|
|
| Foto: Ekko von Schwichow www.schwichow.de |
Schweigsamer Botschafter.
Der türkische Autor
Orhan Pamuk
spricht zur Eröffnung der Frankfurter Buchmesse. Doch mit Kritik an seinem Land
hält er sich immer mehr zurück – aus Angst um sein Leben.
Von Jobst-Ulrich Brand aus dem FOCUS,
19.9.2008:
Das Dilemma eines
Nobelpreisträgers
Das – und die größere Bedeutung, die seinem Wort
nach dem Nobelpreis beigemessen wird in der Welt –
führt dazu, dass er sich mit politischen Äußerungen
zurückhält. Orhan Pamuk steckt in einem Dilemma. Zu
95 Prozent sei er einfach jemand, der gute Bücher
schreiben will, sagt er. Aber das Publikum, vor
allem das im Ausland, ist besonders an den übrigen
fünf Prozent interessiert: an seiner Meinung zur
politischen Situation in seinem Land. „Es
funktioniert immer gleich“, klagt er. „Ich
veröffentliche ein neues Buch, und Journalisten
befragen mich dazu. Nach einer Weile kommen die
ersten politischen Fragen. Und wenn ich dann nachher
das fertige Interview lese, dann steht in der
Überschrift: Pamuk sagt dies über Erdogan und jenes
über die AKP. Ich habe immer weniger Lust dazu. Die
Journalisten missbrauchen mich als
Statementlieferanten.“
Es ist das Los des Autors, der sich nicht im
Elfenbeinturm seiner Bücher verstecken will. Der
auch Bürger seines Landes ist, der sich eine
politische Meinung gebildet hat und die nicht
verschweigen kann. Pamuks Wort hat Gewicht, das weiß
er. Aber er ist immer seltener bereit, dieses
Gewicht in die Waagschale zu werfen, weil der
Ausschlag, den das verursacht, sein Leben gefährdet.
Orhan Pamuk ist feiger geworden, aber man kann ihm
das kaum verdenken.
Polit-Autor wider Willen
Sein Problem ist, dass er genau in dem Moment
außerhalb der Türkei berühmt wurde, als er seinen
einzigen wirklich politischen Roman veröffentlicht
hat: „Schnee“ von 2002, die Geschichte der Stadt
Kars, in der sich ein Islamist versteckt hält und
junge Musliminnen wegen des Kopftuchverbots an der
Universität Selbstmord begehen. In der Folge wurde
Pamuk als politischer Autor wahrgenommen. Ein
Missverständnis, wie er findet.
Gegenzusteuern versucht er mit seinem neuen Roman
„Das Museum der Unschuld“, der gerade erschienen
ist. Das Buch spielt im Istanbul der 1970er-Jahre
und erzählt die Geschichte eines Mannes, der Jahre
lang um seine große Liebe wirbt. Aber auch dieser
Roman ist nicht so unpolitisch, wie Pamuk ihn gern
darstellt. Er lässt sich auch lesen als Kritik an
der vergnügungssüchtigen, an politischen Fragen
völlig desinteressierten Oberschicht der Türkei –
und an der Rolle der Frau, die über ihr eigenes (Liebes-)Leben
nicht frei bestimmen kann. „Gut“, gibt Pamuk im
Gespräch zu, „in diesen Punkten ist das Buch
politisch, aber es ist doch hoffentlich nicht das,
was es eigentlich ausmacht.“
Der Mittler zwischen den Kulturen im Zwiespalt
Pamuk bleibt ein Mittler zwischen Orient und
Okzident, zwischen der Türkei und Europa.
Ausländischen Journalisten gegenüber meint er, die
Türkei verteidigen zu müssen. Bei seinen Landsleuten
wirbt er für mehr Offenheit gegenüber dem Westen.
Und so lässt er sich am Ende unseres Gesprächs dann
doch wieder hinreißen zu einer tagespolitischen
Stellungnahme: Trotz des Prozesses gegen Erdogans
AKP, in dem die Regierungspartei wegen
anti-laizistischer Tendenzen verboten werden sollte
und den sie nur knapp gewann, sehe er sein Land
nicht auf dem Weg zum Gottesstaat. „Ich glaube
nicht, dass die Türkei heute ein weniger
säkularisiertes Land ist als vor 20 Jahren, wie
viele in Europa annehmen.“
[...diesen und weitere Berichte
finden Sie unter
]
Leseprobe I Buchbestellung 1008 LYRIKwelt © FOCUS