Ein poetischer Extremist
Auguste Dupin, der geniale Ermittler aus
Edgar Allan Poes Geschichte „Die Morde in der
Rue Morgue", ist der Urvater all der vielen Detektive, die von Sherlock Holmes
bis Kurt Wallander Licht ins Dunkel des Verbrechens bringen. Doch selbst Dupin
war nur ein Nebenprodukt, erfunden als eine Art Trost gegen die Gräuel des
grundlos Bösen, die Poe in seinen Erzählungen mit seltsamem Behagen ausmalte.
Von Jens Dirksen in der NRZ vom 19.1.2009:
Edgar Allan Poe war Extremist, schon seine Geburt ein
Drama: Als er heute vor 200 Jahren im Hinterzimmer einer Künstlerpension in
Boston zur Welt kam, musste seine Mutter am gleichen Abend noch auf die Bühne:
Es war ein Schauerstück und die kleine Truppe konnte auf niemanden verzichten.
Drei Jahre später war Elizabeth Poe von der Schwindsucht dahingerafft, wie man
die Tuberkulose damals nannte – da hatte sich ihr Mann schon zu Tode gesoffen.
Kein Grund unter den Füßen
Aus dem heillosen Elend des Schauspielerprekariats aber geriet der dreijährige
Edgar Poe in den Wohlstand eines Tabakhändlers in Virginia, dessen gutherzige
Frau gern ins Theater ging und dankbar war, sich an Edgar als Samariterin
bewähren zu können. Auch sie sollte er später lungenkrank dahinschwinden sehen,
genau wie seine spätere Frau Virginia.
Poe bekam nie festen Grund unter den Füßen: Er durfte zwar den Namen seines
Pflegevaters führen, adoptiert hat John Allan ihn jedoch nie. Vom üppigen Erbe
sah Edgar keinen Penny. Sein Leben, das nur 40 Jahre dauern sollte, blieb ein
Pendeln zwischen Augenblicksglück und Gosse. Auch die Voodoo- und
Zombie-Geschichten, mit denen die schwarze „Mammy" seiner halbwegs heilen
Südstaaten-Jugend Poe beeindruckte, standen in großem Kontrast zu der
grundsoliden, klassischen Bildung, die sein Pflegevater ihm angedeihen ließ. Auf
der neuen Universität von Virginia in Charlottesville verdiente sich Poe
Bestnoten auch in Standesdünkel und Arroganz. Er lebte seinen Hang zum
Stutzertum und Großkotz aus, Spielschulden türmten sich neben offenen Rechnungen
für blaue Röcke mit Goldknöpfen und Champagner-Gelage. Bis er von John Allan aus
dem Haus geworfen wurde, mit nichts als dem, was er am Leibe trug.
Poe tritt 1827 in die US-Armee ein, drei Jahre später wird er als Kadett der
Akademie in West Point gefeuert, wegen Befehlsverweigerung. Poe, der zu dieser
Zeit seinen ersten Gedichtband herausgebracht hat, wird Zeitschriften-Redakteur
– und was für einer! Gleich drei Mal bringt er es fertig, aus unbedeutenden
Provinz- und „Laffenblättchen", wie er es nannte, national renommierte Organe
und publizistische Goldgruben zu machen. Mit dem untrüglichen Sinn für Qualität,
der ihn in Dickens,
Washington Irving und anderen Kollegen schon früh die
Groß-Autoren kommender Tage erkennen ließ; und mit der geschickten Strategie,
drittklassige Konkurrenten und seichte Literatur polemisch zu vernichten, ohne
den Publikumsgeschmack aus den Augen zu verlieren. Aber noch jedesmal hat Poe
seinen Erfolg wieder verspielt, mit einer Mischung aus Hochmut, Pech und
Leichtsinn.
Zwischen den Extremen war Poe so zu Hause wie in seinen Geschichten, die mit
Mordlust und Todesangst die Seelenabgründe des modernen Menschen ausloten. Poe
gehörte zu den ersten Schriftstellern, deren Geschichten nicht mehr aufgehen,
mit Vernunft nicht mehr zu erklären sind, deren Erzähler unzuverlässige,
mitunter verkommene Subjekte waren. Die Eiseskälte, die seine Geschichten
durchweht, ist die Kehrseite moderner Freiheit: existenzielle Einsamkeit.
So wird sein bekanntestes Gedicht „Der Rabe", das er zuweilen vor Hunderten von
Zuhörern mit großer Geste und noch größerem Erfolg vortrug, zum Fokus seines
Werks, mit dem Tod der schönen Frau und dem einsam trauernden Liebenden, mit der
Sucht nach Selbstqual und dem „Dämon des Verkehrten", mit dem angstvollen
Ausmalen einer Nachtod-Existenz zwischen Nichts und Höllenqual.
Poe starb im Oktober 1849 im Elend. Nach einem kurzen Höhenflug hatte er einmal
mehr zur Flasche gegriffen, war überfallen und ausgeplündert worden. Bedient
haben sich bei Poe in der Folgezeit aber noch viele, von
Baudelaire und
Verlaine bis
Arthur Conan Doyle und
Dostojewski, von
Kafka, Claude Debussy und
Alfred Kubin bis Alfred Hitchcock,
Arno Schmidt und Alan Parsons, dem
Soundteppichweber der 70er Jahre. Für sein Überleben als Klassiker der modernen
Literatur hatte Poe in seiner kurzen Lebenszeit mehr als genug getan. (NRZ)
[...diesen und weitere Berichte finden Sie unter www.nrz.de]
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