Arno Neumann, 2007, Foto: hwg 070775 Jahre in einer "Sonderrolle"
- heute als Jude in Hagen: Arno Neumann

Von Martin Krehl in der Westf. Rundschau, Hagen
vom 18.10. 2004:

Hagen. Damit kann sich niemand abfinden: "Ich kenne es nicht anders als immer isoliert in einer Sonderrolle zu leben." Arno Neumann, Vorsitzender der Deutsch-Israelischen Gesellschaft in Hagen, verbrachte fast alle seiner heute genau 75 Lebensjahre in der Sonderrolle - als Jude.

Jude in Deutschland, Jude in Israel, Jude in Hagen: "Es war eigentlich zu keinem Zeitpunkt Normalität," Arno Neumann blickt auf ein sehr bewegtes Leben zurück, das die politischen Wirren der Zeit abenteuerlich gemacht haben, das vor allem aber der immer noch als große Besonderheit angesehene Glaube hartnäckig erschwerte.

Die Religion - Arno Neumann ist gar nicht besonders religiös, schon gar nicht fromm: "Ich kenne mich mit den mosaischen Sitten und Gebräuchen natürlich aus, in den Gottesdienst in der Synagoge gehe ich aber nicht mal regelmäßig." 1938, in der Hoch-Zeit des unmenschlichen Naziterrors, wurden die polnischstämmigen Neumanns mit dem damals neunjährigen Arno ausgewiesen.

Die Familie überlebte die Nazi-Gräuel wundersamer Weise in Lemberg im Versteck. Nach der Befreiung durch die Rote Armee machte Arno Neumann Abitur in Beuthen in Oberschlesien - und musste 1954 schon wieder sein Zuhause verlassen. Der auch in Polen immer brutaler werdende Antisemitismus ließ ihn sich an den 1948 entstandenen Staat Israel erinnern. Dort leistete Arno Neumann ("Da war ich plötzlich Patriot!") seinen Wehrdienst im misstrauisch beäugten und heftig bekämpften Staat Israel. 1956 brachte er seine Heimweh-kranken Eltern dann doch zurück nach Altenhagen, wo er selbst auch heute noch lebt.

Ein Leihhaus wurde eröffnet, später eine Bar. Nach Jahren im Schulverwaltungsamt der Stadt dann die Verwaltung eines imponierenden Immobilienbesitzes. 1995 der Ruhestand. Tochter Naomi (13) stammt aus der dritten Ehe, der Sohn aus der ersten ist Chirurg.

Seit 1994 ist Neumann Vorsitzender und Motor der Deutsch-Israelischen Gesellschaft in Hagen, wird aber immer wieder als General-Vertreter des Judentums in der Region angesprochen, eingeladen, ja, auch verantwortlich gemacht.

Maßstäbe setzen

Neumann war es, der die Hagener Städtepartnerschaft mit dem israelischen Modiin ins Leben rief und gestaltete - heute ist diese Partnerschaft eingeschlafen.

Dass man ihn vor Jahren trotz unbestreitbarer Verdienste aus dem illustren Freundeskreis Modiin hinausmobbte, hat sicher auch etwas mit seiner extrem umtriebigen, ungeduldigen Art zu tun. Sein unbändiger Wille etwas zu bewegen, sein Maßstäbe setzendes, bisweilen respektloses Engagement - das passt nicht zu vereinsmeiernder Gemütlichkeit, nicht zu langatmiger deutscher Gründlichkeit, aber auch nicht zu profilneurotischem Missionseifer.

Dass es heute ruhiger um Arno Neumann geworden ist, täuscht. Das intelligente Organisationstalent arbeitet heute mehr denn je im Stillen, plant die Kunst-Aktion "Stolpersteine" - dabei werden Plaketten auf die Bürgersteige vor Häusern genagelt, in denen einst von den Nazis ermordete Juden lebten.

Man mag den Rückzug aus der Öffentlichkeit auf altersbedingte Bedürftigkeiten, auf Resignationen und Frustrationen zurückführen. Vielmehr aber ist es wohl die überhand nehmende Müdigkeit aufgrund der verletzenden Erkenntnis, offenbar auch das Alter noch in der Sonderrolle verbringen zu müssen. Als Jude in Hagen.

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