Marcel Reich-Ranicki, am 08. November 1996 im Gespräch mit Ulrich Plenzdorf und Hermann Kant, Foto: Foto-Prust

Marcel Reich-Ranicki, am 08. November 1996 im Gespräch mit Ulrich Plenzdorf und Hermann Kant
Foto: Günter Prust www.foto-prust.de

Mein Leben, Marcel Reich-Ranicki, dtv 12830Marcel Reich-Ranicki war der Mann, der Autoren machte
In Frankfurt ist der große Literaturkritiker, Essayist, Fernseh-Entertainer und Holocaust-Überlebende Marcel Reich-Ranicki mit 93 Jahren gestorben. Er überlebte das Warschauer Ghetto und wurde zur einflussreichsten Stimme der deutschen Literaturkritik nach 1945.
Von Jens Dirksen in der NRZ vom 19.9.2013:

Sein größter Triumph währte bis zu diesem Mittwoch: Dass Marcel Reich-Ranicki all seine Peiniger und die allermeisten Schergen jenes Nazi-Systems überlebt hat, das ihn wie Millionen anderer Juden in die Gaskammern schicken wollte, das wurde zum Fundament eines reichen, erfüllten Lebens voller überstandener Kontroversen, beeindruckender Auftritte und, er hat es selbst oft betont, auch einsamer Momente.

Seine letzte große Bühne fand er im deutschen Bundestag, wo er vor zwei Jahren die Rede zum Holocaust-Gedenktag hielt.
Er sprach schlicht, in ungewohnter Bescheidenheit, als Zeitzeuge, er erzählte, vom allmählichen Voranschreiten der Vernichtung, und er sparte auch den bewegenden, anrührenden Moment nicht aus, als er kurz vor der Deportation im Warschauer Ghetto noch „Tosia“ heiratete, die Frau, die fast sieben Jahrzehnte an seiner Seite bleiben sollte, allen Affären und Anwürfen zum Trotz.

Reich-Ranickis Eltern aber starben in den Gaskammern von Treblinka. Und nicht einmal seine geliebten Bücher beantworten die eine Frage, die ihn, den Überlebenden umtrieb: „Warum wurden wir gerettet?“ Sein ausgeprägter Mangel an Geduld und Nachsicht dürfte eher ein Echo solcher Erfahrungen gewesen sein denn eine bloße Laune.

Literatur war für Reich-Ranicki Ersatzreligion

Bildung, Literatur, das waren Ersatzreligionen für den Atheisten Reich-Ranicki. Als aus dem polnischen Fabrikantensohn, der mit neun Jahren nach Berlin übersiedelte und die deutsche Kultur aufsog, 1938 ein Geächteter geworden war, den die Nazis nicht studieren ließen, hat er sich an die Literatur geklammert. Mit ihr als Korsett und Rüstung überlebte er das Warschauer Ghetto.

Der eigentliche Sieg des Marcel Reich-Ranicki über seine Widersacher aber lag darin, dass er nach dem Zweiten Weltkrieg zu einem Kristallisationspunkt des deutschen Geisteslebens werden sollte. Zunächst als Mitglied der legendären Gruppe 47 aus Kritikern und Autoren, in die ihn sein Freund Siegfried Lenz einführte. Als Literaturkritiker wurde er rasch tonangebend, zunächst in der Wochenzeitung „Die Zeit“ bis 1973 und dann für die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“, wo er das Literaturressort übernahm und auch zum Literatur-Chef aufstieg. Dort wurde MRR, wie er allseits ehrfürchtig genannt wurde, der Mann, der Autoren „machte“. Er dirigierte das Bachmann-Wettlesen in Klagenfurt, er knickte Autorenkarrieren oder streckte sie. Streitbar, verletzend, mitunter auch geschützt vom Nimbus des Holocaust-Überlebenden, ein Enfant terrible. Und zutiefst durchdrungen von der Mission eines Kunstrichters.

Der Literaturkritiker Reich-Ranicki war unfehlbar? Nicht immer!

Du sollst keine Zweifel an deinem Urteil lassen – vielleicht war es so etwas wie sein elftes Gebot, das Marcel Reich-Ranicki irgendwann den Vornamen Literaturpapst einbrachte. Den Gestus der Unfehlbarkeit, mit dem der Literaturrichter Reich-Ranicki Urteile zelebrierte, teilte er mit anderen Päpsten. Aber er war kein Unfehlbarkeitsdogmatiker: Der Widerruf seiner beinahe historischen Fehleinschätzung der „Blechtrommel“ von Günter Grass kam nur drei Jahre nach dem vehementen Verriss.

Als Pensionär schließlich gelang ihm die zweite große Karriere seines Lebens, die ihn auch für viele Menschen jenseits der intellektuellen Zirkel zur bekannten Größe machte: Als Chefdirigent des „Literarischen Quartetts“ im ZDF machte er die Buchkritik salonfähig, ja mehr als das: massentauglich. Wieder „machte“ MRR Autoren wie Harold Brodkey oder Javier Marias. In der Literatur-Talkshow mit dem meinungselastischen Kritikerfreund Hellmuth Karasek und der intellektuell mindestens satisfaktionsfähigen Sigrid Löffler wurde Reich-Ranicki zur Fernsehfigur, die dankbar parodiert wurde. Die überschaubare Zahl seiner Argumente und Kriterien ließ ihn mit der Zeit berechenbar werden. Er kompensierte das allerdings mit dem Reden über Erotik, mit Schlagfertigkeit und emotionalen Eruptionen, auf die das Publikum im Laufe der beinahe 13 Jahre immer mehr hinfieberte.

Bestseller-Autor mit „Mein Leben“

Sein Temperament, seine Entschlusskraft und und die Freude an Schwarz-Weiß-Urteilen machten ihn zum idealen TV-Entertainer, der Geist und Witz in einem verkörperte. Bei alledem hielt er fest an Maßstäben: Seine Polterrede, als er bei der Verleihung des Deutschen Fernsehpreises die Annahme verweigerte und gegen die zunehmende Verblödung des Fernsehens wetterte, wurde legendär.

Marcel Reich-Ranicki galt als scharfzüngiger Literaturkritiker, musste selbst aber auch verbale Hiebe einstecken. Zitate von ihm und über ihn:
Dabei blieb ihm selbst komplexe, exzentrische Literatur stets fremd. Reich-Ranicki unterschied sich von seinen Kollegen wohl am meisten dadurch, dass er ein Gespür für die Bedürfnisse des Publikums hatte. Dem kam er mit einem von ihm herausgegebenen Kanon ebenso entgegen wie mit der „Frankfurter Anthologie“, in der jedem abgedruckten Gedicht eine Erläuterung von kundiger Hand zur Seite gestellt wurde.

Sein Leben als Buch und Film

Am Ende wurde er sogar zum Bestseller-Autor, seine Autobiografie „Mein Leben“, die auch verfilmt wurde,
stand 1999 monatelang an der Spitze der Verkaufslisten. Sein Leben war schließlich, wie es der von ihm so sehr bewunderte Thomas Mann als Ausdruck höchsten Respekts genannt hätte – allemal buchenswert.

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