Joseph Roths Flucht und Ende, Erinnerungen (2007, Zu Klampen, von Soma Morgenstern).Delirium Europa
Eine Wiener Ausstellung zu den späten Jahren Joseph Roths
Von Paul Jandl in Neue Zürcher Zeitung vom 4.4.2008:

Von Paris hat Joseph Roth schon in Friedenszeiten geschwärmt: «Wer nicht hier war, ist nur ein halber Mensch und überhaupt kein Europäer», telegrafiert der österreichische Schriftsteller 1925 an Benno Reifenberg. Dass die Stadt der Sehnsucht nur wenige Jahre später zu seinem Ort des Exils werden könnte, hat selbst der sensible Beobachter politischer Verhältnisse noch nicht geahnt. 1933, nach der Machtergreifung Hitlers in Deutschland, allerdings ist es für Joseph Roth Gewissheit, «dass wir grossen Katastrophen zutreiben». In Paris überlebt Roth die frühen Jahre des Nationalsozialismus, die späten bleiben ihm gnädig erspart. Im Mai 1939 stirbt der Schriftsteller, vom Alkohol zerfressen, im Pariser Hôpital Necker. Die Zeit im Exil ist es, die das Wiener Literaturhaus jetzt in einer Ausstellung präzise dokumentiert.

Dass in Joseph Roths romanhaftem Leben Erfindung von Wahrheit nicht immer ganz zu trennen war, wussten nicht nur die Freunde, denen er Episoden seiner Biografie in immer neuen Varianten erzählte. Roth war unstet, oft verloren und doch wie erfunden. Die Mysterien seines Daseins als Grandseigneur ohne Geld und als begnadeter Säufer, der dem Lauf der Welt dennoch nüchtern ins Auge blickt, haben jenes literarische Element, das auch in der Wiener Ausstellung schlagend wird. Tapfer sammelt sie auf, was vom turbulenten Leben Roths noch übrig geblieben ist. Briefe, verwackelte Fotografien, Manuskriptseiten und die gegen persönlichen Verlust resistenten Bücher und Zeitungsartikel des Schriftstellers.

In den von Lärm erfüllten Bars und Kaffeehäusern des Exils schreibt Joseph Roth seine Bücher, von «Tarabas» über die «Kapuzinergruft» bis zur «Legende vom heiligen Trinker», er verfasst Feuilletons und zornige Artikel gegen die Feigheit Europas gegenüber Hitler. An den «Rest des europäischen Gewissens» glaube er nicht, notiert Roth im Oktober 1936 im Pariser «Neuen Tage-Buch». Das von Hitler bedrohte Österreich ist dem k. u. k. Patrioten Roth nicht nur das «ältere Deutsche Reich», sondern auch Gegenstand einer verzweifelten politischen Aktion. Vor dem Einmarsch der deutschen Truppen in Österreich 1938 versucht der linke Legitimist Roth den Kaisersohn Otto von Habsburg als Regierungschef durchzusetzen.

Der Versuch, wie man weiss, misslingt. Der Untergang hat sich Roths Leben nicht weniger eingeschrieben als in seine Literatur. Längst dahin ist die Monarchie, und auch in der Stadt Paris steckt die Krankheit zum Tod. Die Abrissbirnen nehmen Joseph Roth sein geliebtes Hotel Foyot. Das Ende einer einstmals feudalen Bleibe führt den Schriftsteller noch ins gegenüberliegende Café Le Tournon. Das Lokal ist für ihn ein Exil im Exil. Die letzte Station im kriegsberauschten Europa, die letzte in Roths privatem Delirium.

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