Orhan Pamuk, 2001, Foto: Ekko von Schwichow

Orhan Pamuk
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1.) - 2.)

Symbol für eine aufgeklärte Türkei.
Friedenspreis für Orhan Pamuk
Von Thomas Maier aus dem Münchner Merkur, 22.06.2005:

Viele Jahre galt Orhan Pamuk als Autor von historischen Romanen, die mit der türkischen Gegenwart nur wenig zu tun haben. Doch mit seinem neuesten, im Februar erschienenen Werk "Schnee" (Carl Hanser Verlag, München, 513 Seiten, 25, 90 Euro), das die Konfrontation von westlicher und islamischer Kultur thematisiert, hat er die gesamte nationalistische Presse in der Türkei gegen sich aufgebracht.

Als der 53-jährige Schriftsteller Anfang dieses Jahres in einem Interview den türkischen Völkermord an den Armeniern erwähnte, schlug ihm noch mehr Hass entgegen. Ein Politiker forderte sogar, Pamuks Bücher sollten verbrannt werden. Im März 2005 sagte Pamuk deshalb eine Lesereise nach Deutschland ab.

Dabei ist der in Istanbul geborene Pamuk, dessen Großvater einer der ersten türkischen Fabrikanten war, in seiner Heimat ein Starautor. Seine Bücher erzielen hohe Auflagen. Vor allem für die jüngere Generation ist Pamuk, der in seiner Heimatstadt studierte und mehrere Jahre in New York lebte, zum Symbol für eine aufgeklärte Türkei geworden.

"Schnee", 2002 in der Türkei erschienen, ist der erste politische Roman Pamuks. Ein aus dem Exil heimgekehrter Schriftsteller will in der Provinz die Selbstmorde junger Frauen aufklären, die sich wegen des Kopftuchverbots umbringen. Die nordostanatolische Stadt Kars wird mit ihren Figuren - von den revolutionären Islamisten bis zu den enttäuschten Linken - zum türkischen Mikrokosmos. "Mein Roman handelt von den inneren Konflikten heutiger Türken, von den Widersprüchen zwischen Moderne und Islam, von der Sehnsucht, in Europa aufgenommen zu werden - und zugleich der Angst davor", sagt Pamuk.

Der Autor, dessen Werke in 34 Sprachen übersetzt sind, ist ein leidenschaftlicher Verfechter der Einbindung der Türkei in die Europäische Union. Nur so könne sich die Türkei zu einem prosperierenden, demokratischen und toleranten Land entwickeln. Inzwischen hat die Krise der EU den Beitritt in weite Ferne rücken lassen. Die Spannungen in dem Land, unter denen einer wie Pamuk besonders leidet, könnten deshalb wieder zunehmen. Von daher hat der Börsenverein des Deutschen Buchhandels mit der diesjährigen Verleihung des Friedenspreises an Pamuk - wie schon 1997 bei Yasar Kemal - großes Gespür für die politische Aktualität bewiesen.

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2.)

Der widerwillige Vorkämpfer
Zerrissen zwischen Ost und West: Autor Orhan Pamuk erhält den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels.
Von Susanne Güsten in der NRZ vom 21.10.2005:

Unruhig rutschte Orhan Pamuk auf seinem Stuhl hin und her. Er fuchtelte mit den Armen und sprach so schnell, dass sich seine Worte überschlugen. Als der bekannteste und international erfolgreichste Romanschriftsteller der Türkei vor wenigen Tagen bei seinem ersten großen Live-Auftritt im türkischen Fernsehen seit langem vor die Kameras trat, wirkte er nervös und unter Druck. Kein Wunder. Der 53-Jährige, der von Nationalisten angefeindet wird, wollte an diesem Abend eine für viele Türken unbequeme Botschaft loswerden: Auch für unliebsame Ansichten muss die Meinungsfreiheit gelten, wenn die Türkei eines Tages der EU beitreten will.

Auch ein Kandidat für den Nobelpreis

Am Sonntag erhält Pamuk den angesehenen Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Er gilt als der wichtigste zeitgenössische Schriftsteller der Türkei nach Yasar Kemal, der 1997 den Friedenspreis erhielt. Die internationale Kritik lobt seine Bücher, besonders sein jüngster Roman "Schnee" fand großen Anklang. Sogar als Kandidat für den Nobelpreis wird Pamuk immer wieder ins Gespräch gebracht.

Auch in der Türkei ist Pamuk derzeit in aller Munde - aber nicht wegen seiner Bücher. Durch Äußerungen zur Armenier-Frage ist der Autor zur Hassfigur der türkischen Nationalisten geworden; gleichzeitig betrachtet die EU den Fall Pamuk als Reifetest für die türkische Demokratie. Der glühende EU-Anhänger Pamuk fühlt sich in seiner neuen Funktion als exponierter Vorkämpfer für die Meinungsfreiheit zwar unwohl - aber verstecken will er sich auch nicht. Auf die Preisverleihung in der Frankfurter Paulskirche darf man deshalb gespannt sein.

In einer Schweizer Sonntagszeitung hatte Pamuk im Februar mit Blick auf den Kurdenkrieg der neunziger Jahre und die Massaker an den Armeniern im Ersten Weltkrieg gesagt, in der Türkei seien 30 000 Kurden und eine Million Armenier getötet worden, doch es wage niemand, darüber zu sprechen. Dieser Satz hat Pamuk Morddrohungen von Nationalisten und vor kurzem sogar eine Anklage wegen "Beleidigung des Türkentums" eingebracht. Pamuk sagt, er habe mit seinen Äußerungen ein Tabu brechen wollen. Das ist ihm gelungen. Über die Armenier-Frage wird mehr diskutiert denn je.

Pamuk ist mittendrin in dieser Debatte, ob er will oder nicht. Eine Kampagne gegen ihn sei in Gang gesetzt worden, beklagt sich Pamuk. Dabei habe gewiss auch persönlicher Neid eine Rolle gespielt. Kritiker hatten Pamuk unter anderem vorgeworfen, seine Armenier-Äußerungen seien ein zynisches Manöver zur Steigerung der Verkaufszahlen gewesen.

Das aber hätte Pamuk, dessen Bücher mittlerweile in mehrere Dutzend Sprachen übersetzt werden, überhaupt nicht nötig. Für ihn ist der Armenier-Streit eine wichtige Prüfung für die Europafähigkeit seines Landes. "Dieses Tabu ist ein Hindernis für uns auf dem Weg in die EU", sagte er in CNN-Türk. Das Prinzip, das er in der Türkei verwirklicht sehen will, beschrieb er so: "Vielleicht stimmt es nicht, was ich sage, und vielleicht ist man anderer Meinung als ich - aber ich habe das Recht, es zu sagen." Das sieht auch die EU so. Erweiterungskommissar Olli Rehn stattete dem Autor in dessen Istanbuler Wohnung einen Solidaritätsbesuch ab. Pamuk hat aber auch das Gefühl, dass sein Fall von Türkei-Gegnern in Europa benutzt wird.

Mit dieser Zwangslage wird Pamuk zu einer Figur, die aus einem seiner eigenen Romane stammen könnte. In Pamuks Büchern geht es häufig um die Zerissenheit der Türkei zwischen Ost und West, zwischen Islam und Säkularismus, zwischen Tradition und Moderne, sowie um das Thema Identität.

In der Türkei war der aus einer wohlhabenden Istanbuler Familie stammende Pamuk schon immer ein Außenseiter. Er besuchte die renommierte Eliteschule Robert College und verbrachte einige Jahre in den USA. Seit den siebziger Jahren arbeitet er als Schriftsteller.

Dennoch kennen längst nicht alle Türken Pamuks Bücher. Nach den umstrittenen Äußerungen zur Armenier-Frage Anfang des Jahres ordnete ein erzürnter Landrat in der türkischen Provinz die Vernichtung aller Pamuk-Bücher in seinem Amtsbezirk an - und stellte dann fest, dass es im ganzen Landkreis kein einziges Werk des berühmtesten türkischen Schriftstellers gab. (NRZ)

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