Nobelpreise und
Teufelskreise
Von Jens Dirksen in der NRZ vom 10.12.2009:
Als Hermann Hesse 1946 den
Literaturnobelpreis verliehen bekam, war er schon 23 Jahre lang kein Deutscher
mehr. Er hatte die Schweizer Staatsbürgerschaft angenommen. Und war doch ein
deutscher Autor, denn alles, was Hesse schrieb, war deutscher als der braune
Schwulst, den die Nazi-Dichter absonderten: philosophierend, mit Hang zur
Romantik, Schulter an Schulter mit Schiller
und Goethe statt in Blut und Boden wühlend.
Genau das dürfte Hesse im Jahr eins nach dem Ende des deutschen Großmachtwahns
zum Nobelpreisträger prädestiniert haben: In ihm wurde der bessere Deutsche
ausgezeichnet – ein Deutscher, wie ihn die Welt sich wünscht.
Auch Nelly Sachs, die Preisträgerin des
Jahres 1966, hatte längst die schwedische Staatsbürgerschaft, als ihr der Preis
zuerkannt wurde. Wie nur wenige deutsche Autoren rang
Nelly Sachs darum, dem Leben mit, nach
dem Holocaust, dem deutschen Zivilisationsbruch eine literarische Form zu geben.
Davon wollte man in den 50er Jahren nur in der DDR etwas lesen; erst ab Anfang
der 60er, als die Stadt Dortmund einen Nelly-Sachs-Preis stiftete, begann der
Westen sie wahrzunehmen. Die Aufarbeitung der deutschen Vergangenheit steckte
aber noch in den Kinderschuhen.
1972 war es dann, beflügelt von der Ostpolitik Willy Brandts, die
moralisch-politische Instanz Heinrich Böll,
die dafür sorgte, dass der Nobelpreis zum ersten Mal nach dem Zweiten Weltkrieg
nach Deutschland ging. Angesichts der Tadellosigkeit des Kandidaten, dessen Werk
die Läuterung der Deutschen von Welteroberungsambitionen mustergültig
repräsentierte, sah das noble Komitee in Stockholm auch darüber hinweg, dass
sich Böll in engen künstlerischen Grenzen bewegte. Der Preis für
Günter Grass 1999 würdigte zum einen seine
„Blechtrommel" und die Danziger Trilogie – zum anderen aber auch den friedlichen
Weg zur deutschen Einheit. Undenkbar wäre die Verleihung aber gewesen, wenn
Grass sich nicht beharrlich mit der deutschen Vergangenheit auseinandergesetzt
hätte. Vielleicht hätte man ihm dafür sogar seine Zugehörigkeit zur Waffen-SS
verziehen, die erst Jahre nach der Nobelpreisverleihung bekannt wurde.
So lang sind die Schatten des Dritten Reichs, dass selbst
Herta Müller in ihrer Nobel-Vorlesung
am Montag noch einmal darauf zurückkommen musste. Sie zitierte ihren Großonkel,
einen Siebenbürger-Nazi, bis zu dessen Kriegstod herbei – und ihren Großvater,
der verbittert dazu sagte: „Ja, wenn die Fahnen flattern, rutscht der Verstand
in die Trompete". Das, fuhr Herta Müller
fort, habe auch für die folgende Diktatur gegolten.
Und es gilt, kann man nach ihrer heftigen Kritik am chinesischen Regime
ergänzen, bis in die Gegenwart. Herta
Müller bekommt den Nobelpreis heute verliehen, weil sie hartnäckig, fast
monomanisch daran festgehalten hat, die zweite, die sozialistische
Diktatur-Variante des 20. Jahrhunderts aufzuarbeiten. Auch dabei haben die
Deutschen Mühen fast so wenig gescheut wie Kosten, erst recht im Vergleich mit
Herta Müllers einstiger Heimat Rumänien.
In ihrer Nobel-Vorlesung aber hat die sie ein Bild dafür gefunden, wie es sein
könnte, wenn der Preis einmal für Poesie verliehen würde. Sie hat die
Taschentücher ihrer Kindheit heraufbeschworen, sie waren Verbandszeug für
Verwundete, halfen Abschiedswinken und durch Draufbeißen, nicht zu weinen; sie
schützten auf dem Kopf vor Sonnenstich und gewässert auch gegen Kopfweh, waren
eine verknotete Gedächtnisstütze und schonten die Hand, wenn etwas Schweres zu
tragen war.
Unbenutzt taugte es allerdings auch als weiße Fahne. „Jedes Wort", lautet der
Titel der Vorlesung, „weiß etwas vom Teufelskreis".
Herta Müller bei ihrer Nobel-Vorlesung
in der Stockholmer Akademie am Montag. Heute nachmittag bekommt sie den Preis
überreicht.
[...diesen und weitere Berichte finden Sie unter www.nrz.de]
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