Frontalangriff auf die Sprachkonventionen
Plaudereien und Diskurse: Auftakt zum Erlanger Poetenfest mit dem Lyriker Oskar
Pastior
Von S.
Mössler-Rademacher aus den Nürnberger
Nachrichten vom 26.08.2006:
Ein lautmalerisch-heiterer
Abend mit den wunderbaren Wortspielereien des 78-jährigen Dichters Oskar
Pastior eröffnete das 26. Erlanger Poetenfest im Markgrafentheater. Beim
gestrigen Porträt International stellte Verena Auffermann den bosnischen
Theatermacher und Autor Dževad Karahasan vor, der in Graz und Sarajevo lebt. Am
Wochenende setzt sich das Programm mit den traditionellen Nachmittagslesungen,
Podiumsgesprächen und Diskussionsrunden fort. Aus aktuellem Anlass treffen sich
am morgigen Sonntag, 14 Uhr, in der Orangerie des Schlossgartens die
Literaturexperten, um „Beim Häuten der Zwiebel“ erneut auf die Kontroverse
um Günter Grass einzugehen.
„Ob’s funktioniert, merkt man nur, wenn man’s ausprobiert.“ Was für
ein mit Wackelkontakt ausgestattetes Mikrophon gilt, lässt sich manchmal auch
— man verzeihe den etwas gewagten Vergleich — auf Literatur übertragen.
Beispielsweise dann, wenn ein Sprachspieler und Lautdichter im Mittelpunkt des
Abends spielt. Denn die Lyrik von Oskar Pastior entfaltet sich vor allem dann,
wenn sie vorgetragen wird.
Zum Auftakt des Poetenfests im Markgrafentheater ist dies glücklicherweise
relativ oft der Fall. Der diesjährige Büchner-Preisträger kramt dann in
seinem schier unerschöpflichen Fundus an Gedichten, in denen er virtuos mit
Anagrammen, Sonetten und allerlei Arten von poetischen Formen jongliert. Da
werden Anlaute variiert, Endungen durcheinander gewirbelt, aus alten Regeln neue
Gesetzmäßigkeiten für die Wirkung von Sprache entwickelt. Schelmisch grinsend
bewegt sich hier ein Anarchist durch Sprachkonventionen, erschafft dabei oft ein
eigenes Vokabular, eine eigene Grammatik des Absurden. Dazu bewegt Pastior sanft
seine Hände, seine Arme, als ob er sich bei dieser Sprach-Symphonie selbst
dirigiert.
Im lockeren (manchmal leider etwas selbstverliebten) Plausch bei einem Gläschen
Wein mit seinem ehemaligen Lektor Peter
Urban und dem Leiter des Literaturhauses
Berlin, Ernest Wichner, werden dann mit vielen Gedichten aus der Anfangsphase
von Pastiors Schaffen die Entwicklungen in dessen Werk aufgezeigt.
Doch leider wird bei diesem „Autorenporträt“ der spannenden Biografie des
Oskar Pastior nur sporadisch nachgegangen. Lediglich angetippt wird der
intellektuelle Kraftakt, den der 1927 in Hermannstadt (Rumänien) geborene Pastior bewältigen musste, um bis zur Flucht in den Westen sein künstlerisches
Talent, seinen Witz, seine subversive Kraft vor den Gefahren eines totalitären
Systems zu schützen. Doch wahrscheinlich setzte die kleine Runde dieses Wissen
beim Publikum ohnehin voraus. Immerhin erheiterte Pastior mit einigen kleinen
Anekdoten. Beispielsweise über sein Staunen, als er bei seinem ersten Abstecher
zum Erlanger Poetenfest 1982 ein riesiges Transparent mit einem seiner Gedichte
über der Bühne entdeckt. Dumm nur, dass er dieses gar nicht für seine Lesung
vorgesehen hatte. Doch auch ein Dichter lernt nie aus, und so wurde „Jalousien
aufgemacht . . .“ zu einem Markenzeichen. Fazit: „Das lässt
sich laut lesen, sogar gut!“
Eine andere Debatte konnte gleich am darauf folgenden Tag fortgesetzt werden. In
den 70er Jahren arbeitete Pastior zusammen mit Urban und vielen renommierten
Lyrikern an der Übersetzung des Werks des russischen Modernisten Velimir
Chlebnikov. Denn mit den Möglichkeiten und Unmöglichkeiten von literarischen
Transformationen beschäftigt sich die ans Poetenfest angedockte „Übersetzerwerkstatt“.
Die öffentlichen, aber meist sehr kopflastigen Debatten sind zwar nicht gerade
ein Publikumsrenner, dafür aber ein äußerst belebender Diskurs für das
Literaturfestival. Für die Unterhaltung sind ohnehin eher die Teilnehmer der
„Revue der Neuerscheinungen“ zuständig. Heute und morgen stellen wieder über
20 deutschsprachige Autoren ihre zum Teil druckfrischen Bücher vor. Wenn das
Wetter mitspielt, wird sich der Schlossgarten dann wieder in eine große
literarische Lesewiese verwandeln. Bei Regen wird in den angrenzenden
Redoutensaal ausgewichen.
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