Im Krimi die Gesellschaft
erklärt
Zum Tod von Herbert
Reinecker - Vater von „Derrick” und „Der Kommissar”
Von Jürgen Grünhagen aus dem Münchner
Merkur, 8.02.2007:
Der Erfinder von ZDF-Krimiserien wie „Derrick” oder „Der Kommissar” hat es sich nie leicht gemacht. „Man muss den Lauf der Welt in einem großen Zusammenhang sehen”, sagte Herbert Reinecker anlässlich seines 90. Geburtstages im Dezember 2004. Moralische Schranken gebe es nicht mehr. Reinecker selbst befand, es sei nicht gut, wenn Krimis nur der Unterhaltung dienten.
Er
wollte die Gesellschaft erklären - und zugleich die Menschen mahnen. Seine
Geschichten handelten stets von schuldhafter Verstrickung. Der Autor vieler
hundert Drehbücher starb bereits am 26. Januar im Alter von 92 Jahren in seinem
Haus in Berg (Landkreis Starnberg).
Über 400 Krimis hat Reinecker verfasst, davon allein 281 für die Fernsehserie
„Derrick” mit Horst Tappert in der Titelrolle. Tappert klagte über die
ersten Drehbücher, der Autor habe ihm „Sätze in den Mund gelegt, die auch
„Der Kommissar” hätte sprechen können”. Der Schauspieler musste sich an
Reineckers Stil erst gewöhnen. Er hatte auch keine andere Wahl: „Ich hatte
immer völlig freie Hand bei der Wahl meiner Geschichten. Die wurden dann auch
so verfilmt”, betonte Reinecker einmal.
Mit den Kriminalfilmen des ausgehenden 20. Jahrhunderts konnte er sich nicht
mehr identifizieren: „Heute wird die Qualität eines Textes nur noch am
Unterhaltungswert und an den Quoten gemessen.” Das sei bei ihm noch anders
gewesen.
Der im nordrhein-westfälischen Hagen geborene Sohn eines Bahnbeamten prägte
ein ganzes (Krimi-)Genre. Vor „Derrick” hatte er die nicht weniger populäre
Serie „Der Kommissar” erfunden, für die er von 1969 bis Anfang 1976 knapp
100 Folgen schrieb. Die Zeiten, in denen er noch etwas habe „loswerden
müssen”, seien vorbei. „Alles hat seine Zeit. So wie ich Krimis geschrieben
habe, so verfasst sie heute keiner mehr”, sagte er, nachdem „Derrick” 1998
in den Ruhestand geschickt worden war.
Sein Leben „nach Derrick” verbrachte Reinecker gemeinsam mit seiner Frau
Holly in einem Haus am Starnberger See. „Ich bin sehr glücklich, auch wenn
ich manchmal nur einen Satz am Tag schreibe”, sagte er. Nur durch die Hilfe
seiner Frau könne er trotz eines Augenleidens noch aktiv am Leben teilhaben.
Die Karriere Reineckers hatte auch ihre Schattenseiten. Nach seinem Eintritt
1932 in die Hitlerjugend wurde er Propagandaschreiber beim
„Reichsjugendführer” in Berlin. Im Zweiten Weltkrieg war er
Kriegsberichterstatter. Im Jahr 1953 entstand sein Bestseller „Kinder, Mütter
und ein General”, der nach seinem Drehbuch auch erfolgreich verfilmt wurde.
Für sein Werk zum Kinoerfolg „Canaris” erhielt er das Filmband in Gold.
Zum Fernsehen fand er in den sechziger Jahren durch die Zusammenarbeit mit dem
Produzenten Helmut Ringelmann. In dieser Zeit haben ihm vor allem die
Drehbücher für seine pfiffige Rentnerserie „Jakob und Adele” mit Carl
Heinz Schroth und Brigitte Horney berühmt gemacht. Der passionierte Golfspieler
Reinecker war zwei Mal verheiratet und hat zwei Kinder aus erster Ehe. Im
Februar 2003 kündigte er an, seinen beruflichen Nachlass - fast 500
Drehbücher, Manuskripte und Briefe - dem Filmmuseum Berlin zu vermachen.
„Herbert Reinecker verabschiedet sich von seinen Freunden”, steht in der
kleinen Todesanzeige, die jetzt erschien. Seine Familie wollte keinen Rummel um
den Mann, der einst den Stoff lieferte, aus dem die Krimis sind.
[...diesen und weitere Berichte finden Sie unter www.merkur-online.de]
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