Skurrilen
Versen eine starke Stimme gegebenKleine Papierschiffchen dümpeln auf der dunklen Bühne. Sie erinnern augenfällig an den Schiffsjungen und Weltreisenden Joachim Ringelnatz. Eine Stimme und damit das Leben aber gibt dem Vater vom „Seemann Kuttel Daddeldu“ der prominente Schauspieler Otto Sander.
Tief und sonor, mal ruppig, mal zärtlich, witzig und schnoddrig rezitiert Sander am Samstag im Ruhrfestspielhaus Recklinghausen Gedichte und Geschichten aus der Feder von Ringelnatz, dem meisterhaften Klassiker des höheren Blödsinns. Mit seinem Leseabend „Ich bin ein wenig schief ins Leben gebaut“ eröffnete Otto Sander mit wundervoller Leichtigkeit auf hohem Niveau die städtische Theatersaison.
Ein Tisch, ein Stuhl, ein Gläschen Rotwein und eine inzwischen auch aus der Werbung bestens vertraute Stimme: Diese Zutaten genügten für einen wunderbaren literarischen Abend. Otto Sander, das Publikum kennt ihn aus Filmen wie „Das Boot“ (Wolfgang Petersen) oder „Himmel über Berlin“ (Wim Wenders), als langjähriges Ensemble-Mitglied der Berliner Schaubühne oder als Gast des Bochumer Schauspielhauses („Kuss des Vergessens“), spielt mit dem Mythos Ringelnatz.
Sander schauspielert nicht, nutzt nur sparsam Gesten, um vor allem mit seiner Stimme Nachdenkliches, Skurriles, Ironisches und Melancholisches von Ringelnatz lebendig werden zu lasen. Nur manchmal blickt er mit einem verschmitzten Augenzwinkern ins Publikum, wendet sich schulterzuckend an die Menschen, wenn er allzu Bekanntes vorträgt wie die Geschichte von den zwei Ameisen („Das muss jetzt sein“).
Die Textauswahl enthielt Biografisches, die berühmten Kuttel-Daddeldu-Verse, die gereimte Persiflage auf die Turner-Mentalität („Deutsches Mädchen, grätsche, grätsche...“), Szenen aus dem „Geheimen Kinder-Spielbuch“ und sprachgedrechselte Kalauer. Da darf herzhaft gelacht werden, wenn der Unsinn blüht. Oft aber bleibt der untergründig traurige, schwermütige Ton spürbar, dem Otto Sander eine Stimme gibt („Ich habe meinen Soldaten aus Blei als Kind Verdienstkreuzchen eingeritzt. Mir selbst ging alle Ehre vorbei“).
Für eine perfekte Ergänzung sorgte Pianist Gerd Bessler mit seinen Kompositionen, stets mehr Kommentar als Pausenfüller. Ein paar Prunkstücke als Zugabe, das Gute-Nacht-Märchen eines besoffenen Seemanns und das „Abendgebet einer erkälteten Negerin“ (Drüben am Walde kängt ein Guruh, warte nur balde kängurst auch du“). Herrlich. Viel Jubel.[...diesen und weitere Berichte finden Sie unter www.waz.de]
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