Ulrich Plenzdorf, 1978, Foto: privat/www.bachmannpreis.orf.atÜber den Jordan
Zum Tod von Ulrich Plenzdorf
Von Gudrun Norbisrath in der WAZ vom 10.8.2007:

Seine schönsten Helden überlebten die letzte Seite nicht. Edgar Wibeau nicht und auch nicht Paula, aber Ulrich Plenzdorf verstand es, dem Tod eine wunderbar leichte Dimension zu geben. Jetzt ist er selbst gestorben, und man stellt sich gern vor, dass er in der Erinnerung der Andern weiterlebt - der einzigen Art zu überleben, wie Edgar einst trocken anmerkte. Und vielleicht träumt man, dass der tote Dichter, wieder mit Edgar, sein Ableben aus dem Jenseits kommentiert: "Dass ich über den Jordan ging, ist echter Mist."

Ulrich Plenzdorf hat mehr Bücher und Drehbücher verfasst, als Schüler ahnten, wenn sie über den "neuen Leiden" brüteten. Aber Edgar Wibeau, der junge W., wurde zu seinem Synonym. Zur Kultfigur, ganz nah an Salingers "Fänger im Roggen". Diese Verwandtschaft ist schon verblüffend, denn solche wie Plenzdorf hätte die DDR in Serie erfunden, wenn sie gekonnt hätte.

Die Eltern, aktive KPD-Mitglieder, wurden im Dritten Reich verhaftet. Er selbst ging 1950 in den Osten; zog um von Kreuzberg in den roten Teil der Stadt. Der Sohn des Maschinenbauers studierte Marxismus-Leninismus und Philosophie, schmiss hin, als es ihm zu trocken wurde, fing als Bühnenarbeiter bei der DEFA an. Wurde SED-Mitglied, begann ein Studium an der DDR-Filmhochschule Babelsberg, schrieb 1972 die Geschichte vom jungen W., erst als Bühnenstück, dann als Roman. Und war schlagartig berühmt. Begeisterung in Ost und West! Wie war das möglich?

Plenzdorf erzählte völlig unbefangen von Verkrustungen in der DDR-Gesellschaft. Von Edgars Mutter, einer wenig sympathischen Vorzeige-Sozialistin, und ihrem rebellischen Sohn: einem Musterknaben, der dem Ausbilder ein Brett auf den Zeh wirft und abhaut. Einem Leistungsverweigerer, der DDR-Filme langweilig findet wegen der dicken Moral, der Popmusik und Jeans liebt, aber den Kommunismus vernünftig findet. Und der dem Ausbilder eigentlich imponieren will, mit einem selbstgebastelten Elektrogerät. Dabei verpasst er sich einen Stromstoß und geht - na, über den Jordan.

Kein Wunder, dass Jugendliche das Buch liebten. Plenzdorf sprach ihre Sprache, aber nicht nur die. Der wirklich geniale Einfall: Edgar findet auf dem Plumpsklo ein Reclamheft; das Titelblatt verarbeitet er in der ortsüblichen Weise, den Rest liest er, erst genervt, dann mit wachsendem Verständnis. Er liest "Werther" und lebt ihn - inklusive der Liebe zu Charlotte, der Kindergärtnerin. Sie ist verlobt und heißt Charlie. Nicht Lotte.

Dass die DDR nicht Verrat witterte, lag wohl daran, dass Edgar zwar die Gesellschaft kritisiert, in der er lebt, aber er lehnt sie nicht ab. Und: Das Buch verschaffte Jugendlichen einen neuen Zugang zum "kulturellen Erbe". Goethe, Säulenheiliger auch der DDR, als sinnstiftender Autor in der Gegenwart - das ließ die Lehrer in beiden Teilen Deutschlands frohlocken. Tatsächlich hatte Plenzdorf einen so witzigen wie klugen Text geschrieben.

Auch Plenzdorfs Filme gingen mit Verstand ans Herz. Unvergesslich, wie Angelica Domröse in der "Legende von Paul und Paula", die Millionen sahen, im Lebensmittelladen vor Glück zu singen beginnt. Und plötzlich kippt die Szene ins Surreale, die ganze Warteschlange singt mit und alle sehen genauso glücklich aus wie Paula.

Ulrich Plenzdorf war einer der wenigen, die nach der "Wende" nicht verstummten. Er schrieb, und blieb dem Osten in aller Kritik zugetan; die deutsche Vereinigung nannte er in Stücken fürs Kabarett den "Anschluss". Dabei hatte er selbst kleinliche Verbote erlebt, sein Engagement für Wolf Biermann hatte die Stasi alarmiert, zum Schriftstellerkongress wurde er nicht mehr eingeladen. Die Aufarbeitung der DDR-Vergangenheit, fand er, gehöre in die Hände derer, die dort gelebt hatten, aber er sah auch: "Die Interpretation des Ostens ist längst in West-Hände gelangt."

Deshalb, meinte er wohl nicht ganz zu Unrecht, bekomme er keine großen Drehbuch-Angebote mehr.

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