Kathrin Röggla, Foto: foto-poklekowski.de

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Röggla über ihr "Kampusch-Stück
Kathrin Rögglas Stück "Die Beteiligten" über Natascha Kampusch hat in Wien Premiere. Die Autorin über Boulevard und Betroffenheit.
Von Michaela Mottinger im Kurier, Wien,11.10.2010:

Ihr "Nestroy"-Preis ist einer von dreien, die schon feststehen: Kathrin Röggla erhält heuer den Autorenpreis für ihr Stück "worst case" (Wiederaufnahme: 10. November im Schauspielhaus Wien). Diesen Samstag hat am Akademietheater "Die Beteiligten" Premiere. Darin lässt Röggla Menschen aus der "zweiten Reihe", wie den Quasifreund, den Möchtegern-Journalist, die Pseudopsychologin, das Schicksal der Natascha Kampusch durchhecheln.

KURIER: Was interessiert Sie so an Natascha Kampusch, dass Sie ein Stück schreiben wollten? Haben Sie sich damit nicht auch "beteiligt", als die "Gute-Absichten-Autorin"?
Kathrin Röggla: Es ist diese gesellschaftliche Unfähigkeit, mit Opfern von Verbrechen umzugehen, die mich nachhaltig beschäftigt hat. Um ehrlich zu sein, war ich zunächst von mir selbst erstaunt: Wie mich das Schweigen von Frau Kampusch fasziniert, was es in der Öffentlichkeit erzeugt hat, die wildesten Mutmaßungen, die erhoben wurden , und die für mich als Autorin ein fruchtbarer Boden waren. Ich war dann direkt enttäuscht, als sie sprach. Das ist natürlich ziemlich schräg. Genauso wie dieses Gefühl, ich könne mich da hineindenken, übergriffig ist. Mir wurde klar, wenn ich über die Reaktionen auf den "Fall Kampusch" schreibe, dann auch über mich und nicht nur über die Boulevardpresse.

Apropos Boulevard: Lesen Sie die "Katastrophenseiten"?
Polemisch könnte man sagen, dass es in den Zeitungen nur noch Katastrophenseiten gibt. Rubriken wie "Vermischtes" oder "Buntes aus aller Welt" ziehen mich an, weil sie, befreit von der Kategorie des Politischen, interessante Subtexte liefern.

Sie suchen sich die Themen aus dem Alltag der Menschen. Wie sieht Ihre Recherche aus?
Ich sammle Material, Lektüre, vielleicht in einem größeren, längerfristigen Rahmen, als es Journalisten machen können. Ich führe lange Gespräche. Ich erhalte manchmal eher Zugang zu Menschen als Journalisten, manchmal weniger leicht. Das hängt von den Themen und dem Anlass ab. Der wichtigste Unterschied ist, dass ich mir den Rahmen meiner Fragestellung während der Recherche erst erstellen muss; Journalisten schreiben ja immer im Auftrag.

Und befriedigen im Auftrag (der Auflage) die Sensationsgier ihrer Leserschaft?
Na, ich denke, man kann sich bei allen arbeitsinternen Zwängen doch immer noch frei entscheiden, ob man so was macht.

Empfinden Sie sich als politische Autorin in der Tradition Bernhards oder Jelineks?
Ich habe von beiden einiges gelernt. Ich weiß jetzt nicht, ob sie unbedingt in einer Tradition zu sehen sind, aber wenn es diese eine Tradition geben sollte, dann ja.

Sie haben für "Die Beteiligten" wieder auf ihre liebste Form, den Konjunktiv, zurückgegriffen, bei Ihrer jüngsten Arbeit aber darauf verzichtet. Worum geht's?
Um Konferenzdolmetscher - die arbeiten schon im Konjunktiv, nur stellt er sich anders her. Nein, im Ernst. Der Konjunktiv hat mich lange Zeit obsessiv beschäftigt. Mit ihm kann man die allgemeine Sehnsucht nach Dabeisein und Wirklich-da-sein, die sich etwa in Mainstream-Großveranstaltungen zeigt, spürbar machen. Er war auch erzähltechnisch für mich sehr spannend. Mit den letzten Arbeiten habe ich das auf die Spitze getrieben; jetzt möchte ich wieder etwas anderes versuchen.

"Die Beteiligten" erhält durch die Tatsache, dass Frau Kampusch kürzlich ein Buch veröffentlichte, neue Aktualität. Eine Bestätigung Ihres Stücks im Sinne von: Das "Opfer" bestimmt selbst, was es wie öffentlich macht?
Das kann ich erst sagen, wenn ich es gelesen habe. Grundsätzlich finde ich es toll, dass Natascha Kampusch diese Dinge, soweit sie kann, in die Hand nimmt und sich gegen öffentliche Zuschreibungen wehrt.

Zur Person: Chronistin des Zeit(ungs)geschehens: Kathrin Röggla wurde 1971 in Salzburg geboren. Schreibt seit 1988 Prosa, Hörspiele und Theatertexte.
Ihr Stil: experimentell, sprachkritisch, meist voll Ironie. Werke 2009: "die alarmbereiten" (über Krisenstorys in Zeitungen), "worst case" (über das Unvermögen der Menschen, diese Krisenstorys noch zu verarbeiten). Der "Nestroy" ist ihr 17. Preis.
Die Beteiligten scharen sich um das Opfer einer Entführung, um selber medial interessant zu werden. In der Regie von Stefan Bachmann spielen u. a. Jörg Ratjen, Peter Knaack und Barbara Petritsch. Premiere: 16. Oktober.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.kurier.at]

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