Über den Jordan
Zum Tod von Ulrich
Plenzdorf
Von Gudrun Norbisrath in der WAZ
vom 10.8.2007:
Seine schönsten Helden überlebten die letzte Seite
nicht. Edgar Wibeau nicht und auch nicht Paula, aber Ulrich Plenzdorf verstand
es, dem Tod eine wunderbar leichte Dimension zu geben. Jetzt ist er selbst
gestorben, und man stellt sich gern vor, dass er in der Erinnerung der Andern
weiterlebt - der einzigen Art zu überleben, wie Edgar einst trocken anmerkte.
Und vielleicht träumt man, dass der tote Dichter, wieder mit Edgar, sein
Ableben aus dem Jenseits kommentiert: "Dass ich über den Jordan ging, ist
echter Mist."
Ulrich Plenzdorf hat mehr Bücher und Drehbücher verfasst, als Schüler ahnten,
wenn sie über den "neuen Leiden" brüteten. Aber Edgar Wibeau, der
junge W., wurde zu seinem Synonym. Zur Kultfigur, ganz nah an Salingers
"Fänger im Roggen". Diese Verwandtschaft ist schon verblüffend, denn
solche wie Plenzdorf hätte die DDR in Serie erfunden, wenn sie gekonnt hätte.
Die Eltern, aktive KPD-Mitglieder, wurden im Dritten Reich verhaftet. Er selbst
ging 1950 in den Osten; zog um von Kreuzberg in den roten Teil der Stadt. Der
Sohn des Maschinenbauers studierte Marxismus-Leninismus und Philosophie, schmiss
hin, als es ihm zu trocken wurde, fing als Bühnenarbeiter bei der DEFA an.
Wurde SED-Mitglied, begann ein Studium an der DDR-Filmhochschule Babelsberg,
schrieb 1972 die Geschichte vom jungen W., erst als Bühnenstück, dann als
Roman. Und war schlagartig berühmt. Begeisterung in Ost und West! Wie war das
möglich?
Plenzdorf erzählte völlig unbefangen von Verkrustungen in der
DDR-Gesellschaft. Von Edgars Mutter, einer wenig sympathischen
Vorzeige-Sozialistin, und ihrem rebellischen Sohn: einem Musterknaben, der dem
Ausbilder ein Brett auf den Zeh wirft und abhaut. Einem Leistungsverweigerer,
der DDR-Filme langweilig findet wegen der dicken Moral, der Popmusik und Jeans
liebt, aber den Kommunismus vernünftig findet. Und der dem Ausbilder eigentlich
imponieren will, mit einem selbstgebastelten Elektrogerät. Dabei verpasst er
sich einen Stromstoß und geht - na, über den Jordan.
Kein Wunder, dass Jugendliche das Buch liebten. Plenzdorf sprach ihre Sprache,
aber nicht nur die. Der wirklich geniale Einfall: Edgar findet auf dem Plumpsklo
ein Reclamheft; das Titelblatt verarbeitet er in der ortsüblichen Weise, den
Rest liest er, erst genervt, dann mit wachsendem Verständnis. Er liest
"Werther" und lebt ihn - inklusive der Liebe zu Charlotte, der
Kindergärtnerin. Sie ist verlobt und heißt Charlie. Nicht Lotte.
Dass die DDR nicht Verrat witterte, lag wohl daran, dass Edgar zwar die
Gesellschaft kritisiert, in der er lebt, aber er lehnt sie nicht ab. Und: Das
Buch verschaffte Jugendlichen einen neuen Zugang zum "kulturellen
Erbe". Goethe,
Säulenheiliger auch der DDR, als sinnstiftender Autor in der Gegenwart - das
ließ die Lehrer in beiden Teilen Deutschlands frohlocken. Tatsächlich hatte
Plenzdorf einen so witzigen wie klugen Text geschrieben.
Auch Plenzdorfs Filme gingen mit Verstand ans Herz. Unvergesslich, wie Angelica
Domröse in der "Legende von Paul und Paula", die Millionen sahen, im
Lebensmittelladen vor Glück zu singen beginnt. Und plötzlich kippt die Szene
ins Surreale, die ganze Warteschlange singt mit und alle sehen genauso
glücklich aus wie Paula.
Ulrich Plenzdorf war einer der wenigen, die nach der "Wende" nicht
verstummten. Er schrieb, und blieb dem Osten in aller Kritik zugetan; die
deutsche Vereinigung nannte er in Stücken fürs Kabarett den
"Anschluss". Dabei hatte er selbst kleinliche Verbote erlebt, sein
Engagement für Wolf
Biermann hatte die Stasi alarmiert, zum Schriftstellerkongress wurde er
nicht mehr eingeladen. Die Aufarbeitung der DDR-Vergangenheit, fand er, gehöre
in die Hände derer, die dort gelebt hatten, aber er sah auch: "Die
Interpretation des Ostens ist längst in West-Hände gelangt."
Deshalb, meinte er wohl nicht ganz zu Unrecht, bekomme er keine großen
Drehbuch-Angebote mehr.
[...diesen und weitere Berichte finden Sie unter www.waz.de]
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