„Rimas und Dražen und ich..."
Thomas Pletzinger steht am Anfang einer
vielversprechenden Karriere als Roman-Autor. Früher spielte er leidenschaftlich
gerne Basketball, heute schreibt er drüber.
Von Uli Thormählen in der Westf.
Rundschau, Hagen vom 16.8. 2008:
In einem Blog-Beitrag für die „Netznotizen" seines
befreundeten Schriftstellerkollegen Saša Stanišic schlägt Pletzinger unter dem
Titel „Rimas und Dražen und ich" eines der schillernsten Kapitel Hagener
Basketball-Historie auf. Es war die Zeit, als gleich zwei rivalisierende Hagener
Klubs in der 1. Basketball-Bundesliga antraten. Zum besseren Verständnis sei
erwähnt, dass Pletzinger damals selbst als Jugendlicher beim TSV Hagen 1860
spielte. „Ich erinnere mich daran, dass in unserer Stadt der TSV Hagen der
Underdog war, der SSV war der Geldsack, mit Kontakten, Sponsoren, mit
zwielichtigen Gestalten im Präsidium. Jedes Jahr kam es zwei Mal zum Derby, bis
aufs Blut. Dann war die Halle übervoll, überlaut und überhitzt (man durfte
damals noch in der Halle rauchen, meine Güte)...
Vor einem dieser Derbys, irgendwann in den frühen
Neunzigern, kurz nach der Wende, und diesmal wollten wir gewinnen - diesmal
würden wir gewinnen! - stand morgens in der Zeitung, dass der SSV Hagen als
erster westlicher Proficlub einen Ostblock-Spieler unter Vertrag genommen hatte:
Rimas Kurtinaitis. Der beste Dreierschütze Europas! Am Abend kochte die Halle
wie Erbsensuppe (dick und heiss).... Das Schlimme: Ich und die Jungs und unsere
ersten Biere standen auf der Stehplatztribüne, die in Hagen Heuboden heisst, und
konnten vor Rauch und vor Jubel nichts sehen. Nichts! Nicht, wie Rimas
Kurtinaitis, frisch in den Westen importiert, Dreier um Dreier versenkte, nicht,
wie sein Schnurrbart schwitzte, nicht, dass die schmierigen Manager am
Spielfeldrand auf und ab rannten, weil sich der Underdog nicht abschütteln liess.
Wir sahen nicht, wie hoch Keith Gray springen konnte, nicht, wie gewaltig Sly
Kincheon kämpfte. Wir hatten von Kurtinaitis gehört, dass er nach dem Spiel
Wodka trank wie die anderen Warsteiner. Ich habe nicht gesehen, dass der TSV
Hagen 1860 gewann, ich habe es nur gehört: wir haben jahrelang davon geredet,
wir haben es gesungen."
Pletzinger wirft Namen in den Internet-Weltraum, die vor allem absoluten
Insidern und Nostalgikern ein Begriff sind: „Die Spieler hießen Ralf Kees Kuhtz,
Keith Gray, Silvester Sly Kincheon, Martin Schimke, Andreas Klippert, Shorty
Hillebrand, Ralf X Risse und wahrscheinlich bin ich der einzige, der sich noch
an Robert von Amelunxens seltsamen Wurf erinnert: Von weit hinter dem Nacken,
himmelhoch in der Luft, perfekt rotierend.
In meinem Leben habe ich mir nur ein einziges Autogramm geholt: Von Centi
Thomas, dem Centerspieler des TSV Hagen 1860 (die einzige andere Person, von der
ich mir ein Autogramm holen würde, wäre John
Irving)."
Immerhin: Eric Pröscher, damals ebenfalls ein Deutschamerikaner des TSV 1860
(1988-90) hat's gelesen und sich prompt bei Pletzinger gemeldet: „Ich war etwas
enttäuscht, dass Du dich nicht an mich erinnern konntest..."
Seine Liebeserklärung an den Hagener Basketball („Basketball ist rührend,
bewegend und groß") hat einen guten Grund, denn Pletzinger ist in Hagen groß
geworden. Das Basketballspielen selbst hat er zuächst in Boele-Kabel gelernt,
sein erster Trainer war Martin Grof. Später dann ging es zum TSV 1860,
schließlich zu Brandt Hagen. Immerhin bis zum Regionalligaspieler hat er es
gebracht. „Einmal hab ich sogar 34 Punkte erzielt. Mein Karriere-Highlight."
Die Basketballschuhe hat er mittlerweile zwar an den Nagel gehängt, doch die
Leidenschaft für den Sport hat Pletzinger sich erhalten. Seit Jahren ist die
erste Webseite am Morgen „www.dallasnews.com/sports/basketball". Wenn er eine
Nowitzki-Biographie schreiben dürfte, „würde ich das sofort tun". Selbst in
seinem Debüt-Roman „Bestattung eines Hundes" lässt ihn der Basketball nicht los,
wenn er in einer kleinen Szene schildert, wie einer seiner
Protagonistenreichlich verkatert mitten in New York mit wildfremden Leuten auf
dem Freiplatz zockt. Das Buch, von der Literaturkritik hoch gelobt, hat Thomas
Pletzinger übrigens in Hagen zu Ende geschrieben.
„Ich bin noch gerne drei- bis viermal im Jahr bei meinen Eltern in Hagen." Und
selbstverständlich verbindet er seine Besuche nach Möglichkeit auch mit einem
Gang in die alte Ischelandhalle. „Ich bin über Phoenix gut im Bilde. Bei den
Spielen war ich auch schon ein paar Mal. Die Atmosphäre dort ist immer noch
unglaublich intensiv, auch wenn es nur noch 2. Liga ist."
Am 22. Oktober ist Pletzinger wieder in Hagen. Dann aber nicht als
Basketball-Fan, sondern als Schriftsteller in eigener Sache. Im
Schwurgerichtssaal des Landgerichts wird er aus seinem Buch lesen - für ihn ein
echtes Heimspiel.
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