Lyrikpreis 2010 an Andre Rudolph
Die Leitpranken von Meran
Von Katrin Hillgruber in der Frankfurter Rundschau, 10.5.2010:

Es begann mit einem reisenden Geistlichen und seinem schwarzrotem Notizbuch. Wann immer Alfred Gruber eine neue, ihn faszinierende Dichterstimme hörte, hieß es: "Schreib deinen Namen hinein." Der Aufforderung des verstorbenen Leiters des Kreises Südtiroler Autoren kamen über die Jahre so viele nach, dass aus einem Grundstock von 5000 Einsendungen am 9. Juni 1993 der erste Lyrikpreis Meran im Pavillon des Fleurs eröffnet werden konnte. Sarah Kirsch, Mitglied der ersten Jury, beklagte sich damals scherzhaft über 45 Kilo poetisches Lebendgewicht.

Aus 5000 wurden inzwischen 50000 Poeme, die anonymisiert in Meran eintrafen, um vorab gesichtet zu werden. Denn alle zwei Jahre im Mai wird an den Ufern der reißenden Passer, wo sich Kafka, Benn, Ezra Pound und andere inspirieren ließen, dem Gedicht als konzentriertester literarischer Form ein Interesse entgegengebracht, das - neben dem Leonce-und-Lena-Preis - seinesgleichen sucht. Wegweisend wurden Autoren wie Kathrin Schmidt, Oswald Egger, Lutz Seiler oder zuletzt Martina Hefter prämiert.

Selten präsentierte sich die vermeintlich schwer zugängliche, oft selbstreferenzielle Poesie so erzählerisch und wirklichkeitsnah wie bei der nun zehnten Ausgabe von "Lyrik im Gespräch" (eine gleichnamige Dokumentation von Grubers Nachfolger Ferruccio Delle Cave und Martin Hanni ist soeben im Bozener FolioVerlag erschienen, mit Audio-CD). Erstmals waren die Texte der neun Finalistinnen und Finalisten sämtlich "unter der nördlichen Automatensonne" Deutschlands entstanden. Diesen Himmelskörper beschreibt Andre Rudolph mit einer anziehenden Mischung aus Ironie und Leichtigkeit in "confessional poetry". Schnell war sich die ebenso konziliante wie profund urteilende Jury - bestehend aus Ulla Hahn, Ilma Rakusa, Hans Jürgen Balmes, Christoph Buchwald und dem Innsbrucker Germanistikprofessor Wolfgang Wiesmüller - einig: Ecce poeta, und zwar ein sehr gegenwärtiger, der in einem freien Ton und unverbrauchten Bildern dichtet.

Rudolph, der mit "Fluglärm über den Palästen der Restinnerlichkeit" bei luxbooks debütierte, kam 1975 in Warschau als Sohn einer Polin und eines Deutschen zur Welt. Er wuchs in Leipzig auf, wo er heute polnische Kollegen wie Adam Wiedemann übersetzt.

Sei es eine absurde Tierrettung, seien es "Leitpranken" oder die misslungene Eroberung einer Schönen mit Bauchnabel "aus lauterem Gold, und üppig war sie wie die Sicherungskopie einer Mahlersinfonie": Rudolphs sehr zeitgenössischer Witz bietet dennoch den lyrischen Gewährsleuten Mond und Amsel Obdach. Poeme über Amseln, weiß der Träger des mit 8000 Euro dotierten Lyrikpreises Meran, "haben ja den Vorteil, dass sie schwarz sind und von den Rändern her singen" ("on the roof").

Von Tauben und Brühwürfeln

Auch ein "rundes gedicht" von Undine Materni aus Dresden bekam gefiederten Besuch - von einer Taube, die sich aus Gedicht und Gedanken nicht mehr vertreiben ließ. Doch Materni geriet wie Myriam Keil mit ihrer resignativ-bissigen Großstadtlyrik oder Eva Christina Zeller, die anrührend schlicht über Menschen- und Autofriedhöfe schreibt, ins Visier des etwas selbstgerechten Klischee-Detektors von Christoph Buchwald. Ebenso mussten sich Manfred Enzenspergers brühwürfelartig kondensierte rheinische Momentaufnahmen sowie Ulrich Kochs lakonische Verknappungskunst ("Das aufgebügelte Herz schlägt mir bis zum Hals") mit der Ehre begnügen, ins Finale und damit ins für die Lyrik so essentielle Gespräch gekommen zu sein.

Welche Bedeutung dem Vortrag als In-den-Mund-Nehmen eines Gedichts zukommt, bewies Christian Rosenau aus Weimar. Geschult an Vorbildern wie Trakl oder Wulf Kirsten, beeindruckte sein Zyklus über das Ende der DDR aus Kindersicht die Jury so sehr, dass sie dem jüngsten, 1980 geborenen Teilnehmer zu Recht einen Sonderpreis von 1000 Euro zukommen ließ. Den - inoffiziellen zweiten - Alfred-Gruber-Preis (3500 Euro) erhielt Sünje Lewejohann für ihre in reizvollen Blöcken angeordnete Liebeslyrik. In selbstbewusster Weiblichkeit lotet die 1972 geborene Wahl-Berlinerin das Spektrum von "Honigmund, Hysterie und Herzbestie" aus.

Dichten hieß für Joseph Brodsky, die Zeit anzuhalten. Mit der zehnstrophigen Elegie "der blick auf die harthöhe" salutierte Carsten Zimmermann, Jahrgang 1968, der alten BRD und ihrer allgegenwärtigen Angst vor dem Atomkrieg. Nicht nur Ulla Hahn überzeugten die Welthaltigkeit und der hohe Widerstand, gegen den Zimmermann in nur einer Woche angeschrieben hatte, mit der bedrohten Natur und den Vorsokratikern als Verbündeten. Ein Zeitgedicht, in dem Nachrichtensprecher und Käuzchenrufe koexistieren und das sich kühn in die Gegenwart wendet: Ein solches Wagnis hat neben dem Medienpreis von RAI Bozen (2500 Euro) alle Aufmerksamkeit verdient.

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