DAS KLEINE RASENSTÜCK UND DIE
NATUR IN DER KUNST
Kleine Lobrede auf Marion
Poschmann. Droste-Literaturförderpreis
für Marion Poschmann
Die ungekürzte
Laudatio von Michael
Braun anlässlich der Preisverleihung in Meersburg am 28.5.2006:
Betrachten wir zunächst ein kleines
Schöpfungswunder, betrachten wir die biologische Vielfalt und dichte
Verschlungenheit eines kleinen Rasenstücks. Das ist keine leichte Übung. Denn
diese kleine, wuselige vegetabilische Welt der Gräser, Farne, Blumen, Blätter,
Blüten und Kräuter fügt sich zu einem schwer durchschaubaren Kosmos. Wäre
ich ein Botaniker, könnte ich die Flora entziffern, so aber identifiziere ich
auf diesem Rasenstück vielleicht noch den Löwenzahn und die Gänseblume, aber
schon nicht mehr den Breitwegerich, die Wiesenrispe oder die Kuckuckslichtnelke.
All die komplizierten Verästelungen und filigranen Verschlingungen von Blüten,
Stängeln, Blättern und Rispengräsern auf einer Erdscholle hat vor fünf
Jahrhunderten Albrecht Dürer auf seinem „Großen“ und „Kleinen Rasenstück“
in hyperrealistischer Genauigkeit festgehalten und mit Wasser- und Deckfarbe
aufs Papier gebracht. Dafür hatte Dürer intensive Naturstudien betrieben. „Warhafftig
steckt die kunst inn der natur, wer sie herauß kann reyssenn, der hat sie“,
notierte Dürer dazu in seinen theoretischen Schriften.
Betrachten wir nun ein anderes Schöpfungswunder, ein anderes Rasenstück,
diesmal aus der lyrischen Kollektion unserer Preisträgerin Marion Poschmann.
Die gewaltsam anmutende Transformation von Natur in Kunst, dieses
besitzergreifende „Herausreißen“ als Form künstlerischer Aneignung, wie es
Dürer propagiert, kann für eine Dichterin wie Marion Poschmann kein Modell
mehr sein. Wohl aber das Genauigkeitsverlangen, das den Maler umtrieb. Auch ihr
Gedichtband „Grund zu Schafen“ beginnt ja mit einem „Kleinen Rasenstück“,
aber dieses Rasenstück wird zunächst mit einem naturwissenschaftlichen
Erkenntnisinteresse analysiert.
„100g Gras, wie Licht, das sich bewegte,
Licht, das knitterte, schnelle Lebensläufe
ohne Höhepunkte, Schwarzweißaufnahmen:
nickende Blitze.“
So beginnt das Gedicht: mit einem numerischen Wert, mit einer Bestimmung, die
alle metaphysischen Zeichenhaftigkeit der Natur verscheucht. Das kleine Rasenstück
wird erst einmal vermessen und gewogen: 100 Gramm Gras wird da konstatiert –
und was dann folgt, ist nicht gerade ein Vorgang naturmagischer Beseelung,
sondern ein medientechnisch reflektierter Prozess der Naturwahrnehmung: Es geht
um „Schwarzweißaufnahmen“ und um „Licht“ in mehreren physikalischen
Zuständen. Und um nicht näher bestimmte „schnelle Lebensläufe“.
„Warrhafftig steckt die kunst inn der natur, wer sie herauß kann reyssenn,
der hat sie“ - nein, so einfach wie bei Dürer geht es nicht, schon die erste
Strophe im „kleinen Rasenstück“ zeigt an, dass es um kompliziertere Formen
der Transformation von Natur in Kunst geht.
Natureindrücke, so hat Marion Poschmann in einem Interview gesagt, eröffnen in
ihren Gedichten einen geistigen Raum, philosophische Haltungen erhalten „einen
ähnlichen Stellenwert wie Bäume oder Chlorophyll“. So finden wir in ihren
Landschafts- und Naturgedichten durchaus die Elemente traditioneller
Naturpoesie, aber eben auch „Industrieflächen“, „Umspannwerke“ oder
„steigende Ölpreise“, Eigeschaften also auch der industriell organisierten
und zersiedelten Landschaft. Es sind nie unversehrte Naturrefugien, die in
diesen Gedichten aufgerufen werden, sondern durchweg Zivilisationslandschaften
und Sprachlandschaften. Auch im „Kleinen Rasenstück“ – wir befinden wir
uns immer noch dort – werden zunächst die Elemente traditioneller Naturpoesie
verlockend in die Verse gestreut: „Gras“, „Licht“, „Wind“,
„Halme“ und ein „strenger Glanz“. Aber zwischen diese Basisvokabeln des
Naturgedichts schieben sich die intermittierenden Momente, sorgsam
reflektierende und skeptisch fragende, das „Rasenstück“ und vor allem das
„Gras“ in seine Eigenschaften zerlegende Charakterisierungen:
„Gras spritzte auf, fiel über, Gras, von Winden
hingekritzelt, von Winden ausgedehnt, nach
Zentimetern, Gras, dieser strenge Glanz, zu
Halmen gefaltet,“
Natur ist im „Kleinen Rasenstück“ jedenfalls kein idyllisches Element mehr,
sondern das nicht Auslotbare, das Fremde und ganz Andere des Ich, und dieses
Fremde hat etwas Bedrohliches. Am Ende, in der dritten Strophe, überwuchert das
„Gras“ das Subjekt
„Gras überwog uns schon – wuchs Gras darüber,
hob sich, senkte sich, wimmelnd, flimmernd, Gras, so
haltlos wurzelnd über dem hellen Abgrund
unserer Hirne.“
Aber das „Kleine Rasenstück“ ist ja nicht die einzige schwierige
Natur-Lektion, die uns Marion Poschmann erteilt. Da gibt es ja auch – im
Titelgedicht ihres zweiten Gedichtbuches – den „Grund zu Schafen“. Auch
hier wird zunächst programmatisch eine Abweichung von einem romantisch-einfühlenden
Naturverhältnis markiert: „Grund zu Schafen“ – das signalisiert den
Zusammenprall von Kausalität und Kreatur, das stellt seltsamerweise ein Tier in
Begründungszusammenhänge. Und dieser „Grund“ ist nicht nur der agrarische,
auf dem das Schaf weidet, sondern auch ein metaphysischer Grund. Das friedliche
„Schaf“ aus der antiken Hirtendichtung ist in zwei weiteren Gedichten des
Bandes mutiert zu einem vielfältig schimmernden Geschöpf von intensiven
Farbwerten, zu einem Sprach-Wesen, auf surreale Weise legiert aus
unterschiedlichsten Materialien: Da begegnet man den „Schafen aus Wachs“
oder den „Schafen, geföhnt“ mit „Ohren voll Abendrot“.
Eine Nebenbemerkung zur Namengeberin des heute zu vergebenden Preises sei an
dieser Stelle gestattet. In einem berühmten Gedicht der Droste, der
finster-verstörenden Phantasmagorie „Die Mergelgrube“, bilden die dort am
„Heidewall“ weidenden Schafe und ein rätselvoller Hirte den poetischen
Dreh- und Angelpunkt des Gedichts. Außerhalb der „Mergelgrube“ macht das
lyrische Ich dieses Gedichts einen aufschlussreichen Fund: Denn dort, außerhalb
der Mergelgrube, liegt ein Buch - „Bertuchs Naturgeschichte“. Das
Monumental-Bilderbuch des Schriftstellers und Verlegers Johann Justin Bertuch
war damals ein weit verbreitetes Kompendium zur Naturgeschichte – und ähnliche
Kompendien zur Naturgeschichte gehören wohl auch zur literarischen
Grundausstattung der Dichterin Marion Poschmann.
Es ist jedenfalls die Kunst dieser Dichterin, die aus ihren alten Verankerungen
gelösten Wörter in überraschenden Bild-Kombinationen um einen semantischen
Kern neu zu ordnen, so dass vertraut scheinende Dinge in neuem, nie gesehenem
Licht aufstrahlen. Man sieht die Naturphänomene plötzlich mit anderen Augen.
Dabei sind es immer wieder Farbwerte, visuelle Impulse und Begegnungen mit
Bildender Kunst, die die Motive ihrer Poesie bestimmen. Anfang der Neunziger
Jahre, hat Marion Poschmann die Arbeit an einer Dissertation über das Verhältnis
von Literatur und Malerei begonnen, die sich exemplarisch mit dem Werk von
Friederike Mayröcker und Francis Bacon beschäftigte. Und dieses Interesse an
den Kategorien und den Perspektiven der Landschaftsmalerei hat sie sich in ihren
literarischen Texten bewahrt. Und hier findet man auch eine Vorliebe für die
mystische Urfarbe – das Weiß und natürlich für sein radikales Gegenstück,
das Schwarz. So eröffnet Marion Poschmann das letzte Kapitel ihres 2002
publizierten Lyrikbuches „Verschlossene Kammern“ mit einem emphatischen Lob
des Weiß: „Und das Weiß - überall Weiß, blendend, unermesslich, absolut.
Ein Weiß, das anzieht, und wer sich davon verführen lässt, ihm in die Falle
geht und sich hinauswagt in die Tiefe dieses Weiß – der kommt um.“ Nun,
Marion Poschmann hat sich mittlerweile verführen lassen und hat sich
hinausgewagt, in die Tiefe Russlands und in die Tiefe ihres „Schwarzweißromans“.
Die Welt passt hier auf unheimliche Weise in ein „Schwarzes Quadrat“.
Zumindest die Welt der postkommunistischen Eisenzeit. Es sind in diesem Buch nämlich
die monochromen schwarzen und weißen Avantgarde-Bilder von Kasimir Malewitsch
oder El Lissitzky, die auf höchst kunstvolle Weise in eine Romanhandlung
einfließen.
Hierzu genügt die Reise der Erzählerin an einen Grenzort zwischen Europa und
Asien, eine Reise nach Magnitogorsk, den am Uralfluss gelegenen russischen
Industriekoloss. In Magnitogorsk ist nicht nur das größte Stahlwerk der Welt
angesiedelt, hier sammeln sich auch die Restbestände der kommunistischen
Utopie. Hierher, in das unheimliche Zentrum einer prometheischen Moderne, reist
Mitte der neunziger Jahre die Ich-Erzählerin des Romans, um ihrem Vater
beizustehen, der als Elektrotechniker vergeblich den reibungslosen Ablauf der
gigantischen Produktionsmaschine zu sichern versucht. Es gibt für diesen Roman
wohl einen autobiografischen Ausgangspunkt: Marion Poschmann ist selbst Mitte
der Neunziger Jahre in Magnitogorsk gewesen, um ihren Vater zu besuchen, der
dort einige Zeit als Ingenieur gearbeitet hat.
Es macht aber die erzählerische Verwandlungskunst der Autorin aus, dass sich
aus der autobiografischen Expedition in das industrialistische Herz Russlands
ein faszinierender epischer Versuch entwickelt über den Untergang von
Individualität im Zeitalter des Kollektivismus. Am Ende, im großartigen
Schlusskapitel des Romans, verschwindet die Heldin mit ihrem Vater in der
unbegrenzbaren Weite einer Schneelandschaft, im überwältigenden Weiß eines
radioaktiven Sperrbezirks. Der Grenzpunkt der Wahrnehmung ist hier erreicht: das
Weiß und seine mystische Tiefe.
An Grenzpunkten der Wahrnehmung wachsam sein, das Gedicht als ein
Wahrnehmungsinstrument einsetzen – das gehört ja zu den zentralen Aufgaben
der zeitgenössischen Lyrik. Ob auf „Kleinen Rasenstücken“ oder auf den
„Schwarzen Quadraten“ der unermesslichen russischen Landschaft – die
literarische Wachsamkeit und Wahrnehmungsfähigkeit der Dichterin Marion
Poschmann werden wir noch brauchen. Liebe Marion Poschmann, ich gratuliere Ihnen
zum Literaturförderpreis der Stadt Meersburg.
Leseprobe I Buchbestellung I home 1006 LYRIKwelt © Michael Braun