Ein großer
deutscher Melancholiker
Heute vor 125 Jahren wurde im
sächsischen Wurzen Hans Gustav Böttcher geboren:
Joachim Ringelnatz.
Von
Jörg Bartel in der NRZ vom 7.8.2008:
"Es ist so traurig", schrieb der gute Erich Kästner, "dass sich die meisten angewöhnt haben, über Ringelnatz als einen Hanswurst und Suppenkasper zu lachen. Merken denn so wenige, dass man einen Dichter vor sich hat?" Heute, 125 Jahre nach der Geburt von Hans Gustav Böttcher in Wurzen nahe Leipzig, könnte es gelingen, in diesem "schief in die Welt gebauten" Alkoholiker einen der größten Melancholiker der neueren deutschen Literaturgeschichte zu erkennen. So wie Kurt Tucholsky das schon 1927 tat, als er in "manchem Blankverschen Ringelnatzens tiefstes Leid" empfand: "man kann dasselbe auch sehr ernst sagen, aber dann ist es nicht mehr so wirksam". Tucholsky meinte damit Gedichte jenseits von auswanderungswilligen Ameisen, Barrengedichten oder Kuttel Daddeldu.
Joachim Ringelnatz hat, weit weg von Goldigkeit und morgensternscher Skurrilität Gedichte über das unromantische Heimkommen im Vollrausch geschrieben ("Vier Treppen hoch bei Dämmerung", das er völlig humorfrei beginnen lässt mit "Du musst die Leute in die Fresse knacken"); er hat den hohen Rilke- und den heiter-hüpfenden Heine-Ton beherrscht und in zahllosen poetischen Eskapaden zauberhafte Anlässe zum Schmunzeln gegeben, aber er hat auch zeitnahe widerborstige Großstadtgedichte verfasst wie "Berlin" im Krisenjahr 1923, das von einem bewaffneten Raubüberfall handelt und davon, dass das Dichter-Ich den Angreifer mit fünf Schlägen auf den Schädel totschlägt (mit Hieben wie auf einen "Am-bam-bam-bam-boss"). Der Mann, der für die Deutschen ewig einen possierlichen Matrosenanzug tragen wird, war einmal Schiffsjunge und Leichtmatrose und im Ersten Weltkrieg sogar Kommandant eines Minensuchbootes. Er war kein verträumtes poetisches Weichei, das sich nicht zu wehren wusste, sondern eine verletzliche Seele, die selbst an Land irgendwie immer auf See blieb. Unter seinen Füßen sollte lebenslang der Boden schwanken - was nicht nur daran lag, dass er sich oft und gründlich besoff. Ja, er war ein Humorist, aber einer, der wusste, dass Komödien im Grunde Tragödien sind, die absurderweise gut ausgehen. Oder, wie wiederum Tucholsky in einem Essay über Ringelnatz schrieb, "welche Affenkomödie darin steckt, dass es weiter geht, dass es immer weiter geht."
Der Literatensohn Hans Gustav Böttcher, der sich den Seemannsnamen für "Seepferdchen" gab, musste kämpfen, damit es weiterging. Zweimal flog er vom Gymnasium, das Leben als Schiffsjunge und die Kriegszeit waren bitter, und die Jahre danach als Bibliothekar, Dachpappenverkäufer und Buchhalter blieben es. Vor dem Ersten Weltkrieg schon hatte man ihn im Münchner Künstlerlokal Simplizissimus auf der Bühne gesehen, wo er unter Schwabingers Bohemiens sogar "Kult" wurde. Leben konnte er davon genauso wenig wie von den sieben schmalen Gedichtbändchen, die er zwischen 1909 und 1913 veröffentlichte und die in Münchner In-Zirkeln von Hand zu Hand gingen. Er war ein Zufrühgeborener, in unseren Zeiten, da das Geschäft mit Comedy und Kabarett boomt wie nie, wäre dieser fahrende Poesie-Artist Millionär geworden.
Ein breiteres Publikum erreichte er, als ihn die berühmte Berliner Kabarettbühne "Schall und Rauch" engagierte, damals das Mekka des deutschen Kabaretts. Zur Ikone des unbiederen deutschen Humors wurde er, als 1920 seine Seemannikaden "Kuttel Daddeldu" und die heute noch berühmten "Turngedichte" erschienen, in denen er sich herrlich über den völkischen Körperkult von Turnvater Jahn und Co. lustig machte. In diesem Jahr heiratete er auch die Lehrerin Leonharda Pieper, die er aber "Muschelkalk" taufte. Sie teilte mit ihm ein schwieriges Leben zwischen Ruhm und Rum am Rande des Existenzminimums. Sie stand ihm bei, als die Nazis ihm 1933 Auftrittsverbot erteilten, seine Bücher verbrannten und seine düsteren Bilder für "entartet" erklärten. Joachim Ringelnatz starb im November 1934 an Tuberkulose. Das Geld, das ihm Freunde und Verehrer wie Paul Wegener und Asta Nielsen zusteckten, reichte nicht aus für eine Heilung. Begraben liegt dieser traurige Humorist auf dem Berliner Waldfriedhof - unter einer Grabplatte aus Muschelkalk. (NRZ)
[...diesen und weitere Berichte finden Sie unter www.nrz.de]
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