Philip RothPhilip Roth und die Läuse der Literatur
Der große amerikanische Romancier wird heute 75 Jahre alt - und regelt mit "Exit Ghost" schon einmal seinen Nachlass.
Von Jens Dirksen in der NRZ vom 18.3.2008:

Man kann "Exit Ghost", den neuen Roman von Philip Roth, auch als sachten Knuff für die Herrn vom Nobelpreis-Komitee lesen. Sie mögen sich doch ein bisschen beeilen. Roth, der heute 75 Jahre alt wird, ist mit diesem Buch nämlich schon dabei, sich präpostum mit seinen Biografen von morgen herumzuschlagen. Jenen Pseudo-Literarhistorikern, die jeden Winkel seines Lebens nach Skandalen und Fehlbarkeiten durchwühlen - "er wird übel in den Schmutz gezogen werden von den moralistischen Tugendbolden, den feministischen Predigerinnen, der übelkeitserregenden Überlegenheit der Läuse der Literatur", heißt es in dem Roman einmal über einen toten Schriftsteller, dem eine solche aufdeckungswütige Biografie droht.

Seltsam, immer gibt es irgendwas zu reden

Exit Ghost von Philip Roth, 2008, HanserMit "Exit Ghost" ist Nathan Zuckerman wiedergekehrt, die Figur, in der sich Philip Roth mehr als in jeder anderen selbst gespiegelt, verlängert, profiliert hat, ausgerechnet. Der Schriftsteller Zuckerman, seit elf Jahren draußen auf dem Land, kehrt zurück nach New York - eine neue Operationsmethode gegen Inkontinenz lockt ihn dahin. Sie weckt Hoffnungen, die er sich fast verzweifelt wieder ausredet, und sie weckt seine alten Schürzenjäger-Instinkte, als die schöne junge Autorin Jamie auftaucht.

In deren Windschatten stellt sich allerdings auch die erwähnte Art von Literaturlaus ein, eine Fleisch gewordene Unverschämtheit, eine Profilneurose mit menschlichem Antlitz. Und ein überzeugendes Plädoyer für die alte Weisheit, dass das, was Schriftsteller sagen wollen, in ihren Büchern steht und nicht in ihren Geburtsurkunden, Scheidungsdokumenten oder Liebesbriefen.

Ja, ausgerechnet der seit zwei Jahrzehnten oft mit autobiografischen Motiven spielende Roth, der auf seiner abgeschiedenen Farm in Connecticut die Ruhe für ausgeschlafene Romane findet, reklamiert die Autonomie des Werks, sein Recht, auch ohne Ansehen seines Autors wahrgenommen und verstanden zu werden.

Die schönsten Szenen dieses Romans sind aber die, in denen der aus allen Wolken seiner ländlichen Abgeschiedenheit gefallene Zuckerman feststellt, wieviel sich in elf Jahren verändert hat. Dass etwa jedem, aber auch jedem New Yorker auf der Straße ein Handy ans Ohr gewachsen ist - das lässt in ihm unweigerlich die Frage aufsteigen, was es denn wohl so viel mehr zu besprechen gibt als noch vor elf Jahren, als die Menschen ohne diese Telefone über die Straßen gingen.

Am Ende wird ein überaus durchdachter und doch eleganter Roman draus. Er kreist um die Würde, die einer im Angesicht des Todes noch wahren kann, die Würde der letzten Meter, die mehr Kraft kostet als alle zuvor. "Es gibt nur ein Rezept gegen das Altern", hat Philip Roth jüngst in einem Radio-Interview gesagt: "Die Verluste hinnehmen und das Beste aus dem machen, was uns noch bleibt." Wahrscheinlich tröstet Roth sich mit Joyce, Brecht, und Döblin, mit John Updike und William Gaddis, mit Alain Robbe-Grillet und George Orwell. Die haben schließlich den verdienten Nobelpreis auch nicht bekommen. (NRZ)

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.nrz.de]

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