|
|
| Foto: Ekko von Schwichow www.schwichow.de |
Alain Robbe-Grillet 1922–2008
Der französischer Schriftsteller, Regisseur und "Papst des Nouveau
Roman" starb in der Nacht zum Montag im Alter von 85 Jahren in Caen
(Normandie)
Besprechung von Sebastian Fasthuber in Der Standard, Wien
vom 19.2.2008:
Alain Robbe-Grillet ist tot. Der bedeutende französische
Autor und Mitentwickler des Nouveau Roman ist am Montag im Alter von 85 Jahren
verstorben. Das ließ die Académie Française lakonisch verlauten, in die
Robbe-Grillet 2004 gewählt worden war.
Der studierte Agraringenieur und Naturwissenschafter hatte zunächst in einem
biologischen Labor gearbeitet, ehe er sich Anfang der 1950er-Jahre als freier
Schriftsteller in Paris niederließ. Über mehrere Jahrzehnte war er auch
literarischer Leiter des Verlags Les Éditions de Minuit. Daneben trat er als
Drehbuchautor und Regisseur in Erscheinung.
"Der Mensch betrachtet die Welt, und die Welt erwidert seinen Blick
nicht." Argumente für einen neuen Roman war die Essaysammlung
Robbe-Grillets betitelt, aus der dieser Satz stammt. Anders ausgedrückt: Den
Dingen sind wir Menschen egal.
Theorie der Literatur
Aus dieser Überlegung entwickelte der in Brest/Finistère
geborene Autor zentrale Teile seiner literarischen Theorie. Innerhalb des
Romans, schlussfolgerte Robbe-Grillet, sei jede Verbindung des Menschen mit den
Dingen abzustreifen. "Launisches Wetter"? Metaphern dieser Art konnten
seinem genauen Blick nicht standhalten.
In Romanen wie Die Jalousie oder Die Eifersucht (1957) oder Der
Augenzeuge (1955) setzte Robbe-Grillet seine Theorien in die Praxis um. Der
experimentelle Zugang sorgte für einige Aufregung. Die Kritiker empfanden seine
Texte zunächst als "Attentat gegen die Literatur". Sie übersahen,
dass die Erzählperspektive nur scheinbar objektiv und unbeteiligt war. In Die
Jalousie etwa überdeckte das nüchterne Registrieren nur den Wahn der
Eifersucht.
Robbe-Grillet verteidigte sich (und Kollegen wie Michel
Butor oder Nathalie
Sarraute) später: "Da in unseren Büchern keine 'Personen' im herkömmlichen
Sinn vorkommen, hat man daraus ein wenig voreilig geschlossen, man treffe darin
überhaupt keine Menschen an. (...) Selbst wenn man sehr viele Gegenstände
darin findet, die mit strenger Genauigkeit beschrieben sind, so ist es doch
immer und zuerst der Blick, der sie sieht, das Denken, das sie wiedersieht, die
Leidenschaft, die sie verzerrt."
An seinen Romanen – darunter auch die autobiografische Trilogie Romanesques
(1985–1994), in der er das autobiografische Schreiben parodierte und tatsächlich
Geschehenes durch reflexive Passagen und fantastische Parallelhandlungen in ein
zweifelhaftes Licht rückte – konnte man nachvollziehen, wie Denken und
Leidenschaft das Gesehene verzerren. Was wir immer noch gern realistisches Erzählen
nennen, für Robbe-Grillet war es längst keine Option mehr.
"Die Welt um uns herum", schrieb er 1959, "wird wieder eine
glatte Oberfläche ohne Bedeutung, ohne Seele, ohne Werte, der wie nie mehr
beikommen können. Wie der Arbeiter, der den Hammer, den er nicht mehr braucht,
niedergelegt hat, befinden wir uns wieder einmal den Dingen gegenüber."
Eine Expertise, die nichts an Gültigkeit verloren hat.
[...diese und weitere Berichte finden Sie unter www.derstandard.at]
Leseprobe I Buchbestellung 0208 LYRIKwelt - das LiteraturPortal im Internet! © Der Standard