Ein Phantom wird 70
Sein Geburtsdatum weiß man immerhin:
Dauer-Nobelpreiskandidat Thomas
Pynchon.
Von Jens Dirksen aus der NRZ vom 7.5.2007:
Es gibt immerhin ein Bild von ihm, das ihn im Jahrbuch jener Klasse zeigt, die 1953 von der Oyster Bay High School abging - mit wildem Haar und leicht vorstehenden Zähnen. Neuere Fotos von Thomas Pynchon sind aber kaum bekannt. Seinen TV-Auftritt bei den "Simpsons", der als mittlere Sensation galt, absolvierte er mit einer Papiertüte überm Kopf. Wer weiß, ob es überhaupt Pynchon war, der druntersteckte. Und wer weiß, ob er nicht längst den Nobelpreis hätte, wenn sich sein Versteckspiel nicht zu einem Mythos ausgewuchert hätte, dem Thomas Pynchon mittlerweile selbst nicht mehr entkommt. Sein Geburtsdatum gilt indes als gesichert, heute vor 70 Jahren kam er in Glen Cove auf Long Island zur Welt. Marine-Militärdienst, Physik- und Literatur-Studium - und dann verfasste Pynchon Anfang der 60er Jahre bei Boeing technische Manuskripte. Danach verlieren sich seine Spuren. Interviews? Fehlanzeige. Dann und wann meldet er sich per Leserbrief zu Wort.
Physik, Geschichte ... - lauter Konstrukte
Sein Ruf gründet sich, vom Phantom-Nebel abgesehen, auf gerade mal sechs Romane. Das gefeierte Debüt "V." (1963) kreist um eine rätselhafte Frau mit diesem Kürzel, die zwischen Ägypten, Florenz, Südafrika, Paris und Malta an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert immer dort auftaucht, wo es brenzlig wird - und zwei Männer, die dreißig Jahre später nach den Spuren von "V." suchen. Alle Geschichte ist konstruiert, genau wie die Physik. Für die Anstrengung der Menschen, der ewigen Auflösung von Formen neue Formen entgegenzusetzen, bleibt am Ende das Bild eines Jo-Jos, eines "Kreisels am Faden".
Pynchons Bücher, mit denen er die Kondensstreifen von Joyce und Nabokov fortsetzt, strotzen vor Querverweisen auf Mythologie und Religion, auf Informatik und Mathematik, auf antike und exotische Kulturen, auf den Imperialismus des Geldes und die Unschärfe aller Welterklärungen.
Mit "Vineland", einem Roman, der Kalifornien als Gelobtes Land in Frage stellt, vollzieht Pynchon 1990 einen radikalen Schnitt: Plötzlich ging es um die Kontrollwut des Sicherheitsapparats und die mediale Konstruktion des Politischen. Um die gewaltsame Aneignung der Welt durch Naturwissenschaft und Geschichtsschreibung ging es in "Mason & Dixon", dem folgenden Roman, der mit ungewohnt psychologischem Tiefgang zwei Landvermesser begleitet, die um 1760 herum vor Ort die schnurgerade Grenze zwischen Pennsylvania und Maryland ziehen sollen.
Der jüngste - "Against the Day" - ist erst im Dezember erschienen. Erneut ein Buchziegelstein von 1515 Gramm Gewicht, der überquillt vor Figuren und Handlungssträngen. Eigentlich sind es viereinhalb Romane in einem, weshalb es auch bis zum Frühjahr 2008 dauern dürfte, ehe die deutsche Übersetzung bei Rowohlt erscheint. Ohne Autorenfoto, versteht sich. (NRZ)
[...diesen und weitere Berichte finden Sie unter www.nrz.de]
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