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1.) - 6.)
Der
Geschichtenerzähler
Orhan
Pamuk zeigt in seinen sinnlich bunten, poetisch ausschweifenden Romanen,
dass gesellschaftspolitische Reflexion und bildhaft anspielungsreiche Fantasie
einander nicht ausschließen
Von Gudrun Norbisrath aus der WAZ
vom 13.10.2006:
Das Lob für Orhan Pamuk ist einhellig, jedenfalls im Westen. Doch die ersten, die sich zu Wort meldeten, waren nicht Literaturexperten, sondern Vertreter einer liberalen Gesellschaftskritik, und sie priesen nicht die Romane des Nobelpreisträgers, sondern seine mutigen politischen Äußerungen. Wie kann das sein?
Das Spektakuläre ist immer das Erste. Ein Autor, der in seiner Heimat vor Gericht stehen soll, dessen Prozess auf Druck der europäischen Öffentlichkeit niedergeschlagen wird, ist aufregender als einer, der wunderbar schildert und Geschichten fabelhaft ausspinnt.
Orhan Pamuk ist aber nicht nur ein aufrechter Mann, er ist auch ein großer Erzähler. Dass er beides zu verbinden weiß; dass seine anspielungsreichen, oft verschlüsselten, der mystischen Tradition des Orients wie dem westlichen Literaturzusammenhang verpflichteten Romane die Gesellschaft reflektieren: Das ist es, was ihn zu einem großen Schriftsteller und würdigen Nobelpreisträger macht.
In den 70er Jahren hatte Pamuk sich entschieden, Schriftsteller zu werden: um die Stimme zu erheben. Ausdrücklich in einer politisch bewegten Welt, aber mit den sinnlichen, bildhaften Mitteln des Romans. Die durften von Anfang an auch historisch sein. Umso eindringlicher spiegeln sie die Probleme türkischer Identität zwischen Tradition und westlich geprägter Gegenwart.
"Rot ist mein Name" etwa spielt im ausgehenden 16. Jahrhundert. Buchmaler des Hofes geraten in einen Bilderstreit: Wie orientalisch, wie abendländisch soll und darf ihr Werk sein? Aus der Auseinandersetzung um den Kanon, um blasphemische Abweichung entwickelt sich eine Mordgeschichte.
Orhan Pamuk spielt an auf Umberto Eco, Dante, Novalis; seine Romane jonglieren mit literarischen Quellen aus Ost und West, bedienen sich geistreich verdeckter Zitate, sind bevölkert von Großwesiren, dem Sultan, Hodschas. Aber nicht nur von ihnen. Der Roman "Schnee", der Ende der 90er Jahre angesiedelt ist, thematisiert die Suizide junger Musliminnen wegen eines Kopftuchverbots an der Universität der Grenzstadt Kars.
Es ist der einzige politische Roman, den Orhan Pamuk geschrieben hat. Und er solle auch der einzige bleiben, sagte er: "Ich habe die großen Ideen gründlich satt. Ich bin ihnen in meinem überpolitisierten Land viel zu sehr ausgesetzt gewesen. Literatur ist meine Reaktion darauf, ein Versuch, das Spiel umzudrehen, einen gewissen Humor, eine gewisse Distanz in die Sache zu bringen. Ich will dem Leser sagen: Nimm diese Dinge nicht so verdammt wichtig. Ist das Leben nicht schön? Ich möchte nicht zu einem Teil der verbissenen politischen Kultur werden, die ich so oft kritisiere."
Seine Intention beschreibt Pamuk deutlich: "Ich will die Islamisten nicht schlichtweg als Böse darstellen, wie es oft im Westen geschieht. Zugleich kritisiere ich den Blick der Islamisten auf die Säkularisten, in denen sie nur unwürdige Imitatoren des verachteten Westens sehen. Ich will die Klischees, die beide Parteien pflegen, erschüttern. Das ist für mich die Aufgabe eines politischen Romans."
Orhan Pamuk tritt entschieden für den Beitritt der Türkei in die EU ein. Als er vor einem Jahr den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhielt, nahm er in seiner Dankesrede scharf Stellung gegen deutsche Stimmen, die das ablehnen. Kritik an den Demokratiedefiziten der Türkei und ihrer wirtschaftlichen Lage sei berechtigt, doch sei zu bedenken, dass aus der Empfindlichkeit des Abgewiesenen Scham, Wut und ein dumpfer, europafeindlicher Nationalismus entstehen könne. Zu Recht wies der Autor darauf hin, dass weder Europa noch die Türkei ihre gesamte Kraft aus ihrer Religion ziehen könnten, wenn sie die Realität nicht verkennen wollten.
Dass er unbeirrt politisch Stellung bezieht, wird auch dem Nobelpreisträger Pamuk verübelt. Er sei beschämt, erklärte der Schriftsteller Özdemir Ince am Donnerstag, dass mit Pamuk ein Autor ausgezeichnet werde, "der unsere Geschichte verkauft hat". Es war aber schon mal schlimmer. "Herr Pamuk mag in der Türkei geboren sein, leben sollte er aber in Armenien", hatte der Vorsitzende der türkischen Gewerkschaft für das Gesundheitswesen nach dem umstrittenen Interview gesagt. Ein Landrat in der Provinz ordnete nach der Anklage an, Pamuks Bücher sollten beschlagnahmt und vernichtet werden; später wurde der Mann suspendiert. Und die Zeitung "Hürriyet" schrieb: "Wenn er nicht über Politik spricht, wächst er über sich hinaus."
Orhan Pamuk wird das berühren, aber nicht beirren. Als er den höchsten türkischen Kulturpreis erhalten sollte, lehnte er ihn ab, um unabhängig zu bleiben. Über den Nobelpreis aber zeigte er sich hoch erfreut, und es gibt auch positive Signale. Die Schriftstellerin Adalet Agaoglu spricht davon, dass künftig oppositionelle Schriftsteller aus der Türkei mehr Gehör in der Welt finden. Diese Hoffnung beschwört auch Yasar Kemal, und er zeigt sich überzeugt, dass Pamuk sich nicht beirren lässt. "Er wird zu dem stehen, woran er glaubt."
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2.)
Vermittler zwischen Orient und OkzidentJedes Jahr das gleiche Prozedere: Kurz vor der
Bekanntgabe des Literatur-Nobelpreises werden Literaturkritiker, die sich in der
zeitgenössischen türkischen Literatur auskennen, von Redaktionen vorsorglich
um einen Beitrag gebeten. Denn seit Jahren gehört ein Romancier aus der Türkei
zum engsten Anwärterkreis für den Nobelpreis. Doch es ist nicht das Porträt
von Orhan Pamuk, das in den Schubladen bereit liegt, sondern das von Yasar
Kemal, dessen Werk bereits seit 1955 in alle Weltsprachen übersetzt wird.
Nun hat sich die Schwedische Akademie für Orhan Pamuk entschieden und mit
dieser Wahl - Favoritenrolle hin oder her - für eine vielfache Überraschung
gesorgt. Erstens hat sie einen Türken ausgezeichnet, womit viele Beobachter,
besonders die Türken selbst, nie gerechnet haben. Zweitens hat sie einen mit 54
Jahren „recht jungen“ Literaten gewürdigt. Die anderen „Favoriten“ wie
der Schwede Tomas Tranströmer, der Libanese
Adonis oder der US-Amerikaer
Philip
Roth sind weit über 70 Jahre alt. Und drittens hat die Akademie nach Elfriede
Jelinek und Harold Pinter endlich wieder einen großen Literaten und Erzähler
ausgezeichnet.
Der Werdegang Orhan Pamuks, der im vergangenen Jahr mit dem Friedenspreis des
deutschen Buchhandels ausgezeichnet worden war, ist sicher ungewöhnlich für türkische
Verhältnisse. 1952 in Istanbul in einem gutbürgerlichen Ambiente geboren,
besuchte er dort eine amerikanische Eliteuniversität und studierte Architektur
und Zeitungswissenschaften. Ungewöhnlich war auch Pamuks Debütroman, den er
mit 25 Jahren vorlegte und der knapp 800 Seiten umfasste. Nach dem Studium
entschied er sich gegen den Job als Architekt und lebte zunächst von 1985 bis
1988 in den USA, wo er an seinen Romanen arbeitete.
Das deutsche Lesepublikum konnte Pamuk erstmals 1990 mit dem Roman „Die weiße
Festung“ entdecken. Später folgten die Hauptwerke „Das schwarze Buch“
(1995), „Das neue Leben“ (1998) und „Rot ist mein Name“ (2001) auf
Deutsch. Alle vier Bücher sind in der Vergangenheit angesiedelt und können als
geschickt arrangierte Parabeln über das Drama der west-östlichen Beziehungen
gelesen werden. Bei ihrer Lektüre begeben sich die Leser auf eine literarische
Reise an die Nahtstelle zwischen Orient und Okzident und tauchen in Geschichten
ein, die auch auf aktuelle gesellschaftlich-politische Themen Bezug nehmen. Mit
seinem letzten Roman „Schnee“ legte Pamuk erstmals einen explizit
politischen Roman vor, der in der Gegenwart spielt.
„Schnee“ ist angesiedelt im abgelegenen Osten Anatoliens und spiegelt die
Auseinandersetzung innerhalb der Türkei zwischen Tradition und Moderne wider.
Die atmosphärische Dichte, die akribische Beobachtungsgabe sowie der Strom der
Assoziationen erzeugen eine literarische Qualität und Intensität, die sowohl
Literaturkritik und als auch Leser in vielen Ländern der Welt überzeugten.
Ohne Zweifel werden viele Menschen in der Türkei sich über diese höchste
Auszeichnung für ihren Landsmann freuen. Doch ebenso sicher ist auch, dass sich
die Gegner Pamuks durch diese Auszeichnung angestachelt fühlen werden (siehe
auch nebenstehenden Beitrag). An Anfeindungen gegen Pamuk hat es in den letzten
Jahren nie gemangelt. Vielen türkischen Konservativen und Nationalisten war der
Kosmopolit und kritische Zeitgenosse Pamuk mit seinen weltoffenen Anschauungen
stets ein Dorn im Auge.
Anklage wegen Vaterlandsverrat
Denn in Interviews und Gastbeiträgen für international führende Zeitungen
nimmt er kein Blatt vor den Mund, wenn es um die Missstände in der Türkei
geht. Höhepunkt der Anfeindungen war eine Anklage wegen Vaterlandsverrats und
„Herabwürdigung des Türkentums“. In einem viel beachteten Interview mit
dem Schweizer Tagesanzeiger hatte Pamuk ausgeführt, dass in der Türkei 30 000
Kurden und eine Million Armenier umgebracht worden seien. Der Prozess rief
weltweite Proteste hervor, galt vielen Beobachtern als eine Nagelprobe für die
Demokratiefähigkeit der Türkei und wurde schließlich im Januar 2006
eingestellt.
Mit Orhan Pamuk hat die Schwedische Akademie in Stockholm einen großen
Literaten ausgezeichnet, der zweifellos „zu den herausragenden Weltautoren der
Gegenwart“ zählt. Und der zudem ein überaus disziplinierter, fleißiger
Romancier ist. Mit anderen Worten: Wer Orhan Pamuks von der Welterfahrung eines
Kosmopoliten durchdrungenes Werk verfolgt hat und seine Geisteshaltung wie
Arbeitsweise kennt, der hofft zu Recht, dass uns noch gewichtige
„Alterswerke“ des feinsinnig-kritischen Beobachters am Bosporus erwarten.
Gute literarische Aussichten also!
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3.)
Orhan
Pamuk, die literarische Europabrücke
Über einen heimattreuen Grenzgänger
aus Istanbul.
Von
Jörg Bartel aus der NRZ vom 13.10.2006:
Und es ist doch nicht Philip Roth geworden oder, kommt hoffentlich noch, John Updike; die anderen Amerikaner Thomas Pynchon, Don DeLillo, Joyce Carol Oats und Bob Dylan bleiben ebenso Dauer-Top-Favoriten wie der syrisch-libanesische Lyriker Adonis und sein schwedischer Kollege Tomas Tranströmer. Das Stockholmer Nobel-Lotto hat dem 54-jährigen Türken Orhan Pamuk Glück gebracht, ewigen Ruhm und 1,1 Millionen Euro - nicht schlecht für einen, der eigentlich Maler werden wollte.
Dass die oft mit Kopfschütteln bedachten grauen Lotto-Feen von der Akademie den Richtigen getroffen haben, meinen nicht nur die Weisen vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels, die ihn 2005 zum Friedenspreisträger machten; das meinen auch viele Kurden und die Armenier, bei denen Orhan Pamuk Heldenstatus genießt, seitdem er öffentlich das Schweige-Tabu brach, das der Mord an einer Million Armenier noch heute in der Türkei darstellt.
Traditionen und Traditionsbrüche
Orhan Pamuk hat durch seine neun vorzugsweise historischen Romane (darunter "Die weiße Festung", 1995, "Rot ist mein Name", 1998, und "Schnee", 2002) Leser in aller Welt erreicht und sie mit den Traditionen und Traditionsbrüchen seiner Heimat bekannt gemacht. In mehr als 30 Sprachen übersetzt, ist er selbst ein Übersetzer, einer, der das Beste seiner Kultur gerade in seinem kritischen Blick birgt.Er hat einen ganz eigenen Stil gefunden, aber seine Texte lassen keinen Zweifel daran, dass sein Erzählen in der bilderreichen orientalisch-islamischen Erzähltradition wurzelt. Und doch: In seinen kunstvoll gezwirbelten, wie ornamentalen Rank-Sätzen blitzen immer wieder Splitter von Goethe, Kafka oder Dante auf.
Pamuk ist ein Grenzgänger, eine Art literarischer Europabrücke zwischen Orient und Okzident, das gerade Gegenteil eines Provinzschriftstellers, aber er steht zu diesen Wurzeln: Drei Jahre lang lebte er mit seiner Frau in den USA. Dann kehrte er heim in die Stadt, in der er geboren wurde, weil er sich "ein Leben woanders als in Istanbul nicht vorstellen kann".
Er wurde am 7. Juni 1952 geboren, wuchs in einer gutbürgerlichen Familie auf, studierte Architektur und Journalismus - und liebte doch die Malerei. Mit 24 Jahren allerdings fing er mit der Schriftstellerei an - noch stark beeinflusst vom Kontext des modernen "westlichen" Romans. 1990 schon wurde sein Roman "Das schwarze Buch" daheim als Sensation gefeiert.
Spätestens seit gestern ist er - unbeschadet der ewigen Granden Yasar Kemal und Nazim Hikmet - der bedeutendste Gegenwarts-Autor. Ob Faruk Sen, der Leiter des Essener Zentrums für Türkeistudien, aber zu Recht hofft, der erste Nobelpreis für einen Türken rücke türkische Migranten und Deutsche in Deutschland einander näher und die Türkei näher an Europa? Dass er das Interesse an türkischer Literatur auch in Deutschland erhöhen werde?
Orhan Pamuk, der - trotz einiger deutlicher Ansagen, die ihn unlängst vor Gericht brachten - mit weltanschaulichen Statements gar nicht verschwenderisch umgeht, hat eine Tochter und dieser Tochter einen schönen Namen gegeben. Die junge Dame heißt Rüya, "Traum". (NRZ)
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4.)
Realist im
Elfenbeinturm
Der türkische Dichter Orhan
Pamuk erhält den Literaturnobelpreis
Von Christine Diller aus dem Münchner
Merkur, 13.10.2006:
Orhan Pamuk hat im Grunde eine bescheidene Auffassung von seinem Beruf. In seinem Essay-Buch „Der Blick aus meinem Fenster“ beschreibt der bekannteste zeitgenössische Schriftsteller der Türkei unter dem Titel „Über das Lesen“, was ihm die Literatur bedeute, und zwar als Leser: „Wörter und Literatur sind nämlich wie Ameisen oder Wasser: Sie dringen überallhin, auch noch in die kleinsten Ritzen und Schlupflöcher.
Und was wir über das Leben und die Welt am
dringendsten wissen wollen, zeigt sich gerade in diesen Schlupflöchern –
deshalb ist es am ehesten die Literatur, die das sieht und davon künden
kann.“ Nun sind die Wörter und die von Übersetzern gefürchteten, komplexen
Satzgebilde seiner bereits mit vielen Preisen ausgezeichneten Literatur bis nach
Stockholm an die Schwedische Akademie vorgedrungen.
Deren Jury bemüht sich zwar stets, ja keine Hinweise auf den künftigen
Nobelpreisträger durch ihre Ritzen dringen zu lassen. Dennoch trat in diesem
Jahr der untypische Fall ein, dass tatsächlich der in den Wettbüros am
höchsten gehandelte Autor die mit 1,1 Millionen Euro dotierte, wichtigste
literarische Auszeichnung erhielt. Mit dem in Istanbul geborenen Pamuk stellt
das Nobelkomitee einen Dichter ins Rampenlicht der Weltöffentlichkeit, der in
seinen Romanen und Essays immer wieder die Angst vor allem der Menschen in der
arabischen Welt hervorkehrte, „sich nicht verständlich machen zu können,
nicht gehört zu werden“.
Auf die politische Dimension ihrer Entscheidung wies die Akademie diesmal selbst
hin, sie würdigte auch den „Gesellschaftskritiker“, der seinem Land
vorwarf, sich nicht mit dem Völkermord an 30 000 Kurden und einer Million
Armenier auseinander zusetzen, was ihm einen Strafprozess einbrachte wegen
„Herabwürdigung des Türkentums“. Seinen Roman „Schnee“
(2005), für den er im vergangenen Jahr den Friedenspreis des Deutschen
Buchhandels erhielt und der von Islamisten, kurdischen Nationalisten,
enttäuschten Linken und putschenden Soldaten handelt, bezeichnete er
schließlich als seinen „ersten und letzten politischen Roman“.
Aber auch der Westen kommt bei ihm, der sich für den EU-Beitritt der Türkei
ausspricht, nicht immer gut weg: „Der Westen hat leider kaum eine Vorstellung
von diesem Gefühl der Erniedrigung, das eine große Mehrheit der
Weltbevölkerung erlebt und überwinden muss, ohne den Verstand zu verlieren
oder sich auf Terroristen, radikale Nationalisten oder religiöse
Fundamentalisten einzulassen.“ Doch hinter alledem sollte die literarische
Würdigung nicht zurücktreten: Pamuk habe „auf der Suche nach der
melancholischen Seele seiner Heimatstadt neue Sinnbilder für Streit und
Verflechtung der Kulturen gefunden“, so die Juroren. Istanbul, die Stadt
zwischen Europa und Asien, spielt in Leben und Werk des Grenzgängers und
Vermittlers Pamuk eine wichtige Rolle.
Nicht von ungefähr kehrte er 1988 nach drei Jahren in New York mit seiner Frau
zurück an den Bosporus: „Ich kann mir ein Leben woanders als in Istanbul
nicht vorstellen.“ Hier wurde Pamuk, der Maler werden wollte und erst
Architektur, dann Journalismus studierte, 1952 in eine gutbürgerliche,
gebildete Familie geboren; der Großvater war einer der ersten Fabrikanten der
Türkei. Schon sein Vater, eigentlich Ingenieur, strebte ein Leben als Dichter
an, weshalb er eines Tages seine Frau und Söhne verließ und sich heimlich nach
Paris aufmachte. Pamuk beschreibt das Verschwinden des Vaters, das für ihn
selbst so unwirklich schien und weit weniger wichtig als seine Verluste an
Sammelbildchen aus der „Reihe des Ruhms“, in der wunderbaren Erzählung
„Aus dem Fenster schauen“.
Der darin geschilderte, melancholisch-unbeteiligte Blick aus dem Fenster ist ein
wenig auch Sinnbild für Pamuks Selbstverständnis, der sich erklärtermaßen
für ein Leben im „Elfenbeinturm“ entschied. Doch was er von diesem aus –
sein Arbeitszimmer liegt direkt gegenüber dem Minarett einer Istanbuler Moschee
– sehen kann, das entbehrt weder der realistischen Einschätzung noch
grandioser Komik, sympathischer Selbstironie oder feiner Wahrnehmung. Und
enthält häufig eine Liebeserklärung an Istanbul. Sein nächstes Buch,
„Istanbul“, wird übrigens bereits Mitte November erscheinen, erklärte der
Hanser- Verlag.
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5.)
Aufgeklärter MuslimDie Wahl des letzten Nobelpreisträgers, des britischen Dramatikers Harold Pinter, bedeutete, einen glühenden Gegner des derzeitigen amerikanischen Präsidenten auszuzeichnen, zudem einen Mann, dessen große, produktive Ära eine Weile zurücklag. Eine Wahl, die in der literarischen Welt mit einigem Unverständnis zur Kenntnis genommen wurde. Als mögliche Preisträger waren in diesem Jahr bedeutende Namen im Spiel. Als Dauerkandidat gilt der große amerikanische Romancier Philip Roth, ein libertärer, zu bösem Witz neigender Jude, der die politische Korrektheit amerikanischer Machart wunderbar zu ironisieren versteht. Er hätte den Preis allemal verdient. Auch eine Lyrikerin von hermetischer Tradition wurde genannt, die Dänin Inger Christensen, und da schon seit vielen Jahren kein Lyriker mehr ausgezeichnet wurde, hätte man sich ihre Wahl durchaus vorstellen können. Es wäre jedoch eher die Vermeidung politischer Nebentöne gewesen.
Anders bei Amos
Oz, dessen Name ebenfalls zu den heißen Tipps zählte. Hätte der kluge,
moderate Israeli Oz, dessen Buch Eine Geschichte von Liebe und Finsternis
für Furore sorgte, den Literaturnobelpreis zugesprochen bekommen, so wäre das
ein Zeichen für den Nahen Osten gewesen, das die arabischen - besonders palästinensischen
- Extremisten womöglich als Provokation begriffen hätten.
Im Zeitalter der Religionen, in dem wir, ob wir wollen oder nicht, seit dem
islamistischen Terrorismus leben, spielt die Religionszugehörigkeit des
Ausgezeichneten eine Rolle. Das Nobelpreiskomitee ist sich dessen selbstverständlich
bewusst. Mit Orhan Pamuk wird ein radikal aufgeklärter, der europäischen
Moderne verpflichteter Muslim ausgezeichnet. Und ein Türke, ja der erste Türke,
der die welthöchste literarische Auszeichnung erhält. Das setzt Zeichen, für
die muslimische Welt im Allgemeinen und für die Türkei im Besonderen. Nicht
allen Muslimen und auch nicht allen Türken wird die Wahl Pamuks behagen. Es ist
eine Wahl, die die muslimische Welt anerkennt und zugleich zu einer inneren
Auseinandersetzung zwingt. Es ist ein Politikum, das den europafreundlichen, säkular-demokratischen
Teil der Türkei stärkt und den nationalistischen, euroskeptischen zur Achtung
eines Gegners zwingt. Denn Orhan Pamuk ist den türkischen Nationalisten ein
Stachel im Fleisch. Politisch gesehen also eine überaus geschickte
Entscheidung.
Ästhetisch bedeutet es die Entscheidung für einen "echten"
Belletristen, einen komplexen, feinen, nicht zu Experimenten neigenden Erzähler.
Als der Sekretär der Akademie, Horace Engdahl, gestern Mittag um 13 Uhr in der
Alten Börse in Stockholm vor die Presse trat und den diesjährigen Preisträger
bekannt gab, brach vielleicht auch deshalb Jubel aus. Mit der Wahl der virtuosen
Sprachspielerin Elfriede
Jelinek im vorletzten Jahr haderten so einige. Der 54-jährige Orhan Pamuk
wurde in der Preisbegründung auch als "Gesellschaftskritiker" geehrt.
Hingewiesen wurde auf Pamuks Stellungnahme gegen die Fatwa gegen Salman Rushdie.
Auch habe Pamuk die Ermordung von 30 000 Kurden und einer Million Armenier in
der Türkei öffentlich erwähnt, was ihm die Androhung eines Strafverfahrens
einbrachte.
Zwischen Okzident und Orient, zwischen Moderne und Tradition fällt der Türkei
die Rolle des Schwellenlandes zu. Wohin das säkulare Land strebt, in dem der
Islamismus sich schleichend radikalisiert, ist gar nicht so einfach zu
beantworten. "Die Türkei hat ihren Platz in Europa", meint der neue
Literaturnobelpreisträger, wissend, dass die Entwicklung am seidenen Faden hängt.
Vielleicht wird Orhan Pamuk, der jung genug ist, um noch viele Bücher zu
schreiben, in Deutschland Wunder bewirken: Die vielen türkischen Schüler haben
jetzt "ihren" Nobelpreisträger. Auf zur Rütlischule!
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6.)
Einer blickt aus dem Fenster
Von Jörg Plath
in der Frankfurter Rundschau, 13.10.2006:
Die Türkei in Orhan Pamuks wortgewaltigen
Romanen ist ein Land der Extreme. Auch die Niedertracht hat in ihnen einen
bevorzugten Platz
und wer jemals Zweifel hatte, dass die Romantürkei Ähnlichkeiten mit der
Heimat des Friedenspreisträgers von 2005 aufweist, wurde spätestens im letzten
Jahr eines anderen belehrt. Damals kommentierte der in Paris lebende türkische
Autor Nedim Gürsel
Aufsehen erregende politische Äußerungen seines Kollegen mit den Worten,
dieser habe, um den Nobelpreis zu erhalten, "bereits alles unternommen, außer
sich nackt auszuziehen".
Gestern Mittag nun hat die Königlich Schwedische Akademie der Wissenschaften
dem bekanntesten und auch umstrittensten Schriftsteller seines Landes den
Literatur-Nobelpreis zuerkannt. Ausgezeichnet wird ein avancierter postmoderner
Erzähler, der auch ein Bestsellerautor ist, ein großartiger Fabulierer, der
politisch denkt, ein Muslim, der ein Meister des Brückenschlags zwischen Ost
und West ist, und ein überzeugter Demokrat und Europäer. Es ist eine in jeder
Hinsicht glücklich zu nennende Entscheidung. Auch, weil von dem hoch
gewachsenen 54-jährigen Preisträger mit der jungenhaften Ausstrahlung und dem
explosiven, tiefen Lachen noch einiges zu erwarten ist.
Orhan Pamuk als wünschenswerte Synthese? Er könnte
einem seiner umfangreichen Romane entsprungen sein. Denn seine Figuren sind
schmerzhaft hin- und hergerissen zwischen Europa und Asien, West und Ost,
Gegenwart und Vergangenheit, Populärem und Verstiegenem, Eigenem und Fremdem.
Den Gegensätzen, die die Türkei zu zerreißen drohen, gibt Pamuk Raum, weil,
so sagt er, "eine Stimme nicht die ganze Wahrheit enthält, oder die
Wahrheit, von der ich erzählen möchte, ihre eigene Zerstörung nach sich
zieht".
Am deutlichsten ist diese Vielfalt in dem Roman zu beobachten, in dem nicht nur
Lebende vom mörderischen Wettstreit zwischen türkischen Buchillustratoren und
venezianischen Malern, zwischen Bilderverbot und Bilderschwelgerei erzählen -
sondern auch Tote, eine Münze, ein Hund und jene Farbe, nach der das Buch
benannt ist: Rot ist mein Name. Es ist wie seine anderen Romane Die
weiße Festung, Das schwarze Buch, Das neue Leben und zuletzt Schnee
auch eine Reise in das Herz der türkischen Finsternis und wieder aus ihr
hervor. Jedem anderen Autor würden solche Allegorien das Genick brechen - Pamuk
geraten sie ungeheuer spannend.
"Ich kenne nur ein Ziel: große,
ambitionierte Bücher zu verfassen", sagte er mir in seiner Sommerwohnung
auf der vor Istanbul gelegenen Prinzeninsel Heybeli Ada: links Okzident, rechts
Orient, dazwischen der Bosporus. Es ist ein spezifisch türkischer Ehrgeiz,
einer, der die "Träume der Armen, der Unterdrückten, der Verlierer"
gestaltet: "Das türkische Verwestlichungs- und Modernisierungsprojekt
durch Kemal Atatürk hatte ja eine naive Seite. Es gleicht einem strebsamen
armen Studenten, der nichts sehnlicher wünscht, als Teil des Westens zu werden.
Ehrgeiz ist Opium für diejenigen, die in der Zukunft leben."
Ohne die Vergangenheit, ohne die islamischen und osmanischen Traditionen, die
Atatürk als reaktionär verfemte, davon ist Pamuk überzeugt, ist diese Zukunft
nicht zu haben. Er lässt in Die weiße Festung einen osmanischen Adligen
und seinen italienischen Sklaven im 17. Jahrhundert die Identität tauschen. In Das
Neue Leben fährt ein junger Mann auf der Suche nach einem Buch durch ein
Anatolien voller phantastischer Verschwörungstheorien über die verlorene Größe.
Die meisten Bücher Pamuks spielen in Istanbul, wo er in einer wohlhabenden,
westeuropäisch geprägten Familie aufwuchs. Noch heute steht über dem Eingang
des Hauses in der Tesvikiye Avenue östlich des belebten Taksim-Platzes, in dem
Pamuk bis zu seinem 32. Lebensjahr mit der Mutter lebte, "Pamuk
Appartements". Zweieinhalb bisher nicht ins Deutsche übersetzte Romane
entstanden damals, bevor mit dem Familienroman Cevdet Bey und seine Brüder
der Durchbruch kam. Wichtige europäische Auszeichungen wie der Independent
Foreign Fiction Award folgten ab 1990.
Von den ersten 22 Lebensjahren, dem Besuch der angesehenen englischsprachigen Robert Academy, der Hassliebe zu Europa, dem Studium der Architektur und dem Wunsch, Maler zu werden, erzählt der Band Istanbul, der im November auf Deutsch erscheint. Es ist eine intellektuelle Autobiografie, ein Essay über und eine Liebeserklärung an die Stadt, die von damals 4 Millionen Einwohnern auf heute 15 Millionen angeschwollen ist. Pamuk hat sie nur einmal für längere Zeit verlassen: In den achtziger Jahren begleitete er seine Frau, eine Germanistin, nach New York, und entdeckte im Licht von Borges, Calvino und Pynchon die türkisch-osmanische Literaturtradition neu, vor allem die Sufi-Mystik. Sie spielt eine zentrale Rolle in dem Roman Das schwarze Buch, der Istanbul als reales und als Textlabyrinth zeigt und eine Armee von türkisch aussehenden Schaufensterpuppen erfindet, die in Verliesen aus byzantinischen Zeiten verrottet, weil sich Atatürks Republik lieber in bartlosen Mannequins aus Europa spiegelte.
Pamuks Buchgletscher nehmen alles an Tradition
und Gegenwart, Traum und Realität mit sich, was auf ihrem Weg liegt und auf
zahlreichen, begeistert genommenen Umwegen. Verbunden werden die heterogenen
Teile durch Elemente des Kriminal- und des Bildungsromans und durch eine Ironie,
die der des verehrten Thomas Mann nicht nachsteht: In Das neue Leben
erweisen sich tausende Sinnsprüche, die ein argloser Fabrikant vor Jahrzehnten
für seine Bonbons erdichtete, als Quelle lebenslanger Sehnsüchte und Traumata.
Sardonischer lässt sich das kollektive Opfergefühl gegenüber dem Westens kaum
kommentieren.
Die unsichere türkische Identität sei ein großartiges Material, schreibt
Pamuk. Solche Distanz zu den Grabenkämpfen seiner Heimat hat ihn auch einsam
gemacht. Nationalisten wie Strenggläubige kritisieren ihn. Als er im letzten
Jahr in einem Interview mit dem Magazin des Züricher Tages-Anzeiger
ausdrücklich die Ermordung von Kurden und den Völkermord an den Armeniern
1915-1918 erwähnte, hagelte es Morddrohungen. Pamuk reiste für Monate auf
Einladung der Columbia University nach New York. Die gegen ihn - wie viele
andere Intellektuelle auch - erhobene Anklage wegen "Verunglimpfung des Türkentums"
wurde inzwischen fallen gelassen. Aber bei der Eröffnung des Verfahrens im
Dezember 2005 musste die Polizei Pamuk vor wütenden Demonstranten schützen;
einer von ihnen sprang gegen die Frontscheibe des Wagens.
"Die Politik lenkt zu sehr ab", findet Pamuk. Er will nur seinen
bisher besten und zuletzt ins Deutsche übersetzten Roman Schnee
als "politisch" gelten lassen: Ein Lyriker fährt darin nach Anatolien
und gerät in einen unerklärten Krieg um Kopftücher zwischen Nationalisten,
Kurden und Islamisten. Jede Seite kommt zu Wort und zu ihrem Recht. "Mein
Held, der Dichter Ka, leidet mit allen mit", sagt Pamuk. "Er will das
ganze Land begreifen." Orhan Pamuks Romankunst ist eine Schule des
Zweifels, der Skepsis, der Ironie. Fragen bleiben, nicht Antworten, Rätsel,
nicht Dogmen. Für Leser - und nicht nur für sie - gibt es nichts Schöneres.
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