Marion
Poschmann - virtuos bis zum RegelverstoßSpätestens seit ihrem ruhr-russischen
„Schwarzweißroman“ ist Marion Poschmann ein Fixstern im
literarischen Kosmos der Republik. Und so poetisch ihre Prosa daherkommt, so
prosaisch ist der Gestus ihrer Gedichte. Und anders als es der Titel ihres neuen
Bandes „Geistersehen“ suggeriert (dessen Gedichte diese Zeitung zum Teil schon
gedruckt hat), ist ihre Lyrik von einer selten gewordenen Präzision: Genau
registrierte Oberflächen werden hier zum Sprungbrett für Tiefenforschung in den
Abgründen zwischen Ich und Jetzt. In Terrassenfugen und auf Kühlschranktüren
finden sich Bilder von einer Welt, in der „alles da“ ist und nichts so recht
zusammenpasst.
Da geht es um „fluide Intelligenz“ – aber so: „manche von uns schwammen mit dem weißen / Bauch nach oben durch die Hitzewellen: ein / Totstellreflex, wir hatten all unsere Daten verkauft“. Wo Durs Grünbeins ausgestellte Intellektualität hohl klingt, empfindet bei Marion Poschmann ein Ich mit 1001 Fühlern. Hier will die „Zementzeit“ an der Ampelkreuzung nicht vergehen – „der Tag war wie die Bremsbewegung eines von Hand / geführten Modellauots.“ Wir leben im „Landschaftsüberfluss“, in „Wolken-Gefriertruhen“ oder Seifenblasenräumen“, und Marion Poschmann sucht nagelgleiche Verse auf Abraumhalden, am Rhein-Herne-Kanal, im Duisburger Hafen und im Syltsand. Und in einem „Herbarium“ mit Mikroskop-Blicken auf Beifuß, Drüsiges Springkraut und „stromkastengrauen“ Wermut. Das erinnert von Ferne an die Käfer-Perspektiven einer Annette von Droste-Hülshoff, ist aber ungleich viel heutiger, und statt des Blinzelns gibt es hier manchmal ein Zwinkern mit dem „Wiedehopf auf Truppenübungsplätzen“.
Bei alledem geht Marion Poschmann meisterlich mit lyrischen Formen um, mit Sonetten, Terzinen und Zyklen – virtuos bis zum Regelverstoß, virtuos auch im Umgang mit dem, was sich als Geschichte der Lyrik sedimentiert hat. Jedes Gedicht gibt Rätsel auf, durchaus, und man hat an diesen kurzen Texten lange zu lesen. Vielleicht sollte man es bei einem pro Tag belassen. Dann käme man damit womöglich bis in den Herbst, so dass die beinahe schon barocke Melancholie des Herbstbildes am Schluss den passenden Echoraum findet:
Vaganten
und was uns übrigbleibt
im Landschaftsüberfluß
das blasse Blattkonfetti abgesegnet
bereit zu rieseln, denn was muß,
das muß, und wird gleich einverleibt
vom Seelen-See, dem trüben Trauerkleid.
sieh her, Unendlichkeit:
die Orte bleiern, das Gestrüpp verregnet.
[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.nrz.de]
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