Carlo Ross (links) erhält von Alfred Müller-Felsenburg den AMF-Preis überreicht (hf 0910)1.) - 2.)

Nachruf auf einen Freund
Zum Tode von Carlo Ross
Von Alfred Müller-Felsenburg, 16.8.2004

In der Nacht vom 11. auf den 12. August d.J. verstarb der Hagener Schriftsteller Carlo Ross nach langer Krankheit. Dennoch überraschte sein Hinscheiden alle, die ihm nahe standen, hatten sie doch gehofft, dass er, trotz seiner Leiden, noch einmal Lebensqualität gewinnen würde.

Der Journalist und Verfasserbedeutsamer Bücher gehört zu den Menschen, die während der Nazizeit von ihrer Umwelt stigmatisiert worden waren. 1928 in Hagen geboren und aufgewachsen, zählte er zu denjenigen, die plötzlich erfahren mussten, dass ihre jüdische Herkunft als ein unauslöschlicher Makel galt. Karl Otto, so sein richtiger Vorname, lebte mit seiner verwitweten Mutter im Stadtteil Altenhagen, zählte zu den so genannten assimilierten Juden, die weder beschnitten noch getauft worden waren. Er sollte zu einem späteren Zeitpunkt selbst herausfinden, welcher religiösen Gemeinschaft er sich anschließen wollte. In einem Gespräch mit mir bekannte er sich als gläubiger Jude, der sich der Hagener Synagogengemeinde verbunden wusste; aber dennoch das Empfinden spürte, zwischen zwei Stühlen zu sitzen, da er sich dem Christentum mehr als Nahe sah. Seine Mutter war einst Mitglied der Baptistengemeinde gewesen.

Nach dem Ende des 2. Weltkrieges suchte der damals 17jährige mühsam seinen beruflichen Weg, wandte sich dem Journalismus zu. Anfangs schrieb er für Jugendzeitschriften, volontierte bei der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung (WAZ), wechselte in die Sozialarbeit. Dann gründete er in Berlin einen Kleinverlag, war Herausgeber eines Heimatkalenders und der Seniorenpost der Stadt. Später lebte er als freier Autor in Regensburg. Erst im Spätstadium seines Daseins wagte er es, seine Erfahrungen, Erlebnisse und Einsichten in Bücher zu gießen. "...aber Steine reden nicht" (Bitter-Verlag, Recklinghausen/Büchergilde Gutenberg) wurde zu einem Bestseller. Ross erzählte das Schicksal eines jüdischen Hagener Jungen, flocht neben Fiktivem viel autobiografische Details ein, öffnete mit diesem Werk vor allem in seiner Heimatstadt Leserinnen und Lesern die Augen für das Unrecht, das Juden angetan worden war. "Im Vorhof der Hölle", einem Fortsetzungsband, geht es um die Jugendjahre des David Rosen im Ghetto Theresienstadt. In den selben Rahmen passt auch der Roman "Des Königs Kinder". Die angeblichen Ritualmorde von Juden an Christen führt Ross ad absurdum. Deutlich wird in diesem Buch, dass der Antisemitismus keineswegs allein ein Phänomen des 20. Jahrhunderts war und ist. Nicht nur für die erwähnten Arbeiten wurde Ross ausgezeichnet. Zum "Buch des Monats" wurde "...aber Steine reden nicht" von der Akademie für Kinder- und Jugendliteratur in Volkach gewählt, wie auch der Eintrag in die Empfehlungsliste des Gustav-Heinemann-Friedenspreises 1988 vorgenommen wurde.

Die Jury des "Alfred-Müller-Felsenburg-Preises für aufrechte Literatur" entschloss sich, Carlo Ross am 1. September 1994 zu ehren. Zu diesem Zeitpunkt lebte Ross noch in Regensburg, wünschte jedoch, in Recklinghausen den Preis empfangen zu dürfen, jenem Ort, in dem der Bitter-Verlag seine engagierten Werke herausgegeben hatte (Später wurden sie von anderen Verlagen übernommen).

Carlos Verhältnis zu Hagen war ambivalent geprägt: Er mochte seine Heimatstadt nicht mehr; aber: dennoch zog es ihn wieder her. Schließlich söhnte er sich mit der Volmestadt aus, schlug erneut seine Zelte hier auf. Allen üblen Erfahrungen zum Trotz, kannte er keinen Hass. Er suchte niemals die Revanche, sondern stets das Verbindende und "Verbindliche", das Verbundensein aller Menschen guten Willens. In sämtlichen nachfolgenden literarischen Niederlegungen - "Nur Gedanken sind frei"/"Michel im Teufelskreis" (1990 "Preis der Leseratten" der ZDF-Redaktion >Kinder- und Jugend<) /"Herr der Schwarzen Zelte" usf. -, setzte er diesen Vorsatz immer wieder neu und eindringlich um.

Er war ein Mann mit Herz. Gäbe es doch viele Menschen seiner Art!

Am Donnerstag, den 19.8.204, wird Carlo Ross um 11.30 Uhr auf dem Hagener Friedhof am Mops in Hagen-Haspe beigesetzt. Dort ließ er einen Gedenkstein für seine Mutter und sich errichten mit dem Zeichen des Kreuzes und dem des Davidsterns. Diese Symbolik braucht keine Erklärung!

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2.)

Carlo Ross, 1997, ©Foto: Marco Siekmann/WP (0804)Berührung: Christen und Juden
In der Nacht zum 12. August starb der Hagener Schriftsteller Carlo Ross nach langer Krankheit im Alter von 76 Jahren.
Über Carlo Ross von Monika Willer in der Westfalenpost vom 17.August 2004:

Grenzsituationen waren es, die ihn umtrieben. Und so spielen die Bücher des Autors entsprechend in Zeiten politischer und sozialer Krisen und lassen Menschen zu Wort kommen, die in einer aus den Fugen geratenen Welt ihren Weg finden müssen: Neben der Bedrohung von außen steht der Gewissenskonflikt, die Protagonisten kommen mit ihrem Glauben ebenfalls zwischen die Fronten.

Die Berührungspunkte zwischen Judentum und Christentum machte Carlo Ross in einem seiner letzten Werke erneut zum Thema: Zwei Jungen werden im Berlin der 1848er Revolution Freunde, teilen das gleiche soziale Elend und sehen die Welt doch als der evangelische Fritz und der jüdische Simon.

In seinen Büchern führte der Jugendbuchautor die Religionsfrage stets zu einer glücklichen Lösung. So auch in "Himmel über Berlin" ( Bertelsmann-Verlag 1997), wo die Mutter von Fritz den Onkel von Simon heiratet und alle eine neue Zukunft in Amerika wagen.

Diese Grenzgänge zwischen den Glaubensrichtungen prägten nicht nur die literarische Welt des 1928 geborenen Hageners, sondern auch seine Biografie. Die jüdische Mutter ließ sich evangelisch taufen. Ross kehrte wieder zum Glauben seiner Vorfahren zurück und sah sein Ziel darin, Brücken zu bauen. Denn ob "Die Königskinder" (Langen Müller 1994) sich in Regensburg vor Pogromen fürchten oder David Rosen ("... aber Steine reden nicht", dtv junior 1991) in der Armeleutegegend der Hagener "Stiege" aufwächst: Der Autor schilderte deutsche Geschichte, die undenkbar ist ohne jüdische und christliche Tradition gleichermaßen.

Im Mittelpunkt seiner Erzählungen stehen jedoch immer die Individuen, für die es keine vorgefertigten Lebensläufe gibt, sondern deren Schicksal gekennzeichnet ist vom unfreiwilligen "aus der Rolle fallen".

Im Medium des Jugendbuchs hatte Ross eine Ausdrucksform gefunden, die seiner Sprache kongenial entsprach. Der ehemalige Journalist beherrschte den Reportage-Stil mit großer Kunstfertigkeit und steht mit seinem Werk sicherlich in der Tradition der Arbeiten von Lion Feuchtwanger, der ja ebenfalls die Folgen von religiösen Wurzeln und Vorurteilen für seine literarischen Gestalten untersuchte.

So wird der Leser wie mit der dokumentarischen Handkamera an die Schauplätze der Ross-Romane herangeführt. Die dumpfe Enge der mittelalterlichen Gassen Regensburgs rückt gleichsam zum Riechen nah, der Leser spürt die verzweifelte Anstrengung, mit der die Mieter ihre trostlosen Arbeiterwohnungen in der Industriestadt Hagen in Schuss halten, um im Kampf gegen den Verfall wenigstens die eigene Würde zu retten, er friert mit der Berliner Familie Puvogel, die für drei Taler im Monat ihre Zimmer in einem Neubau für reiche Mieter trocken wohnt.

Die präzise Recherche hinter diesen Schilderungen trug unerwartete Früchte. Die von Ross in "Die Königskinder" lediglich vermutete Regensburger Judenstadt gab es wirklich. Sie wurde vor Jahren ausgegraben.

Steine bewahren das Gewissen der Menschheit: Dieses Motiv taucht in den Arbeiten des Autors häufig auf. Mit seinen Büchern versuchte Carlo Ross zu leisten, was steinerne Denkmäler nur passiv vermögen: Zeuge zu sein, im besten Sinne des Wortes, für die Menschen, die sonst namenlos bleiben würden.

Carlo Ross wird am morgigen Donnerstag um 11.30 Uhr auf dem Hasper Friedhof am Mops beigesetzt. Dort steht ein Gedenkstein für seine Mutter mit dem Zeichen des Kreuzes und des Judensterns.

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