1.) -2.)
Das Ende kam in der fränkischen Pulvermühle
Legendärer Literatenzirkel: Vor 60 Jahren
wurde die Gruppe 47 gegründet, vor 40 Jahren ging sie auseinander
Von Wolf Scheller aus
den Nürnberger Nachrichten
vom 11.08.2007:
«Totsein heißt, den Lebenden
ausgeliefert zu sein.» An dieses Wort aus «Das Sein und Nichts» von Jean-Paul
Sartre fühlt man sich in der Rückschau auf die Gruppe 47 erinnert, die vor
60 Jahren entstanden ist, vor 40 sang- und klanglos unterging und heute als
Mythos durch die Erinnerung der literarischen Nachwelt geistert.
Neben Heinrich Böll, Siegfried
Lenz, Martin
Walser und Ingeborg
Bachmann ist Günter
Grass der prominenteste Autor, der aus der Gruppe 47 hervorging. Als sie im
September 1947 am Bannwaldsee im Allgäu entstand, waren die 17 Teilnehmer
völlig unbekannt, und auch als es in den nächsten Jahren immer mehr wurden,
kümmerte sich die Öffentlichkeit kaum um sie. Politisch-moralisch war die
Situation unübersichtlich.
In diesem losen Zusammenschluss von politisch linksliberalen Geistern trafen
jüdische Emigranten wie Peter
Weiss, Wolfgang
Hildesheimer, Hans
Mayer oder Erich Fried
auf einstige Flakhelfer, Wehrmachts- und SS-Soldaten wie Heinrich
Böll und Günter Grass
aufeinander. Aus der Not- und Orientierungssuche entwickelte sich dieser Kreis
zum Sammelpunkt von Schriftstellern einer durch Krieg und Gefangenschaft
geprägten Generation, die unter der unbestrittenen Führung von Hans
Werner Richter doch zur einflussreichsten Institution der
Nachkriegsliteratur wurde.
Kritiker im Tross
Doch beizeiten schieden sich die Geister. Allmählich wechselte die raue
«Landser-Atmosphäre» der ersten Jahre zum intellektuellen Höhenklima der
späteren Gruppentreffen in den sechziger Jahren. Längst hatte sich den
Tagungen ein Tross von Verlegern, Lektoren und Journalisten angeschlossen, die
die Gruppe zu einer Art Literaturbörse ausbauten. Auch die Kritiker bildeten im
vielstimmigen Konzert der ebenso ehrgeizigen wie unduldsamen jungen Talente
einen Extrachor, an dessen Spitze neben Walter
Jens die Herren Hans
Mayer, Marcel
Reich-Ranicki, Walter
Höllerer, Joachim
Kaiser und Peter
Wapnewski standen.
Da wurde der Umgangston innerhalb der Gruppe gerade auch gegenüber den älteren
Autoren aus dem Exil auch zunehmend schärfer. Er kenne die Unverschämtheit der
so genannten jungen Generation, schimpfte Mitte der fünfziger Jahre Thomas
Mann aus dem fernen Schweizer Kilchberg. «Das Benehmen der 47er bei ihrer
Vorlesung ist natürlich pöbelhaft bis zur Unglaubwürdigkeit, nur bei dieser
Rasselbande möglich. Millionen des Schlages werden sich nun, mit hochstehender
Währung reich versehen, reisend über die Welt ergießen und überall ihre
dreiste Schnauze hören lassen.»
Tagungen der Gruppe 47 begannen stets an einem Freitagmorgen. Der Donnerstag war
Anreisetag. Am Samstagabend jeweils das von Richter so bezeichnete «Fest», bei
dem es oft zu heftigen Streitereien zwischen den Literaten kam, die mittlerweile
zum Legendenreigen um den Gruppen-Mythos gehören. Hans
Werner Richter, der Spiritus Rector, entschied stets allein darüber, wer am
Sonntagvormittag vorzulesen hatte. Die Debütanten waren dabei nicht zu
beneiden. Beim anschließenden Disput, der häufig zum Verriss wurde, durften
sie sich nicht äußern.
1967 dann das Debakel mit der «traurig-komischen Abschlusstagung in der
fränkischen Pulvermühle» (Hans Mayer), als eine linke Erlanger
Studentengruppe die versammelten Autoren als «Papiertiger» verspottete. Schon
ein Jahr zuvor - bei der Tagung im amerikanischen Princeton - hatte der junge Peter
Handke mit seinem Vorwurf der «Beschreibungsimpotenz» die literarische
Autorität der 47er beiseite gewischt. Freilich: Das Ende der Pulvermühle, als
die Demonstranten vor dem Gasthaus bei Waischenfeld «Dichter, Dichter,
Dichtergreise» riefen, war besonders bitter. Schließlich galt die Gruppe 47
als eine Art geistiger Ahnvater der Studentenbewegung. Spätere Versuche, den
Geist der Gruppe künstlich zu reanimieren, blieben bedeutungslos.
Ein letztes Mal traf man sich 1990 auf Schloss Dobris bei Prag. Fast 25 Jahre
zuvor hatte der Berliner Autor und ehemalige APO-Aktivist Peter
Schneider über den Literatenzirkel geurteilt: «Die spannendsten
literarischen Produkte brachten in diesen Jahren diejenigen Künstler zustande,
die von Anfang an sagten, dass Politik für sie kein Thema wäre.»
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2.)
Vorlesen auf dem Elektrischen Stuhl
Heute vor 60 Jahren gründete Hans
Werner Richter die "Gruppe 47".
Besprechung von Jens Dirksen
aus der
NRZ vom
5.09.2007:
Als Siegfried Lenz zum ersten Mal auf einer Tagung der Gruppe 47 las, klatschte einer, der Verleger Heinrich-Maria Ledig-Rowohlt. Auch er war zum ersten Mal bei den 47ern zu Gast - und wurde allseits fassungslos angestarrt. "Bei uns wird nicht geklatscht", beschied Hans Werner Richter barsch. - "Wenn der Text es aber doch wirklich verdient?!", fragte Ledig Rowohlt zurück. "Auch dann nicht", sagte Richter, "Beifall, verstehen Sie, verkürzt einfach die Arbeitszeit."
Was Hans Werner Richter da vor 60 Jahren am Bannwaldsee bei Füssen gegründet hatte, war ein Club der überlebenden Dichter, ohne Satzung. Das heißt: Richter war die Satzung, er verschickte seit jenen Septembertagen von 1947 eigenmächtig die Einladungskarten für das nächste Teffen.
Kollegen-Kritik und Kungeleien
Der ehemalige KPDler Richter war als Wehrmachtssoldat 1943 während der Schlacht um Monte Cassino in US-Gefangenschaft geraten. Das Lager war seine journalistische Ausbildungsstätte, und als er 1946 nach Deutschland zurückkehrte, gründete er zusammen mit dem ungleich talentierteren Alfred Andersch in München die Zeitschrift "Der Ruf", die bald über 100 000 Abonnenten hatte, aber wegen Kritik an den Besatzungsmächten von denselben verboten wurde.
So beschloss Richter, dass sich die jungen Autoren ihre Texte gegenseitig vorlesen sollten - eine Idee, aus der im Laufe der Zeit ein "elektrischer Stuhl" wurde: Die Bissigkeit und Unbarmherzigkeit der Kollegen-Kritik in der Gruppe 47 machte Feinde überflüssig.
Grass, Böll, Walser, Johnson, Ingeborg Bachmann, Enzensberger, sie alle wurden in der Gruppe 47 entdeckt, sie alle fanden hier fordernd-fördernde Kollegen und Verleger. Im Laufe der 50er und 60er Jahre aber bekamen die Literaturkritiker und -professoren das Sagen, Joachim Kaiser, Marcel-Reich Ranicki, Reinhard Baumgart, Hans Mayer, Walter Höllerer, Roland H. Wiegenstein. 1967 gab es eine letzte Tagung in Princeton, bis zur offiziellen Auflösung vergingen noch einmal zehn Jahre.
Was die Gruppe zusammenhielt, war die Ablehnung der Nazis und ihrer Literatur. Dass sie sich zu einem Kartell entwickelte, sorgte dafür, dass die bis weit in die 50er Jahre vorherrschende reaktionäre Literatur von Werner Bergengruen bis Ina Seidel im Staub der Regale verschwand. Konservative Demagogen verdrehten das zum Vorwurf, die Gruppe 47 sei eine "linke Reichsschrifttumskammer". Über Leistungen und Verfehlungen (etwa gegenüber Paul Celan) der Gruppe, die an Intrigen nicht arm war, kann sich aber dank vieler neuer und neu aufgelegter Bücher jeder selbst ein Bild machen. (NRZ)
[...diesen und weitere Berichte finden Sie unter www.nrz.de]
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