Im Etablissement der Schmetterlinge, Einundzwanzig Porträts aus der Gruppe 47 (1986/2004, Wagenbach).1.) -2.)

Das Ende kam in der fränkischen Pulvermühle
Legendärer Literatenzirkel: Vor 60 Jahren wurde die Gruppe 47 gegründet, vor 40 Jahren ging sie auseinander
Von Wolf Scheller aus den Nürnberger Nachrichten vom 11.08.2007:

«Totsein heißt, den Lebenden ausgeliefert zu sein.» An dieses Wort aus «Das Sein und Nichts» von Jean-Paul Sartre fühlt man sich in der Rückschau auf die Gruppe 47 erinnert, die vor 60 Jahren entstanden ist, vor 40 sang- und klanglos unterging und heute als Mythos durch die Erinnerung der literarischen Nachwelt geistert.

Neben Heinrich Böll, Siegfried Lenz, Martin Walser und Ingeborg Bachmann ist Günter Grass der prominenteste Autor, der aus der Gruppe 47 hervorging. Als sie im September 1947 am Bannwaldsee im Allgäu entstand, waren die 17 Teilnehmer völlig unbekannt, und auch als es in den nächsten Jahren immer mehr wurden, kümmerte sich die Öffentlichkeit kaum um sie. Politisch-moralisch war die Situation unübersichtlich.

In diesem losen Zusammenschluss von politisch linksliberalen Geistern trafen jüdische Emigranten wie Peter Weiss, Wolfgang Hildesheimer, Hans Mayer oder Erich Fried auf einstige Flakhelfer, Wehrmachts- und SS-Soldaten wie Heinrich Böll und Günter Grass aufeinander. Aus der Not- und Orientierungssuche entwickelte sich dieser Kreis zum Sammelpunkt von Schriftstellern einer durch Krieg und Gefangenschaft geprägten Generation, die unter der unbestrittenen Führung von Hans Werner Richter doch zur einflussreichsten Institution der Nachkriegsliteratur wurde.

Kritiker im Tross

Doch beizeiten schieden sich die Geister. Allmählich wechselte die raue «Landser-Atmosphäre» der ersten Jahre zum intellektuellen Höhenklima der späteren Gruppentreffen in den sechziger Jahren. Längst hatte sich den Tagungen ein Tross von Verlegern, Lektoren und Journalisten angeschlossen, die die Gruppe zu einer Art Literaturbörse ausbauten. Auch die Kritiker bildeten im vielstimmigen Konzert der ebenso ehrgeizigen wie unduldsamen jungen Talente einen Extrachor, an dessen Spitze neben Walter Jens die Herren Hans Mayer, Marcel Reich-Ranicki, Walter Höllerer, Joachim Kaiser und Peter Wapnewski standen.

Da wurde der Umgangston innerhalb der Gruppe gerade auch gegenüber den älteren Autoren aus dem Exil auch zunehmend schärfer. Er kenne die Unverschämtheit der so genannten jungen Generation, schimpfte Mitte der fünfziger Jahre Thomas Mann aus dem fernen Schweizer Kilchberg. «Das Benehmen der 47er bei ihrer Vorlesung ist natürlich pöbelhaft bis zur Unglaubwürdigkeit, nur bei dieser Rasselbande möglich. Millionen des Schlages werden sich nun, mit hochstehender Währung reich versehen, reisend über die Welt ergießen und überall ihre dreiste Schnauze hören lassen.»

Tagungen der Gruppe 47 begannen stets an einem Freitagmorgen. Der Donnerstag war Anreisetag. Am Samstagabend jeweils das von Richter so bezeichnete «Fest», bei dem es oft zu heftigen Streitereien zwischen den Literaten kam, die mittlerweile zum Legendenreigen um den Gruppen-Mythos gehören. Hans Werner Richter, der Spiritus Rector, entschied stets allein darüber, wer am Sonntagvormittag vorzulesen hatte. Die Debütanten waren dabei nicht zu beneiden. Beim anschließenden Disput, der häufig zum Verriss wurde, durften sie sich nicht äußern.

1967 dann das Debakel mit der «traurig-komischen Abschlusstagung in der fränkischen Pulvermühle» (Hans Mayer), als eine linke Erlanger Studentengruppe die versammelten Autoren als «Papiertiger» verspottete. Schon ein Jahr zuvor - bei der Tagung im amerikanischen Princeton - hatte der junge Peter Handke mit seinem Vorwurf der «Beschreibungsimpotenz» die literarische Autorität der 47er beiseite gewischt. Freilich: Das Ende der Pulvermühle, als die Demonstranten vor dem Gasthaus bei Waischenfeld «Dichter, Dichter, Dichtergreise» riefen, war besonders bitter. Schließlich galt die Gruppe 47 als eine Art geistiger Ahnvater der Studentenbewegung. Spätere Versuche, den Geist der Gruppe künstlich zu reanimieren, blieben bedeutungslos.

Ein letztes Mal traf man sich 1990 auf Schloss Dobris bei Prag. Fast 25 Jahre zuvor hatte der Berliner Autor und ehemalige APO-Aktivist Peter Schneider über den Literatenzirkel geurteilt: «Die spannendsten literarischen Produkte brachten in diesen Jahren diejenigen Künstler zustande, die von Anfang an sagten, dass Politik für sie kein Thema wäre.»

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Im Etablissement der Schmetterlinge, Einundzwanzig Porträts aus der Gruppe 47 (1986/2004, Wagenbach).2.)

Vorlesen auf dem Elektrischen Stuhl
Heute vor 60 Jahren gründete Hans Werner Richter die "Gruppe 47".
Besprechung von Jens Dirksen aus der NRZ vom 5.09.2007:

Als Siegfried Lenz zum ersten Mal auf einer Tagung der Gruppe 47 las, klatschte einer, der Verleger Heinrich-Maria Ledig-Rowohlt. Auch er war zum ersten Mal bei den 47ern zu Gast - und wurde allseits fassungslos angestarrt. "Bei uns wird nicht geklatscht", beschied Hans Werner Richter barsch. - "Wenn der Text es aber doch wirklich verdient?!", fragte Ledig Rowohlt zurück. "Auch dann nicht", sagte Richter, "Beifall, verstehen Sie, verkürzt einfach die Arbeitszeit."

Was Hans Werner Richter da vor 60 Jahren am Bannwaldsee bei Füssen gegründet hatte, war ein Club der überlebenden Dichter, ohne Satzung. Das heißt: Richter war die Satzung, er verschickte seit jenen Septembertagen von 1947 eigenmächtig die Einladungskarten für das nächste Treffen.

Kollegen-Kritik und Kungeleien

Der ehemalige KPDler Richter war als Wehrmachtssoldat 1943 während der Schlacht um Monte Cassino in US-Gefangenschaft geraten. Das Lager war seine journalistische Ausbildungsstätte, und als er 1946 nach Deutschland zurückkehrte, gründete er zusammen mit dem ungleich talentierteren Alfred Andersch in München die Zeitschrift "Der Ruf", die bald über 100 000 Abonnenten hatte, aber wegen Kritik an den Besatzungsmächten von denselben verboten wurde.

So beschloss Richter, dass sich die jungen Autoren ihre Texte gegenseitig vorlesen sollten - eine Idee, aus der im Laufe der Zeit ein "elektrischer Stuhl" wurde: Die Bissigkeit und Unbarmherzigkeit der Kollegen-Kritik in der Gruppe 47 machte Feinde überflüssig.

Grass, Böll, Walser, Johnson, Ingeborg Bachmann, Enzensberger, sie alle wurden in der Gruppe 47 entdeckt, sie alle fanden hier fordernd-fördernde Kollegen und Verleger. Im Laufe der 50er und 60er Jahre aber bekamen die Literaturkritiker und -professoren das Sagen, Joachim Kaiser, Marcel-Reich Ranicki, Reinhard Baumgart, Hans Mayer, Walter Höllerer, Roland H. Wiegenstein. 1967 gab es eine letzte Tagung in Princeton, bis zur offiziellen Auflösung vergingen noch einmal zehn Jahre.

Was die Gruppe zusammenhielt, war die Ablehnung der Nazis und ihrer Literatur. Dass sie sich zu einem Kartell entwickelte, sorgte dafür, dass die bis weit in die 50er Jahre vorherrschende reaktionäre Literatur von Werner Bergengruen bis Ina Seidel im Staub der Regale verschwand. Konservative Demagogen verdrehten das zum Vorwurf, die Gruppe 47 sei eine "linke Reichsschrifttumskammer". Über Leistungen und Verfehlungen (etwa gegenüber Paul Celan) der Gruppe, die an Intrigen nicht arm war, kann sich aber dank vieler neuer und neu aufgelegter Bücher jeder selbst ein Bild machen. (NRZ)

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