Harold Pinter, Harold Pinter the Birthday Party, the Caretaker, the Homecoming von Bill Naismith 1.) - 3.)

Ein rebellischer Geist
Der englische Literatur-Nobelpreisträger Harold Pinter ist im Alter von 78 Jahren gestorben. Vor 50 Jahren sorgten seine Stücke für Fuore, im Alter machte er durch scharfe Kritik am Irak-Krieg von sich reden
Von Gudrun Norbisrath in der WAZ vom 26.12.2008:

Als Harold Pinter vor drei Jahren den Literatur-Nobelpreis bekam, gehörte Elfriede Jelinek zu denen, die sich aufrichtig mit ihm freuten. Andere sprachen von einer "bizarren Wahl", von einer "Beleidigung der Weltliteratur" und davon, dass Pinter aus der Mode sei. Mode? Ja, sicher, heute dichtet man anders. Doch Pinters große Stücke, von denen viele fast 50 Jahre alt sind, können immer noch verstören. Das gehört zum Besten, was man über Theater sagen kann.

Übrigens freute sich die Jelinek damals ausdrücklich, dass nach ihr ein weiterer Linker den Preis bekäme. Gut möglich, dass dies der Grund war für manches Kritiker-Grollen.

Denn 2005 hatte Pinter längst die Rollen getauscht, er war vom rastlosen Dramatiker zum politischen Rebellen geworden. Gemeinsam mit Arthur Miller war er 1985 in die Türkei gereist und hatte verfolgte Autoren getroffen, er hatte gegen die NATO-Bombardierung Serbiens protestiert und im Irak-Krieg griff er George Bush und Tony Blair mit sagenhafter Vehemenz an; er sprach von einem "Banditenakt, einem Akt von unverhohlenem Staatsterrorismus, der die absolute Verachtung des Prinzips von internationalem Recht demonstrierte". 2003 erschien der Gedichtband "War" (Krieg). Es war Pinters letzte, mehrfach ausgezeichnete Veröffentlichung.

Eine seiner ersten war "Der Hausmeister", das Stück, das nach der Uraufführung 1960 Pinters Ruhm begründete. Drei Männer treffen aufeinander, die sich auf beklemmende Weise von einander abhängig machen. Sie handeln nicht oder falsch, sie versuchen, schlau zu sein, doch ihnen gelingt nichts. Sie sind dreist, hinterlistig, großspurig, armselig, und finden keinen Ausweg.

"Für mich ist dieses Stück nur eine besondere menschliche Situation, die drei bestimmte Leute betrifft und nicht etwa Symbole", hat Harold Pinter über den "Hausmeister" gesagt. Das ist auf absurde Weise eine klare Botschaft; man müsse nichts in dieses Stück hineindeuten, lässt der Autor auf seine raunzige Art wissen: Es liege schon genug darin. Zu "Heimkehr", ein Stück über Menschen, die in einer hasserfüllten Symbiose ausharren, äußerte er sich ganz ähnlich: "Ich hatte genug Schwierigkeiten, das Stück zu schreiben. Ich habe keine Zeit, über seinen Sinn nachzudenken." Die Nobelpreis-Jury begründete 2005 ihre Wahl denn auch damit, dass Pinter "in seinen Dramen den Abgrund unter dem alltäglichen Geschwätz freigelegt hat und in den geschlossenen Raum der Unterdrückung einbricht".

Harold Pinters Lebensgeschichte hat durchaus überraschende Züge. 1930 wurde er im Londoner Arbeiterviertel East End als Sohn eines jüdischen Schneiders geboren. Er studierte einige Semester an einer Schauspielschule und spielte in einer Wandertruppe, bevor er 1957 als Dramatiker mit "Das Zimmer" debütierte. Er schrieb 29 Stücke und zahlreiche Drehbücher, wurde zum führenden Dramatiker im englischsprachigen Raum, thematisierte das Scheitern seiner ersten Ehe in "Betrogen", heiratete in zweiter Ehe Lady Antonia Fraser, Tochter aus irisch-englischer Aristokratie und Bestseller-Autorin. Er lehnte die Erhebung in den Adelsstand ab. "Bei Dramen geht es um Konflikte und Bestürzung, Verwirrung. Ich war nie fähig, ein fröhliches Stück zu schreiben, aber ich bin fähig, ein fröhliches Leben zu genießen", sagte Pinter.

Seit langem litt er an Kehlkopfkrebs, die Krankheit hinderte ihn daran, den Nobelpreis persönlich in Empfang zu nehmen. Stattdessen ließ er seine am Vortag aufgezeichnete Dankesrede als Video zeigen. Und nutzte natürlich die Öffentlichkeit für scharfe Worte, nannte Bush einen Massenmörder und Blair einen armen Irren.

Am Heiligen Abend starb Harold Pinter, 78-jährig. Seine Stücke aber bleiben, und werden auf ihre unnachahmliche Weise immer aktuell sein. Sie handeln von Angst und Unterwerfung, von einer unüberschaubar wüsten Welt, in der Kommunikation selten gelingt. Sie sind dem Absurden Theater verwandt und doch anders. Pinter hat zu Lebzeiten eine seltene Ehre erfahren: Sein Name wurde wie der Kafkas zum Adjektiv. "Pinteresk" benennt eine eigentümlich bedrohliche Stimmung.

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Harold Pinter, Harold Pinter the Birthday Party, the Caretaker, the Homecoming von Bill Naismith 2.)

Rätselhaftes in geschlossenen Räumen
„Der Meister des Ungesagten“: Zum Tod des britischen Dramatikers und Nobelpreisträgers Harold Pinter
Von Ute Dickerscheid aus dem Münchner Merkur, 27.12.2008:

Harold Pinter hat sein Publikum unterhalten, herausgefordert und verstört. Als „Die Geburtstagsfeier“ im Jahre 1958 in London uraufgeführt wurde, waren die Zuschauer in dem kleinen Theater entrüstet über das Stück, das die Vorgänge in einer schäbigen Strandpension schildert. 

Seitdem begleiteten Pinter zwei Dinge stets und in gleichem Maße: Lob und heftige Ablehnung. Das war auch nicht anders, als er 2005 mit dem Nobelpreis ausgezeichnet wurde. Für einige war es eine „Beleidigung der Weltliteratur“, andere hielten es für „eine richtig gute Entscheidung“. Vom Krebs gezeichnet war er damals schon, am Heiligabend ist Harold Pinter nun im Alter von 78 Jahren gestorben.

Unumstritten ist Pinters Einfluss auf das moderne Theater. Weltruhm erlangte er Anfang der 60er-Jahre mit „Der Hausmeister“. Es folgten drei Jahrzehnte, in denen er 29 Bühnenstücke und 24 Drehbücher verfasst hat, die unter anderem bei Hollywood-Größen wie Elia Kazan auf Interesse stießen. Pinter wuchs im proletarischen Londoner East End als Sohn eines jüdischen Schneiders auf. Sein Weg von den Schauspieler-Lehrjahren in einer Wandertruppe bis zum erfolgreichen Autor mit Society-Gattin in zweiter Ehe machte ihn zu einer der schillerndsten Figuren seiner Autorengeneration.

Trotz fortgeschrittener schwerer Krankheit stand Pinter vor zwei Jahren noch einmal auf der Bühne. Der damals 76-Jährige spielte, im Rollstuhl sitzend, in Samuel Becketts „Das letzte Band“ einen Greis, der beim Anhören alter Tonbänder vergangenen, besseren Zeiten nachsinnt. Alle neun Aufführungen im Royal Court Theatre waren ausverkauft. Doch Erfolg und gesellschaftliches Ansehen stiegen Pinter nie zu Kopf.

Stattdessen wandelte er sich im fortgeschrittenen Alter zum politisch engagierten Zeitgenossen. 1985 reiste er mit dem amerikanischen Dramatiker Arthur Miller in die Türkei und führte Gespräche mit verfolgten Autoren. Er protestierte gegen die Nato-Bombardierung Serbiens ebenso wie für die Rechte der Kurden. Eine Sammlung von Anti-Kriegsgedichten mit dem Titel „War“ entstand 2003 als Reaktion auf den Irak-Krieg.

US-Präsident George Bush und den früheren britischen Premierminister Tony Blair bezeichnete Pinter als Kriegsverbrecher. „Die Verbrechen der USA waren systematisch, konstant, infam, unbarmherzig“, sagte er bei seiner Nobel-Vorlesung im Dezember 2005. Die Vereinigten Staaten zögen „die größte Show der Welt“ an.

Pinter selbst sprach einmal davon, dass ihn die Auseinandersetzung mit dem Antisemitismus seiner Jugend zum Theater geführt habe. Seine Stücke spielen im geschlossenen Raum, Dialoge sind unvorhersehbar und werden durch rätselhaftes Schweigen und durch Pausen unterbrochen. Oft reflektiert er den Alltag, hin und wieder auch seinen eigenen. In „Betrayal“ (1978) erzählt er in einfachen Dialogen über eine Eheaffäre, die eigentlich seine eigene ist. Kurz zuvor war seine 1956 geschlossene Ehe mit der Schauspielerin Vivien Merchant in die Brüche gegangen.

Bereits vor seinem Tod sorgte Pinter dafür, dass sein Vermächtnis in die richtigen Hände gelangt. 2007 verkaufte er sein Archiv für umgerechnet 1,5 Millionen Euro an die Britische Nationalbibliothek. 150 Kisten mit Manuskripten, persönlichen Briefen und Fotos gingen an das Institut, eine Sammlung von „unschätzbarem Wert“, schwärmte ein Bibliotheks-Sprecher über den „Meister des Ungesagten“.

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Harold Pinter, Harold Pinter the Birthday Party, the Caretaker, the Homecoming von Bill Naismith 3.)

Harold Pinter tot: Meisterdramaturg mit politischem Gewissen
Die Kunst der Pause: Der britische Schriftsteller und Literaturnobelpreisträger starb mit 78 Jahren
Von Hendrik Bebber aus den Nürnberger Nachrichten vom 27.12.2008:

Harold Pinters 75. Geburtstag übergingen die Londoner Bühnen sang- und klanglos. Drei Tage später wurden sie dafür durch den Nobelpreis für Literatur beschämt, mit dem die Jury den Dramatiker würdigte. Doch Pinter war schon zu krank, um zur Preisgala nach Stockholm zu reisen. Drei Jahre nach der höchsten Auszeichnung für seine literarische Arbeit starb Pinter am Heiligen Abend in London.

Die Schauspielerin Glenda Jackson beklagte den «Verlust einer großen Persönlichkeit des Theaters und einer großen Stimme für die Menschenrechte.« Doch in die Fachliteratur ging Pinter eher durch sein Schweigen ein. Der theaterwissenschaftliche Begriff «pinteresk«, steht für die berühmten Kunstpausen in seinen Stücken, die das «Unsagbare« so beklemmend füllen.

1930 als Sohn eines jüdischen Schneiders in dem armen Londoner Stadtteil Hackney geboren, erhielt Pinter dank eines Stipendiums seine Ausbildung in einem liberalen Gymnasium. Dort wurde über Literatur ebenso heiß diskutiert wie über den aufstrebenden Faschismus. Nach der Schule begann Pinter ein Schauspielstudium an der Königlichen Kunstakademie, das er aber frühzeitig abbrach. Sein Pazifismus und seine Abscheu vor dem Krieg, die sich durch seine Stücken ziehen und ihn zur Galionsfigur des Widerstands gegen Tony Blairs militärische Abenteuer machten, wurden auch in den Jugendjahren geprägt. 1949 wurde er zweimal verurteilt, weil er sich weigerte, seinen Wehrdienst zu absolvieren.

1951 als Schauspieler begonnen

Seine Schauspielerkarriere begann 1951 bei einer kleinen Truppe, die mit Shakespeare durch Irland tingelte. Weitere Engagements währten nur kurz, weil sich Pinter bald mit den Prinzipalen zerstritt. Der «zornige junge Mann« versuchte sich darauf selbst als Theaterautor. 1957 fand die Uraufführung seines Einakters «Das Zimmer« in der Studentenbühne der Uni Bristol statt. Der triste Dialog eines Arbeiterehepaars riss damals niemand von den Stühlen.

Doch Pinter, der seit 1980 durch seine Ehe mit der aristokratischen Hofhistorikerin Lady Antonia Fraser zum britischen Establishment gehört, widmete sich unverdrossen weiter dem «Küchenspülstein-Theater«, wie die für England in dieser Zeit bahnbrechende Gattung sozialkritischer Stücke im Unterschichtenmilieu genannt wird.

Ruhm mit dem «Hausmeister«

Doch auch sein erstes längeres Drama «Die Geburtstagsfeier« war ein Reinfall. Die kafkaeske Geschichte eines arbeitslosen Pianisten, der in seiner Pension den Besuch von zwei bedrohlichen Typen bekommt, erntete so vernichtende Kritiken, dass das «Lyric Theatre« in London es schon nach einer Woche absetzte. Einige Tage später erschien jedoch eine positive Kritik in einer Sonntagszeitung, die Pinters Talent und Innovationsgabe hoch lobte: «In diesem Stück zeigte Pinter, dass er das originellste, aufwühlendste und packendste Talent in der Londoner Theaterwelt besitzt«, schrieb Harold Hobson. Diese prophetischen Worte sicherten der «Geburtstagsfeier« Erfolge in der Provinz und gerade die Verrisse der etablierten Kritiker hatten Pinter für ein junges Publikum interessant gemacht. Auch das Ausland wurde aufmerksam.

1960 kam endlich mit dem «Hausmeister« Pinters Durchbruch zum Ruhm. Zwei Brüder nehmen einen Penner auf und bieten ihm die Stelle des Hausmeisters an. Die großen Pläne des Trios zerbrechen in einem miesen Kampf um Macht und Kontrolle. Sprache wird zum Herrschaftsinstrument und die bizarre Situation spiegelt sich in den Kommunikationsstörungen der Personen, die sich mehr und mehr mit Sprachfloskeln «verständigen«. Das hört sich schlimmer an, als es im Theater anzusehen ist.

Pinter ist zumeist äußerst unterhaltsam und mildert seine düsteren Inhalte mit viel Witz und Sarkasmus. Der Autor ist ein Meister der englischen Alltagssprache, deren scheinbare Banalität bei ihm durch die Doppelbödigkeit des Ungesagten im Gesagten eine poetische Kraft gewinnt. So sind auch die vielen Pausen im Dialog zu verstehen, die seine Frau als «Pinters Fluch« bezeichnete. In dieser Stille zwischen den Dialogen können die Zuschauer die Sprachfloskeln der Sprecher in die eigentliche Botschaft dechiffrieren und die Untertöne von Furcht, Aggression und Unterdrückung hören.

Gegen Bush und Blair

Die Themen zerbrechlicher Identität, unbestimmbarer Bedrohung und menschlicher Unsicherheit und Verwundbarkeit durchziehen alle Stücke des Autors. In den letzten Jahrzehnten konzentrierte sich die immense Schaffenskraft Pinters vom Theater weg mehr auf seine anderen Leidenschaften. «Ich habe 29 Stücke geschrieben, das sollte doch eigentlich reichen«, sagte er und setzte seine Karriere als Schauspieler («Der Schneider von Panama«) und Regisseur fort, verfasste Drehbücher und Hörstücke. Auch der Kampf gegen seinen Speiseröhrenkrebs hemmte Pinter nicht in seiner Polemik und seinen öffentlichen Auftritten gegen Krieg und Verletzung der Menschenrechte. Er verdammte das angloamerikanische Militärbündnis im Irak und bezeichnete Bush und Blair als «Kriegsverbrecher.«

Krankheit und die Last der Jahre hatten dem «zornigen alten Mann« des britischen Theaters schwer zugesetzt aber nicht verbittert. «Ich kann keines meiner Stücke zusammenfassen«, sagte er in einem Interview, «aber mein Leben als Schriftsteller war ganz einfach genüsslich, herausfordernd und aufregend.«

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