Beim "open mike" gewann eine Familiengeschichte aus dem
kalten Schlesien.
Breites Mittelmaß beim Nachwuchs
Besprechung von
Harald Loch in der NRZ vom 17.11.2008:
Zum 16. Mal ging am Wochenende der open mike auf dem Prenzlauer Berg über die Bühne. Dabei gewann die aus Essen stammende Sabine Raml für ihre Ehegeschichte "Gute Tage" zwar keinen Preis, aber erhöhte Aufmerksamkeit. Sie war mit 35 Jahren die älteste Teilnehmerin und las einen jungen Text über ein abgenutztes Ehepaar - das passiert nicht oft auf dem open mike, den die Literaturwerkstatt Berlin jedes Jahr für junge deutsche Prosa ausschreibt: Sechs renommierte Lektoren hatten aus 650 eingesandten Texten die 22 besten ausgewählt, für jeden blieben 15 Minuten Lesezeit.
Der Nachwuchs, der Betrieb und die Bohéme Die Teilnehmer dürfen nicht älter als 35 sein und noch kein Buch veröffentlicht haben. Sie tragen ihre Texte vor einem Publikum aus Literaturbetrieb und junger Bohéme vor. Die Preisträger werden von drei Juroren bestimmt - diesmal vom Österreicher Thomas Glavinic, der Lyrikerin Monika Rinck und Feridun Zaimoglu.
Erstmals standen 7500 Euro an Preisgeldern zur Verfügung, fast eine Verdopplung gegenüber den Vorjahren. Finanzier des "open mike" ist die private Frankfurter Crespo Foundation, die auch die drei Preisträger auf eine Lesereise zu den Literaturhäusern in Zürich und Frankfurt sowie ins Schauspielhaus nach Wien schickt.
In diesem Jahr hat die 1979 im polnischen Waldenburg geborene Sonia Petner - für manche überraschend - mit ihrem Text "Zitronen" den ersten Preis gewonnen: eine Familiengeschichte aus einem schlesischen Winter in Armut, mit der Diskriminierung von Zigeunern. Die Preisträgerin arbeitet in Berlin als Übersetzerin und Journalistin, schreibt atmosphärisch dicht, engagiert, ohne falsches Pathos. Zweite wurde - auch etwas unerwartet - die 1977 in Lübeck geborene Svealena Kutschke mit "Rückspiegel", einer Beziehungsgeschichte, die bei flüchtiger Lektüre keine Chance gehabt hätte, weil sie erst beim wiederholten Lesen an Klasse gewinnt.
Der dritte Preis ging an den Lyriker Thien Tran, 1979 in Vietnam geboren und heute in Köln lebend. Thien Trans Verse sind von intellektueller Dichte und spiegeln das Gegenwartskauderwelsch treffend: "gut möglich dass die Grundkonfiguration / ihrer Neuronensoftware nicht ausreichte / zumindest nicht, um die Progressivform /zu integrieren..." Den "Publikumspreis", der im Abdruck des Gewinnertextes in der "tageszeitung" besteht, gewann die Johanna Wack. Die Punkte im Titel ihrer Geschichte sind die auf der Skala des Borderline-Syndroms und es geht um Autoaggression und Narzissmus, reif und gut erzählt. Ebenfalls einen Preis verdient hätte Alexander Langer für seine Allgäuer Provinzgeschichte "Farzner".
Nur jeder dreißigste der eingesandten Texte wurde zur Lesung eingeladen, und von den vorgetragenen waren nur vier oder fünf vielversprechend - der Mittelbau, aus dem sich die Spitze der deutschen Literatur erhebt, ist breit. Herausragende Talente, wie es sie in den letzten Jahren mit "open mike"-Gewinnern wie Karen Duve, Kathrin Röggla, Terézia Mora oder Tilman Rammstedt gab, waren nicht dabei. (NRZ)
[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.nrz.de]
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