Sten Nadolny, 1999, Foto: Ekko von Schwichow

Sten Nadolny
Foto: Ekko von Schwichow

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Wir laufen herum wie Zittergreise.
Ein Gespräch mit Sten Nadolny
Von Inge Rau aus den Nürnberger Nachrichten, 12.3.2004:

„Wir laufen herum wie Zittergreise“
Vor der Verleihung des Jakob-Wassermann-Preises an Sten Nadolny in Fürth: Der Schriftsteller im Gespräch

Ullsteinroman von Sten Nadolny, 2003, UllsteinFür sein literarisches Gesamtwerk wird der in Berlin lebende Schriftsteller Sten Nadolny am 14. März bei einem Festakt im Stadttheater mit dem diesjährigen Jakob-Wassermann-Preis der Stadt Fürth geehrt. Die Auszeichnung ist mit 10 000 Euro dotiert. Die Laudatio hält Johannes Wilms. Der 61-jährige Autor wurde vor allem mit seinem Buch „Die Entdeckung der Langsamkeit“ (1983) populär. 1990 erschien „Selim oder die Gabe der Rede“, im Roman „Er oder Ich“ (1999) taucht der Held aus Nadolnys früherem Roman „Netzkarte“ wieder auf. Zuletzt publizierte der Autor den „Ullsteinroman“, die Geschichte der Verlegerfamilie Ullstein, die in Fürth ihre Wurzeln hat. Wir sprachen mit Sten Nadolny vor der Preisverleihung.

Zähe Franken aus Fürth wollten sich beweisen, heißt es in Ihrem Ullsteinroman. Wie prägend war diese Familienherkunft ?

Sten Nadolny: Ich glaube, dass es ziemlich prägend war, die Kinder sind ja mit den Nichtjuden zur Schule gegangen, dieser Umgang und das Milieu färben ab. Man lernt die Mentalität zu schätzen und fühlt sich dann zu Hause, das ist bestimmt bei den Ullsteins nicht ausgeblieben, Später erschienen sie den anderen jüdischen Familien in Berlin als Franken. In meinem Buch ist ja der, der das sagt, ein religiöser Jude, der findet, ein Jude, der nicht religiös ist, kann man nicht als Juden ansprechen. Der ist mehr ein Fürther als ein Jude (lacht).

Es geht um den Weg zum Welterfolg, bei dem die Helden die Provinz hinter sich lassen. Sehen Sie an diesem Punkt gewisse Parallelen zur Vita Jakob Wassermanns?

Nadolny: Ja, Parallelen schon. Weil der Weg zum Erfolg meistens von der Heimatstadt wegführt. Aber mehr auch wieder nicht, denn die Ullsteins waren in erster Linie Geschäftsleute. Wassermann ging seinen sehr eigenen Weg durch viele Leiden hindurch, bis er ein großer Schriftsteller war. Das würde ich nicht vergleichen.

Die Geschichte der Ullsteins hat auch mit dem Fortschrittsglauben der bürgerlichen Kräfte zu tun. Ist dieser Glauben heute dahin.?

Nadolny: Ja. Der scheint mir sehr stark untergegangen zu sein. Das heißt aber nicht, dass er sich nicht wieder erheben könnte. Er muss es sogar, finde ich. Aber vielleicht nicht in der Form, wie er damals bestanden hat. Das ist schon eine eigentümliche Sache, über die man noch mehr nachdenken sollte. Warum eigentlich eine ganze Gesellschaft von einem großen Optimismus befallen wird und darauf der große Pessimismus folgt wie momentan. Wo wir alle herumlaufen wie Zittergreise und uns gar nichts mehr trauen, das ist fast epidemisch. Das Gegenteil war der Fall im ausgehenden 19. Jahrhundert. Die Gesellschaft platzte vor lauter Dynamik aus allen Nähten, obwohl es unglaubliche Rückschläge gegeben hat, aber die Menschen waren zunächst mal nicht zu beirren, erst der Erste Weltkrieg brachte dann den schweren Schock.

Auch der Journalismus ist seit den Glanzzeiten des Hauses Ullstein ein anderer. Kann er noch Qualitätsmaßstäbe erhalten?

Nadolny: Diese Glanzzeit wird in der Weise nicht zurückzuholen sein. Und wenn, wird es einhergehen mit einem größeren Ernst, der dann auch notwendig ist. Aber das wissen wir nicht, es können die tollsten Verschiebungen eintreten. Plötzlich bemächtigt sich eine Erkenntnis der ganzen Gesellschaft. So wie wir nach dem Zweiten Weltkrieg eine unglaublich qualifizierte erste Garde von Journalisten hatten, die alle aus dem Geist des Anti-Hitlerismus geboren waren und gesagt haben, da kämpfe ich jetzt. Mit den Ullsteins ging eine ungeheuere Neugier nach der Diskussion konform. Das war ja im wesentlichen ein Unterhaltungskonzern. Die Leute haben sich ins Amüsement gestürzt. wollten witzige, spannende Dinge lesen.

Sie wurden mit dem programmatischen Titel „Die Entdeckung der Langsamkeit“ bekannt. Wir erleben gerade eine ganz neue Art der Beschleunigung. Wie kann die Literatur da Schritt halten?

Nadolny: Sie soll auf jeden Fall das Tempo nicht mitmachen und irgendeine Art von literarischem Fastfood zu liefern versuchen. Sie soll trotzdem nicht ausblenden, dass Schnelligkeit immer eine Faszination hat, dass Beschleunigung zum Leben dazu gehört, unabhängig von der Frage, was da gerade für Geräte herumstehen. Beim Schaffen von Literatur sollte man sich aber die Ruhe gönnen und die Muse haben, die dazu gehört, um eine Geschichte wirklich zu durchdringen. Man kann in wunderbar langsamer Weise einen Kriminalroman schreiben, der dann aber sehr gut ist.

Welche persönliche Bedeutung hat für Sie die Fürther Auszeichnung, nachdem Sie in der Stadt ausführlich über die Ullsteins geforscht haben?

Nadolny: Ich meine, dass man das wirklich trennen sollte, und die Jury, die das entschied, sich nicht beeinflussen ließ von der Tatsache, dass im jüngsten Werk ziemlich viel Fürth vorkommt. Ich erlaube mir, den Preis für wirklich alles, was ich geschrieben habe, zu nehmen. Darüber bin ich sehr glücklich, weil es mit dem Namen von Jakob Wassermann verbunden ist. Das ist ein großartiger, engagierter Schriftsteller, der sehr genau und sensibel vor vielen anderen registrierte, wie der Antisemitismus vorgeht. Es ist ein toller Name, der über diesem Preis steht. Deswegen ist er für mich auch ein bisschen beschämend in dem Sinn, wenn ich anfange, über mich selbst nachzudenken. Da muss ich mich fragen, ob ich den Preis überhaupt verdiene. Es ist auch enorm wichtig, dass man sich immer daran erinnert, auf wessen Schultern man eigentlich steht.

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