George
Orwells "Großer Bruder" war Scotland Yard
Der Autor von "1984" wurde zwei
Jahrzehnte lang vom britischen Geheimdienst beschattet. Bis ihn mal jemand las.
Von Hendrik Bebber
aus der NRZ vom
4.9.2007:
Ein bisschen Bildung kann auch Schlapphüten nicht schaden. Jahrzehntelang wurde der britische Autor George Orwell vom Vorläufer des Inlandsgeheimdienstes MI 5 bei Scotland Yard wegen kommunistischer Umtriebe beschattet. Bis ein belesener Geheimdienstoffizier seine Kollegen darauf aufmerksam machte, dass Orwell ein glühender Anti-Kommunist sei.
Die Observierung Orwells, dessen Roman "1984" die Negativ-Utopie einer Bespitzelung durch den totalitären "Großen Bruder"-Staat ist, wurde erst jetzt durch Akten bekannt. Wie sein Romanheld Winston Smith stand Orwell im Verdacht von "Gedankenverbrechen".
"Staatsuntergrabend" - 13 Jahre lang überwacht
Eric Blair - Orwell war nur sein Name als Autor - habe "fortgeschrittene kommunistische Ansichten" steht in seinem Dossier, das 1929 angelegt wurde. Der bettelarme Journalist und noch erfolglose Schriftsteller war in diesem Jahr in Paris. Ein dort operierender Spitzel der "Special Branch", der staatssicherheitsdienstlichen Abteilung der Polizei, berichtete nach London, dass Orwell sich als Korrespondent für die Zeitung der kommunistischen Partei Großbritanniens angeboten hatte. In das "staatsuntergrabende" Profil Orwells passte auch, dass er ohne Angabe von Gründen seinen Posten bei der britischen Kolonialpolizei in Indien aufgegeben hatte.
In den folgenden Jahren wurde die Akte noch durch Beobachtungen in Wigan angereichert, wo Orwell Material für sein sozialkritisches Buch "The Road to Wigan Pier" sammelte. Dabei hatte er auch mit kommunistischen Bergarbeitern gesprochen. Die Beschattung hielt bis 1942 an. Mittlerweile hatte der britische Inlandsgeheimdienst den Fall übernommen. Der Sachbearbeiter W. Olgivie kannte Orwells Leben und Werk und machte der Farce mit dem Vermerk ein Ende: "Er war früher ein bisschen ein Anarchist und im Kontakt mit extremen Elementen. Blair hat ohne Zweifel starke linke Ansichten, aber er ist weit entfernt vom orthodoxen Kommunismus".
Der Geheimdienstoffizier belehrte seine Kollegen, dass Orwell seit seinem Kampfeinsatz bei den internationalen Brigaden im spanischen Bürgerkrieg zum glühenden Antikommunisten und Stalin-Gegner wurde; er habe dies auch in seinen Werken dokumentiert, die in dem antikommunistischen Verlag von Victor Gollancz veröffentlicht würden.
Orwell (1903-1950) hatte nie den Verdacht, dass er wie sein Romanheld ständig bespitzelt wurde. Kurz vor seinem Tod geriet er jedoch selbst ins Fahrwasser des "Großen Bruders". Er übergab einer Freundin, die für die Propagandaabteilung des britischen Außenministeriums arbeitete, eine Liste von 35 Prominenten - darunter Charlie Chaplin und J.B. Priestley, die er als "heimliche Kommunisten und Mitläufer" brandmarkte. (NRZ)
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