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| Foto: Marko Lipus www.literaturfoto.net |
Richard David Precht
verteidigt Pflichtjahr für Rentner
„Precht fordert Zwangsarbeit für Rentner“
– nicht nur in Blogs und Foren tobt eine heftige Debatte, seit Deutschlands
smartester Philosoph Richard David Precht („Wer bin ich und wenn ja, wie
viele?“) in einem Interview mit dem „Stern“ gleich zwei soziale Pflichtjahre für
Männer wie für Frauen gefordert hat – eines für Schulabgänger, eines für
Rentner.
Jens Dirksen fragte Precht nach den Gründen
seiner kühnen Forderung in der NRZ vom 9.12.2011:
Wie soll denn so ein soziales Pflichtjahr aussehen?
Richard David Precht: Es geht um Rentner
und Pensionäre, die heute häufig jünger als 65 sind. Die sollten gleich nach der
Pensionierung drei Tage in der Woche halbtags in die Schulen gehen, und Kevin
oder Ahmed bei den Hausaufgaben helfen, Kindern aus Familien, die sich um
Bildung nicht kümmern. Das macht vielleicht 15 Stunden in der Woche.
Und die, die gar nicht mehr können?
Precht: Werden befreit, den Wehrdienst
musste ja auch nicht jeder ableisten.
Und warum auch die Schulabgänger?
Precht: Es war ein Riesenfehler, die Wehrpflicht abzuschaffen, man hätte sie in einen Sozialdienst umwandeln sollen. Und es war schon immer eine himmelschreiende Ungerechtigkeit, dass Frauen davon befreit waren. Darüber hinaus könnte man auch in Ausbildungsverträge hineinschreiben, dass man zwei Tage in der Woche zwei Stunden zur Hausaufgabenhilfe in die Schule muss, es ist natürlich viel cooler, wenn ein Elfjähriger was von einem 20-Jährigen beigebracht bekommt, der dieselbe Musik hört.
Damit machen Sie aber die Hausaufgabenhilfe als
Geschäftsmodell kaputt, das ist doch inzwischen eine ganze Branche mit
Millionenumsätzen.
Precht: Nein, diese Nachhilfe ist ja für Kinder der
Mittelschicht, die von allein auf die Idee kommt, dass das nötig ist und das
dann auch bezahlen kann. Da würde so ein Pflichtjahr auch etwas gegen soziale
Ungleichheit bewirken. Sie trägt zur viel diskutierten Chancengleichheit bei,
die es ja de facto in Deutschland nicht gibt.
Jedenfalls haben Sie sich mit ihrer Forderung nicht nur Freunde gemacht,
oder?
Precht: Oh, ich werde wüst attackiert
dafür! „Precht ist für Zwangsarbeit“ heißt es da manchmal. Das ist schon eine
schlimme Beleidigung für Leute die wirklich Zwangsarbeit leisten mussten, die in
Sibirien in den Lagern schuften oder im Dritten Reich in Stollen Bomben bauen
mussten und dafür Kartoffelschalen zu essen bekamen.
Naja, aber es gibt auch Rentner, die haben hart gearbeitet. Und manche
bekommen auch nur 400 Euro Rente.
Precht: Ja, das ist ein Skandal unseres
Rentensystems! Dagegen sollte man mit Recht aufbegehren. Aber mit dem
Pflichtjahr hat das nichts zu tun. Ich bin für beides: für ein gerechteres
Rentensystem ebenso wie für die Einbindung der Rentner und Pensionäre in
gemeinnützige Tätigkeiten. Das eine gegen das andere auszuspielen ist Unsinn.
Haben Sie denn selbst „gedient“?
Precht: Ja, im Zivildienst, ich war
Gemeindehelfer in Solingen. Und ich werde auch nicht warten, bis ich 65 bin, um
mich weiterhin sozial zu engagieren. Das ist meine Pflicht als Staatsbürger
eines demokratischen Staates. Ich finde das selbstverständlich.
Bei Ihrer Idee steckt aber ein Zwang dahinter. Warum? Es ginge ja auch
freiwillig.
Precht: Wenn es freiwillig ginge - umso besser. Es gibt Rentner und Pensionäre, die sich engagieren, und das finde ich sehr vorbildlich. Nur leider reichen sie nicht aus. Es sind noch immer zu wenige. Diejenigen hingegen, die sich über den Zwang empören, sind genau diejenigen, die es freiwillig nie tun würden.
Was ist denn der Sinn einer Freiwilligkeit, die von
denjenigen verteidigt wird, die sie gar nicht in Anspruch nehmen? Es gibt auch
viele Menschen, die sagen: „Prinzipiell würde ich so etwas ja machen“. Die
brauchen nur noch einen kleinen Schubs. Es geht darum, die Schwellenangst vor
dem sozialen Engagement zu nehmen.
Warum glauben Sie denn, dass so ein soziales Jahr nötig ist?
Precht: Hinter dem Ganzen steht ein Generationenproblem. Die
Jüngeren wissen, dass ihre Rente nicht sicher ist. Das
liegt daran, dass die Staatskassen durch die Sozial-Etats immer leerer werden.
10 bis 15 Prozent der Jugendlichen verlassen heute die Schule komplett ohne
jeden Abschluss.
Wissen Sie wie hoch das unseren Sozialetat belastet? Jetzt
stellen Sie sich mal vor, das wären durch die bessere Hausaufgabenbetreuung der
ärmeren Kinder nur noch 2 Prozent, das wäre eine unglaubliche Entlastung für die
Sozialkassen! Es würde dazu führen, dass unsere Kinder auch in den Genuss einer
angemessenen Rente kämen. Und es geht auch ein wenig um die Sicherheit der
Rentner: Diejenigen, die heute U-Bahnen und S-Bahnen unsicher machen, sind ja
vor allem Jugendliche ohne Schulabschluss und Ausbildung.
Bekämen die Rentner denn eine Aufwandsentschädigung für das soziale Jahr?
Precht: Für Fahrtkosten oder irgendwelche Spesen sicherlich.
Aber die Leute bekommen ja eine Rente, der Unterschied ist ja nur, ob man sich
mit der Rente zur Ruhe setzt und meint man hätte nun 20 oder 30 Jahre keine
Pflichten mehr oder sich ein Jahr lang halbtags gemeinnützig einsetzt. Das beugt
ja auch der Vereinsamung von Rentnern vor! Ein erfülltes Leben ist immer ein
Sozialleben.
So ein Pflichtjahr wäre die Chance, Kontakt zu knüpfen und
Einblicke in eine Wirklichkeit zu bekommen, der man sich nicht von allein
zuwenden würde. Es könnte sogar sein, dass man in einem solchen Dienst eine
Anerkennung bekäme, wie man sie ein ganzes Arbeitsleben lang nicht verspürt hat.
Glauben Sie, dass Ihr Vorstoß mehr auslöst als heftige Debatten?
Precht: Ich bin zuversichtlich, dass das soziale Pflichtjahr
kommt und dass es unsere Rentner alles in allem nicht unglücklicher macht,
sondern erfüllter. Schopenhauer hat einmal gesagt, jedes Problem durchlaufe drei
Stadien: erst wird es verlacht, dann wird es bekämpft und irgendwann gilt es als
selbstverständlich.
[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.nrz.de]
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