Ironie, von Pathos und Frivolität, Romantik und vulgärem Zwischenruf.

Der Dichter als alter Knacker, der augenzwinkernd seine Rest-Vitalität vorführt – diesen selbstironischen Gestus hat Rühmkorf auch in seinem Abschiedswerk, dem jüngst erschienenen „Paradiesvogelschiß“ auf amüsante Weise durchgespielt. Der Dichter erteilt sich hier im Herbst seines Lebens die Lizenz, den Triumph der Kunst über zunehmend widrige Lebensumstände in kalauernder Heiterkeit zu zelebrieren. Der Leidensmann, dem die Krankheit allen Lebensgenuss zu zerstören droht, tritt auf als Frohnatur. Bereits die „Vorletzten Gedichte“ von 1999 hatten mit den Ernüchterungen der Altersweisheit kokettiert: „So alte Dichter, Gotterbarm, / auch alternde Composer, / die einen werden täglich harm- / die andern umstandsloser.“ Diesen Vanitas-Gesängen hatte der Todkranke in seinem letzten Buch 37 weitere lyrische Selbstporträts im Blick auf die eigene Sterblichkeit hinzugefügt. Unbeeindruckt von der Gefahr, „noch ein paar weitere Zentimeter unter Niveau (zu) gehen“, verordnet Rühmkorf sich eine Poetik der absoluten Simplizität: „Einfach werden – radikal. / Kompliziert, das war einmal. / Weil, ...Subtilität / kaum ein Leser noch versteht.“

Diese Verheißung lyrischer Schlichtheit gehört zu den kunstvollen Täuschungsmanövern eines Autors, der in seine Volksliedstrophen stets unbotmäßige politische Pointen einzuschmuggeln vermochte. Dabei weiß der Dichter um die geringe Haltbarkeit politisch motivierter Dichtung: „Das Zeitgedicht, das Zeitgedicht, / hat nur ein kurzes Lebenslicht, / und wenn es auch die Wahrheit spricht, / man dankt’s ihm nicht! / Olé!“ Nun konzentrierte sich der lyrische Gaukler lieber auf die sarkastische Kommentierung der eigenen biologischen Begrenztheit, „paar Schaufelwürfe vorm Grab“.

Seine Gedichte flankierte der poeta doctus stets mit scharfzüngigen Essays, die bis heute das größte Schatzkästlein der zeitgenössischen Lyriktheorie bilden. Neben die Gedichtbände und Essays trat das Aphorismen-Flechtwerk seiner Aufzeichnungen und Tagebücher. In den opulenten Tagebuchbänden „Tabu I“ (1995) und „Tabu II“ (2004) betrieb Rühmkorf eine exzentrische „Privatgeschichtsschreibung“, in der er auch seine politischen Wirrungen verzeichnete.

In einem späten Gedicht hat er vorsorglich um Aufnahme in die literarische Ahnengalerie gebeten: „Wünsch mir im Himmel einen Platz / (auch wenn die Balken brächen) / bei Bellman, Benn und Ringelnatz / und wünschte, dass sie e i n e n Satz / in e i n e m Atem sprächen: / nimm Platz!“ Sein Haus am Elbstrand in Hamburg, in dem er viele Jahre mit seiner Ehefrau Eva-Maria verbracht hat, musste er wegen seiner schweren Krebserkrankung verlassen; in den letzten Monaten zog er sich in eine Bauernkate im Lauenburgischen in Schleswig-Holstein zurück. Dort ist Peter Rühmkorf am Sonntag im Alter von 78 Jahren gestorben. Dass ihm sein Wunschplatz im Dichterhimmel gebührt, daran besteht auf Erden kein Zweifel.

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