Paul Polte — Gespür fürs Leben kleiner Leute
"Die
Gruppe 61"
Von
Heinrich Peuckmann
in der Westf.
Rundschau, 14.02.2011:
Der Lyriker und Kabarettist Paul Polte hat die längste Zeit seines Lebens im Dortmunder Norden verbracht. An der Bornstraße hat er gewohnt, hat seinen Dackel durchs Viertel geführt und den Leuten aufs Maul geschaut. Stoff für Gedichte hat er dabei gefunden, herrlich treffende, humorvolle Beschreibungen des Kleine-Leute-Lebens. Etwa über die Reibekuchenbude an der Münsterstraße, direkt hinter der Eisenbahnbrücke.
Polte hatte kaufmännischer Angestellter gelernt, aber als er Ende der zwanziger Jahre arbeitslos wurde, ist er mit dem Vagabundenmaler Hans Tombrock auf Wanderschaft gegangen. Die ersten Gedichte und Kurzgeschichten sind dabei entstanden und fast alle im „Dortmunder Generalanzeiger“ erschienen. Tombrock hat kurz darauf Freundschaft mit Bertolt Brecht geschlossen, und es gibt in Brechts „Arbeitsjournal“ sehr lobende Worte über Polte.
Später hat er die Dortmunder Ortsgruppe des BPRS, des „Bundes proletarisch-revolutionärer Schriftsteller“ gegründet, danach das Kabarett „Henkelmann“, um mit satirischen Mitteln gegen den Faschismus zu kämpfen. Bissige Satiren gegen Hitler hat Polte geschrieben, die die Nazis schäumen ließen vor Wut.
Kein Wunder, dass sie ihn nach der Machtergreifung 1933 in die berüchtigte Steinwache sperrten und dort folterten. Ein bedrückendes Gedicht, „Steinwache, Zelle 21“, hat er darüber geschrieben. Ebenso eines darüber, wie sie ihn abgeholt haben: „Als ich im grünen Wagen fuhr, / ein Eisen an dem Fuß, / spürt ich die Straße unter mir / und schickt ihr einen Gruß ...“ Als er im Zuge einer Amnestie frei kam, suchte er außerhalb von Dortmund ein Unterkommen, um weiteren Verfolgungen zu entgehen.
Nach dem Zusammenbruch des Faschismus hat Polte erst einmal wenig geschrieben, hat sich um seine Familie mit zwei Töchtern und einem Sohn gekümmert, hat aber schon damals den Dortmunder Bibliothekar Fritz Hüser kennen gelernt. Als Karfreitag 1961 die „Dortmunder Gruppe 61“ gegründet wurde, wollte Hüser ihn unbedingt dabeihaben.
Das revolutionäre Element der Arbeiterliteratur sollte er verkörpern, aber eine Heimat ist ihm die Gruppe nicht geworden. Es gibt Anthologien der Gruppe, in denen Polte mit Texten vertreten ist, überhaupt fing er wieder vermehrt an zu schreiben. Das ganz große Wort führte nicht er. Heimat wurde ihm erst die Werkstatt Dortmund im „Werkkreis Literatur der Arbeitswelt“, die sich 1970 nach Querelen um die politische Ausrichtung der Gruppe bildete. Mit jungen Autoren kam er nun zweimal im Monat im Henßler-Haus zusammen, sein Rat war gefragt, sein ausgleichendes Wesen bei literarischen und politischen Diskussionen glättete die Wogen.
15 Jahre lang hielt die Werkstatt zusammen, publizierte viele Bücher, endlich auch eines von Paul Polte. „Unverbesserlich“ heißt der Band mit Erzählungen, Satiren und vielen seiner Gedichte.
[...diesen und weitere Berichte finden Sie in www.westfaelische-rundschau.de]
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