Philip RothKeine Erlösung weit und breit
Der große amerikanische Autor Philip Roth ist 80
Von Stefan Gmünder in Der Standard, Wien vom 19.03.2013:

Wenn ein Autor älter wird, bleiben ihm zwei Möglichkeiten. Entweder er geht in seinem Schreiben näher an sich, meist auch die eigene Kindheit heran, oder er nimmt - im Gegenteil - Distanz zum eigenen (Lebens-)Stoff ein. Philip Roth wählte eine dritte Option, indem er vergangenes Jahr verkündete, nie mehr einen Roman zu schreiben. Dieser radikale Schritt brachte dem Autor, der auf ein rund 30 Bände umfassendes Romanwerk zurückblickt, viel Respekt ein. Und es ist nicht der einzige Punkt, der ihn zu einer Ausnahmeerscheinung macht.

Gern wird der 1933 in Newmark, New Jersey, geborene Roth - dessen jüdische Vorfahren aus Galizien in die USA einwanderten (er schreibt darüber in Amerikanisches Idyll, 1997) - auf die Themen Judentum, Amerika und Sex festgelegt. Doch wenn Roth über jüdische Männer in den USA schreibt, schreibt er immer auch über das Glücksverlangen des Individuums in einer von rigiden Normen bestimmten Gesellschaft. Und wenn er das Leben in den USA thematisiert, meint er immer auch die westliche Konsumwelt. Und der Sex? Nun ja, er steht für jene andere Welt abseits von Kopf und Literatur.

Nemesis von Philip Roth, 2011, HanserGrob sind die erwähnten Themen schon in Roths erstem Erzählband Goodbye, Columbus (1959) vorgegeben, mit dem er auf Anhieb den National Book Award gewann. Bis in die 1970er-Jahre fahren dann Roths Helden, Portnoy etwa, das ganze Arsenal von Sex in allen Varianten, Psychoanalyse und Literaturlektüre auf: Ihr Ziel lautet Findung eines Lebenssinns. Am Ende bleiben sie alle unbefriedigt zurück, keine Erlösung weit und breit.

Selbst in eine schwere Lebenskrise geraten, betrieb Roth in den 1980ern mit der autobiografischen Romanserie über den fiktiven Schriftsteller Zuckerman eine Art literarischen Exorzismus, eine Selbstbefreiung, und stieß so in jenes Terrain vor, in dem die Grenzen zwischen Wahrheit, Fiktion und Wahn ineinanderfließen. Bis hinauf zum Nemesis-Zyklus (2006-2010) werden Roths Figuren seither gern mit dem Autor selbst verwechselt, was durchaus so intendiert war.

In Roths späten Romanen wird dann, wie Martin Lüdke schrieb, "keineswegs weniger gevögelt, dafür aber erheblich weniger gelesen." Den Umweg über die Literatur brauchen Roths Figuren gegen Ende nicht mehr, sie leben direkt. Wie ihr Schöpfer, der heute in New York seinen 80. Geburtstag feiert.

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