Orhan Pamuk, 2001, Foto: Ekko von Schwichow

Orhan Pamuk
Foto: Ekko von Schwichow

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Schweigsamer Botschafter.
Der türkische Autor Orhan Pamuk  spricht zur Eröffnung der Frankfurter Buchmesse. Doch mit Kritik an seinem Land hält er sich immer mehr zurück – aus Angst um sein Leben.
Von Jobst-Ulrich Brand aus dem FOCUS, 19.9.2008:

Es war Anfang dieses Jahres, als wieder eines dieser Schauerpapiere auftauchte. Ein Schreiben rechter türkischer Nationalisten, in dem zum Mord aufgerufen wurde an liberalen Politikern und Intellektuellen des Landes. Eine Todesliste – und wieder stand Orhan Pamuks Name darauf. Es hat sich nicht viel geändert, seit er 2006 den Literaturnobelpreis bekommen hat: Noch immer schätzen die Verbohrten in seinem Land den wichtigsten Autor der modernen Türkei gering. Überall auf der Welt ist es üblich, dass die Nation Kopf steht, wenn ein Landsmann die Medaille und Millionen aus Stockholm erhält. Es wird gefeiert – und die Kritiker halten sich für eine Weile mal zurück. Nicht so bei Orhan Pamuk. Ihm schlug offene Missbilligung entgegen.

Als Nestbeschmutzer wird er angesehen, weil er immer wieder den Mut hatte, Missstände in der Türkei offen anzusprechen. Ohne Rücksicht auf den Preis, der ihm dafür abverlangt wurde. Als er in einem Zeitungsinterview den Völkermord an den Armeniern während des Osmanischen Reiches anprangerte, brachte ihm das einen Prozess wegen „Verunglimpfung des Türkentums“ ein. Das Verfahren ist längst eingestellt, aber die Wut einiger seiner Landsleute bleibt. Derjenigen vor allem, denen die Orientierung der Türkei gen Westen suspekt ist. Deshalb die Morddrohungen, die Pamuk immer wieder erhält. Deshalb die Sicherheitsleute vor seinem Haus in Istanbul. Deshalb die Leibwächter, die ihn stets begleiten, wenn er durch die Straßen seiner Heimatstadt geht. „Die Männer sind meine Freunde geworden“, lacht er im Gespräch. Aber das Lachen ist gequält. Die Situation belastet ihn.

Das Dilemma eines Nobelpreisträgers

Das – und die größere Bedeutung, die seinem Wort nach dem Nobelpreis beigemessen wird in der Welt – führt dazu, dass er sich mit politischen Äußerungen zurückhält. Orhan Pamuk steckt in einem Dilemma. Zu 95 Prozent sei er einfach jemand, der gute Bücher schreiben will, sagt er. Aber das Publikum, vor allem das im Ausland, ist besonders an den übrigen fünf Prozent interessiert: an seiner Meinung zur politischen Situation in seinem Land. „Es funktioniert immer gleich“, klagt er. „Ich veröffentliche ein neues Buch, und Journalisten befragen mich dazu. Nach einer Weile kommen die ersten politischen Fragen. Und wenn ich dann nachher das fertige Interview lese, dann steht in der Überschrift: Pamuk sagt dies über Erdogan und jenes über die AKP. Ich habe immer weniger Lust dazu. Die Journalisten missbrauchen mich als Statementlieferanten.“

Es ist das Los des Autors, der sich nicht im Elfenbeinturm seiner Bücher verstecken will. Der auch Bürger seines Landes ist, der sich eine politische Meinung gebildet hat und die nicht verschweigen kann. Pamuks Wort hat Gewicht, das weiß er. Aber er ist immer seltener bereit, dieses Gewicht in die Waagschale zu werfen, weil der Ausschlag, den das verursacht, sein Leben gefährdet. Orhan Pamuk ist feiger geworden, aber man kann ihm das kaum verdenken.

Polit-Autor wider Willen

Sein Problem ist, dass er genau in dem Moment außerhalb der Türkei berühmt wurde, als er seinen einzigen wirklich politischen Roman veröffentlicht hat: „Schnee“ von 2002, die Geschichte der Stadt Kars, in der sich ein Islamist versteckt hält und junge Musliminnen wegen des Kopftuchverbots an der Universität Selbstmord begehen. In der Folge wurde Pamuk als politischer Autor wahrgenommen. Ein Missverständnis, wie er findet.

Gegenzusteuern versucht er mit seinem neuen Roman „Das Museum der Unschuld“, der gerade erschienen ist. Das Buch spielt im Istanbul der 1970er-Jahre und erzählt die Geschichte eines Mannes, der Jahre lang um seine große Liebe wirbt. Aber auch dieser Roman ist nicht so unpolitisch, wie Pamuk ihn gern darstellt. Er lässt sich auch lesen als Kritik an der vergnügungssüchtigen, an politischen Fragen völlig desinteressierten Oberschicht der Türkei – und an der Rolle der Frau, die über ihr eigenes (Liebes-)Leben nicht frei bestimmen kann. „Gut“, gibt Pamuk im Gespräch zu, „in diesen Punkten ist das Buch politisch, aber es ist doch hoffentlich nicht das, was es eigentlich ausmacht.“

Der Mittler zwischen den Kulturen im Zwiespalt

Pamuk bleibt ein Mittler zwischen Orient und Okzident, zwischen der Türkei und Europa. Ausländischen Journalisten gegenüber meint er, die Türkei verteidigen zu müssen. Bei seinen Landsleuten wirbt er für mehr Offenheit gegenüber dem Westen. Und so lässt er sich am Ende unseres Gesprächs dann doch wieder hinreißen zu einer tagespolitischen Stellungnahme: Trotz des Prozesses gegen Erdogans AKP, in dem die Regierungspartei wegen anti-laizistischer Tendenzen verboten werden sollte und den sie nur knapp gewann, sehe er sein Land nicht auf dem Weg zum Gottesstaat. „Ich glaube nicht, dass die Türkei heute ein weniger säkularisiertes Land ist als vor 20 Jahren, wie viele in Europa annehmen.“

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