1.) - 4.)
Man muss weitermachen
Literaturnobelpreis für Dramatiker Harold Pinter
Von Sabine Dultz aus dem Münchner
Merkur, 13.10.2005:
"Ich fühle mich schlicht überwältigt. Ich war sprachlos. Ich muss diese Sprachlosigkeit verlieren, wenn ich nach Stockholm fahre." Harold Pinter, der vor wenigen Tagen seinen 75. Geburtstag gefeiert hat, kann dieses nachträgliche Geschenk noch gar nicht fassen. Aber bis zum 10. Dezember, dem Tag der königlichen Preisverleihung, wird er sich daran gewöhnt haben, so plötzlich und unerwartet auf der höchsten Stufe der Karriere eines Schriftstellers angekommen zu sein.
Theater als politischer Ort
Der Literaturnobelpreis für ihn, der doch auf den Bühnen der Welt durchaus nicht mehr so präsent ist, wie er es in den 60er- bis 80er-Jahren war! Zumindest in Deutschland ist es um den Dramatiker still geworden, der in seinen Stücken einerseits virtuos mit der Doppelexistenz der Menschen, mit Schein und Sein spielt, andererseits bewusst und prononciert die Bühne als Ort politischer Stellungnahme nutzt. In München jedenfalls wurde Pinter zuletzt an den Kammerspielen gezeigt: "Die Heimkehr", 1986, und, sein berühmtestes Werk, "Der Hausmeister", 1995.Die Überraschung, dass der Brite heuer den Nobelpreis erhält, war nicht nur für den Geehrten selbst groß. Ebenso staunte man auch im Ursprungsland Schweden, als gestern Mittag Horace Engdahl, Sekretär der dortigen Akademie, den Namen des Dramatikers nannte. "Es scheint, als wollten die Nobeljuroren die Überraschung zum Prinzip und zu einer Tugend an sich machen", so ein skandinavischer Experte.
Aber die Juroren können ihre Entscheidung überzeugend begründen: Pinter sei ein Autor, "der in seinen Dramen den Abgrund unter dem alltäglichen Geschwätz freilegt und in den geschlossenen Raum der Unterdrückung einbricht". Seine Stellung als moderner Klassiker werde, so die Juroren, deutlich durch das Adjektiv "pinteresk", das eine gewisse Stimmung und ein gewisses Milieu beschreibe. Sie ehren den Schriftsteller dafür, dass er in seinen Werken Menschen in den Mittelpunkt stelle, unter deren äußerlicher Biederkeit sich bedrohliche Tendenzen verbergen oder die Opfer einer solchen Bedrohung werden.
Harold Pinter stammt aus einer jüdischen Kleinbürgerfamilie. Er wurde am 10. Oktober 1930 in London geboren und wuchs im Arbeiterviertel Hackney auf. Er studierte an der Royal Academy of Dramatic Art, war Schauspieler, Regisseur, vor allem aber Stückeschreiber. Über 30 Dramen. Von Schauspielern sehr begehrt, denn der Autor versteht es, ihnen wirkungsvolle Rollen zu liefern.
Auf die Frage, welche Wirkung er als Autor beabsichtige, sagte er einmal: "Ob ich schreibe, ob sich hier und da Stimmen erheben, die Menschen auf den Straßen demonstrieren - schließlich und endlich ist das alles hoffnungslos. Man erreicht nichts . . . Und doch darf man nicht aufhören." Und den alten Sam Beckett in seinem Stück "Der Namenlose" lässt er sagen: "Man muss weitermachen, ich kann nicht weitermachen, man muss weitermachen, also werde ich weitermachen."
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2.)
Gegen das tägliche Geschwätz
Harold Pinter über die Ehrung: "Ich
wundere mich"
Von Peter
Pisa aus Kurier,
Wien, vom 13.10.2005:
Es war ruhig um Harold Pinter geworden. Am
vergangenen Montag wurde er 75, und wenn der Engländer – neben Samuel Beckett
und Arthur Miller – auch gewiss zu den bedeutendsten Dramatikern der Gegenwart
gehört, so wurde aus diesem Anlass in den Zeitungen vor allem dieser eine Satz
von ihm zitiert: "Ich habe 29 Bühnenstücke geschrieben. Ich glaube, das
ist eigentlich genug." Manchmal las man, seit drei Jahren kämpfe er gegen
seinen Kehlkopfkrebs.
Irak
Donnerstag, 13 Uhr, verkündete die Schwedische Akademie: Harold Pinter bekommt
heuer den Literatur-Nobelpreis. Er habe, so heißt es in Stockholm, "den
Abgrund unter dem alltäglichen Geschwätz frei gelegt". Selbst auf Adonis
war man eher vorbereitet gewesen. Der arabische Lyriker galt als
aussichtsreichster Kandidat. Allein schon wegen des Irak-Krieges.
Pinter kann allerdings auch damit in Verbindung gebracht werden. Er wurde immer
politischer. Kürzlich attackierte er wieder die Politik des US-Präsidenten und
des englischen Premiers: "Was wir entfesselt haben, das sind ein grausamer
und hartnäckiger Widerstand, Gewalt und Chaos."
Der Autor, Theaterregisseur und Darsteller war immer engagiert. Seine Philosoph:
Zukunft ist die Ausrede all jener, die in der Gegenwart nichts tun wollen. Er
eckt an. Trotzdem ist er, anders als der Amerikaner Philip Roth (ist Roth in
Stockholm tatsächlich wieder leer ausgegangen?), ein Liebling der Gesellschaft.
Pinter sitzt bei Cricket-Spielen unter den Zuschauern, öfter noch trifft man
ihn in Londons Nobelrestaurants.
Kammerl
Sein Publikum lacht. Es lacht sich selbst aus. Seit 1957 geht das so. Unter
seinen Welterfolgen waren "Hausmeister", "Moonlight" und
"Betrogen". Seine Dialoge sind einfach, oft wird geschwiegen. Das
irritiert. Die Bühne ist meist nur ein Kammerl, aus dem die Menschen ausbrechen
muss. Wenige Schauspieler werden gebraucht. Und die müssen ordentlich
aneinander vorbei reden, sprachlos sein. Manchmal taucht kurz ein Fremder auf.
Was noch mehr irritiert.
Das ergab bejubelte Theaterabende in der ganzen Welt. Fragte man Harold Pinter,
was er mit seinem Theater ausdrücken wollte, kam mitunter die Antwort:
"Ich hatte genug Schwierigkeiten, das Stück zu schreiben. Ich habe keine
Zeit, über seinen Sinn nachzudenken."
Der bekennende Sozialist fühlte sich nie als literarisch Großer. Offen äußerte
er sich über Schreibblockaden. Seine erste Reaktion auf den Nobelpreis (1,1
Millionen Euro), der am 10. Dezember überreicht wird: "Ich hatte noch
keine Zeit, darüber nachzudenken. Ich bin sehr bewegt. Ich habe nie, nie an so
etwas gedacht."
Warum er glaubt, gewonnen zu haben? "Ich wundere mich . . ."
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3.)
Zorniger alter Mann im Glück
Eine späte, eine gute oder eine
"bizarre" Wahl? Die Akademie baut den Dramatiker Harold
Pinter auf.
Von JD
aus der NRZ vom
13.10.2005:
Ob man Harold Pinter für "eine gute, eine richtige" Wahl hält, die "etwas spät" getroffen wurde, wie Marcel Reich-Ranicki gestern meinte, ob man sie als "bizarr" empfindet wie Siegrid Löffler oder gar als "eine Beleidigung der Weltliteratur" wie der Kritiker Dennis Scheck - eines ist der Königlichen Akademie zu Stockholm einmal mehr gelungen: eine Überraschung.
Bei all den Kandidaten im fortgeschrittenen Rentenalter von Philip Roth bis Hugo Claus wäre außer den 15 aktiven Mitgliedern der Schwedischen Akademie wohl kaum jemand auf Harold Pinter gekommen, der noch am Montag seinen 75. Geburtstag gefeiert hat. Selbst der Witzbold, der alljährlich in der alten Stockholmer Börse "Endlich !" schreit, wenn der Preisträger verkündet wird, hätte sich fast verschluckt.
Ähnlich wie bei Günter Grass kommt auch bei Pinter der Nobelpreis zu einem Zeitpunkt, da der Schriftsteller aus dem Zenit seines literarischen Schaffens herausgerückt und mehr zu einer politischen Figur geworden ist. "Noch ein Linker !" jubelte denn auch Pinters Vorgängerin Elfriede Jelinek gestern.
Brillante Dialoge
Nicht als Linker, sondern als Lyriker hat der 1930 in London geborene Schneiderssohn begonnen. 1948, als er ein Stipendium an der Königlichen Schauspielschule in London bekam, verweigerte er den Militärdienst. Nach Wanderjahren als Schauspieler an britischen Provinzbühnen, nach ersten Misserfolgen landet Pinter 1960 dann aber doch einen Hit am Theater: Das Dreipersonenstück "Der Hausmeister" wird ein Riesenerfolg, in London und am Broadway; die Geschichte vom düpierten Penner Aston überzeugte weltweit durch brillante Dialoge: Da redeten die Leute auf der Bühne so wie im wirklichen Leben!Pinter, der 13. Dramatiker unter den Nobelpreisträgern, hatte es zuvor ganz anders probiert, mit Stücken, die seinen Hausgöttern Kafka, Joyce und Beckett nacheiferten. Mit dem vor Irrwitz und surrealer Gewalt strotzenden "Treibhaus" etwa, das über zwanzig Jahre in der Schublade verbrachte, bevor Pinter es 1980 dann doch noch uraufführen ließ.
Seine Erfolge als Dramatiker verdanken sich dagegen literarischen Qualitäten, die nicht von allen geschätzt werden: Verständlichkeit, Durchschaubarkeit, plausibler Psychologie. Vielleicht gilt er hierzulande deshalb eher als Autor des gehobenen Boulevards. Gespielt worden ist er auch mit anderen Erfolgen wie "Die Heimkehr" (1965) oder "Landschaft" (1968) zuletzt immer seltener.
Schon 1975 hatte Pinter im "Niemandsland" damit begonnen, sich selbst zu variieren; das Stück spielte den "Hausmeister" mit einem reichen alten Schriftsteller noch einmal durch. Drei Jahre später machte er im Bühnenrenner "Betrogen" seine eigene Eheaffäre zum Thema. Kurz zuvor war die 1956 geschlossene erste Ehe mit der Schauspielerin Vivien Merchant in die Brüche gegangen. Später heiratete er die Hofhistorikerin Lady Antonia Fraser, seither zählt er zur britischen High Society.
Pinter, der auch als Regisseur und Hörspielautor erfolgreich war, hat in den letzten beiden Jahrzehnten einen politischen Kampfgeist entwickelt, mit dem er auch den gelegentlichen Schreibblockaden und seinem Kehkopfkrebs trotzt. Das hat ihm schon zu seinem 70. Geburtstag die Bezeichnung "zorniger alter Mann" eingebracht. Er attackierte die Irak-Politik von US-Präsident Bush und bezeichnete den britischen Premier Tony Blair als "Kriegsverbrecher". Er ließ kaum eine Gelegenheit zum Protest aus - die Bombardierung Serbiens durch die Nato, die Verfolgung der Kurden, Folter und Todesstrafe.
Nach 29 Bühnenstücken hat er längst seinen Rückzug als Theaterautor erklärt. Zu seinem Geburtstag präsentierte er in der BBC jedoch sein neues Hörspiel "Voices", das er sich förmlich abrang: "Ich bin erschöpft, ich bin am Ende meiner Kräfte", sagte er. Der Nobelpreis wird ihn nun wohl gehörig aufmuntern. (NRZ)
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4.)
Die Botschaft verbirgt sich hinter Floskeln
Der 75-jährige Dramatiker Harold Pinter wird mit dem Literatur-Nobelpreis
ausgezeichnet
Von Hendrik Bebber aus
den Nürnberger Nachrichten
vom 14.10.2005:
„Ein Mann mit 75 braucht ein wenig Zuneigung,
und es ist schön, dass sie aus Dublin kommt“, kommentierte Harold Pinter die
Tatsache, dass zu seinem Geburtstag nur ein Theater in der irischen Hauptstadt
eine Festwoche seiner Werke veranstaltete, während der Brite auf den Londoner Bühnen
unbeachtet blieb. Nach einer dreitägigen Kunstpause, die Pinters theatralischen
Erfindung ebenbürtig ist, gab Stockholm ihm nun die ersehnten
Streicheleinheiten. Er wurde mit dem Nobelpreis die größte Auszeichnung für
einen Literaten zuteil.
Die Jury würdigte ihn als Dramatiker, „der in seinen Stücken die Abgründe
des alltäglichen Geschwätzes zeigt und sich Zugang zu den verschlossenen Räumen
der Unterdrückung erzwingt“. Dies ist eine gute, neue Definition für den
theaterwissenschaftlichen Begriff „pinteresk“, den seine Dramen geprägt
haben.
Die Wurzeln dazu lagen in seiner Jugend. 1930 als Sohn eines jüdischen
Schneiders in dem armen Londoner Stadtteil Hackney geboren, erhielt Pinter dank
eines Stipendiums seine Ausbildung an einem liberalen Gymnasium. Seine
Schauspielerkarriere begann 1951 bei einer kleinen Theatergruppe, die mit Shakespeare-Stücken durch Irland tingelte. Weitere Engagements währten nur
kurz, weil sich Pinter bald mit den Prinzipalen zerstritt.
Der „zornige junge Mann“ versuchte sich darauf selbst als Theaterautor. 1957
fand die Uraufführung seines Einakters „Das Zimmer“ in der Studentenbühne
der Universität Bristol statt. Der triste Dialog eines Arbeiterehepaars in
ihrem ärmlichen Wohnzimmer riss damals niemanden von den Stühlen. Pinter, der
seit 1980 durch seine Ehe mit der aristokratischen Hofhistorikerin Lady Antonia
Fraser zum britischen Establishment gehört, widmete sich unverdrossen weiter
dem „Küchenspülstein-Theater“, wie die für England in dieser Zeit
bahnbrechende Gattung sozialkritischer Stücke im Unterschichtenmilieu genannt
wird.
Pinters erstes Theaterdebüt, „Geburtstagsfeier“, war zuerst ein völliger
Flop. Sein nächstes Stück „Der stumme Diener“ — eine Art „Warten auf
Godot“ von Schwerverbrechern in einer Zuchthauszelle — hatte 1959 seine
Uraufführung in Deutschland.
1960 kam endlich mit dem „Hausmeister“ Pinters Durchbruch zum Ruhm. Zwei Brüder
nehmen einen Penner auf und bieten ihm die Stelle des Hausmeisters an. Die großen
Pläne des Trios zerbrechen in einem miesen Kampf um Macht und Kontrolle.
Sprache wird zum Herrschaftsinstrument, und die bizarre Situation spiegelt sich
in den Kommunikationsstörungen der sozial und psychologisch verwundeten
Personen.
Das hört sich schlimmer an, als es im Theater anzusehen ist. Pinter ist zumeist
äußerst unterhaltsam und mildert seine düsteren Inhalte mit viel Witz und
Sarkasmus. Der Autor ist ein Meister der englischen Alltagssprache, deren
scheinbare Banalität bei ihm durch die Doppelbödigkeit des Ungesagten im
Gesagten eine poetische Kraft gewinnt. So sind auch die vielen Pausen im Dialog
zu verstehen, die seine Frau als „Pinters Fluch“ bezeichnete. In dieser
Stille zwischen den Dialogen können die Zuschauer die Sprachfloskeln der
Sprecher in die eigentliche Botschaft übersetzen und die Untertöne von Furcht,
Aggression und Unterdrückung hören.
Diese verstohlenen Elemente seiner frühen Stücke werden in den späteren
Werken, in denen Pinter die Welt totalitärer Politik anprangert, immer lauter.
Die Themen zerbrechlicher Identität, unbestimmbarer Bedrohung und menschlicher
Unsicherheit und Verwundbarkeit durchziehen alle Stücke des Autors. Seine
eigene Lebens- und Liebeserfahrung verdichtete er 1978 in „Betrug“. Kurz
zuvor war seine erste Ehe zerbrochen, die er 1956 mit der Schauspielerin Vivien
Merchant geschlossen hatte. Pinter erzählt eine Dreiecksgeschichte
chronologisch rückwärts. Diesmal sind drei wohlhabende Intellektuelle das
Personal, das sich durch den Scherbenhaufen zerbrochener Beziehungen zu den
idealistischen Anfängen wühlt.
In den letzten Jahrzehnten konzentrierte sich die immense Schaffenskraft Pinters
vom Theater weg mehr auf seine anderen Leidenschaften. Er schrieb nur noch
gelegentlich kurze Stücke und setzte seine Karriere als Schauspieler („Der
Schneider von Panama“) und Regisseur fort, verfasste Drehbücher und Hörstücke
mit zeitgenössischen Komponisten. „Ich habe 29 Stücke geschrieben, das
sollte doch eigentlich genug sein“, antwortete er auf die Frage nach seinem
„Schreibkrampf“.
Kampf gegen den Krebs
Auch der Kampf gegen seinen Kehlkopfkrebs hemmte Pinter nicht in seiner Polemik
und seinen öffentlichen Auftritten gegen Krieg und Verletzung der
Menschenrechte. Er setzte sich für politisch verfolgte Autoren in Israel, dem
Iran und der Türkei ein und verdammte bei einer Massendemonstration gegen das
angloamerikanische Militärbündnis im Irak Bush und Blair als
„Kriegsverbrecher“.
Krankheit und die Last der Jahre haben dem „zornigen alten Mann“ des
britischen Theaters zugesetzt. Vor seinem 75. Geburtstag sagte er in einem
Interview, dass er sich schwach und am Ende seiner Kräfte fühle. So mag der
Nobelpreis ein neues Lebenselixier sein. Pinter nahm die Auszeichnung an mit den
Worten: „Ich bin sehr glücklich“. Es folgte die wohl dramatischste
Kunstpause seiner langen Karriere.
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