"Lo. Li. Ta.", süßes Wesen.
Ein Bericht über Vladimir Nabokov  
Von Ina Hartwig in der Frankfurter Rundschau, 14.4.2004:

"Lo. Li. Ta.", süßes Wesen
Nabokovs Vorlage & die Folgen

"Der erste schüchterne Pulsschlag Lolitas", notiert Vladimir Nabokov in der Nachbemerkung zu dem 1955 erschienenen Roman, "pochte in mir gegen Jahresende 1939 oder Anfang 1940 in Paris - zu einer Zeit, als ich mit einem schweren Anfall interkostaler Neuralgie daniederlag. Soweit ich mich erinnern kann, wurde der initiale Inspirationsschauer durch eine Zeitungsnotiz über einen Affen im Jardin des Plantes ausgelöst (...)." Dann heißt es, "der Impuls" habe "keine direkte Beziehung zu dem Gedankengang, der daraus folgerte; immerhin führte er zu einer Urfassung des vorliegenden Romans, einer Kurzgeschichte von etwa dreißig Seiten."

Heute wissen wir, dass es sich um eine falsche Fährte handelte, die Nabokov seinen Lesern legte. Denn wie unlängst der Literaturkritiker Michael Maar nachgewiesen hat, gab es zwar eine "Urfassung" des weltberühmten Romans, jedoch nicht aus der Feder Nabokovs. Das Times Literary Supplement (vom 2. April) druckt nun die Integralfassung eines Essays, der, gekürzt, bereits in der FAZ zu lesen war und der sowohl in Deutschland als auch im Ausland teilweise heftige - zustimmende wie ablehnende - Reaktionen auslöste.

Wenn Maar recht hat, und es sieht ganz danach aus, dann wäre der Vorläufer von Nabokovs Lolita eine Geschichte gleichen Namens, enthalten in dem 1916 im Darmstädter Falken-Verlag erschienenen Erzählungsband Die verfluchte Gioconda eines gewissen Heinz von Lichberg. Der Autor, der eigentlich Heinz von Eschwege hieß, unter den Nazis als Journalist arbeitete und bis 1951 lebte, ist inzwischen vergessen. Beziehungsweise war vergessen, bis Maar ihn - dank eines Hinweises von Rainer Schelling - wiederentdeckte, allerdings nicht als respektablen Schriftsteller (Lichbergs "Lolita" muss eher als süßliches Pastiche im Stil von E.T.A. Hoffmann gewertet werden), sondern als Stichwortlieferanten für den großen Nabokov.

Kein Plagiatsvorwurf

Dass dieser stilistisch von Lichbergs "Lolita" auch nur ein Körnchen aufgelesen hätte, behauptet Maar an keiner Stelle, betont im Gegenteil die unerreichbare Überlegenheit Nabokovs. Einen Plagiatsvorwurf erhebt er mithin nicht. Die Namens- und thematischen Übereinstimmungen jedoch hält er für verblüffend. Da ist zunächst einmal der Name selbst, Lolita, den Maar fast schon merkwürdig selbstverständlich hinnimmt. Daneben hat Nabokov offenbar den Namen "Walzer" abgezweigt, für sein Drama Walzers Erfindung von 1938. Walzer heißen in Heinz von Lichbergs Erzählung "Lolita" die beiden unheimlichen alten Zwillingsbrüder, frühere Liebhaber und Mörder Lolitas, die der Ich-Erzähler in einem süddeutschen Wirtshaus kennenlernt und auf deren Pfaden er nach Spanien reist, wo er der Nymphe Lolita, der Tochter eines Hotelbesitzers, verfällt. Klug bemerkt Maar, nicht die Päderastie, sondern die Dämonie sei Nabokovs Thema in dem 40 Jahre nach Lichbergs Erzählung erschienenen Roman.

Der Zufall will, dass Nabokov und von Lichberg in Berlin eine Weile lang in unmittelbarer Nachbarschaft lebten. Deshalb müssen sie einander keineswegs begegnet sein, zumal der russische Emigrant Nabokov die Deutschen von Herzen hasste. Seine Sprachkenntnis aber, meint Maar, habe Nabokov wohl heruntergespielt: Vielleicht nicht nur, um seiner Ablehnung Ausdruck zu verleihen, sondern womöglich auch, um die wahren Spuren seines berühmtesten Romans zu verwischen? Bis jetzt jedenfalls ist niemand auf den Gedanken gekommen, Nabokov könnte die entscheidende Inspiration für Lolita ausgerechnet aus einer mittelmäßigen, nur auf Deutsch publizierten Geschichte eines zu recht unbekannten Autors gewonnen haben.

Doch genau davon geht Maar aus - und genau deshalb die zum Teil empörten Reaktionen. Diese sind eine Mischung aus absichtlichem oder naivem Falschverstehen und Wegwischen. So verwahrt sich etwa der Nabokov-Sohn Dimitri in einem von der Times zitierten Brief gegen einen Plagiatsvorwurf, der gar nicht erhoben worden war. Und Dieter E. Zimmer, der deutsche Übersetzer Nabokovs und Herausgeber der Werkausgabe bei Rowohlt, soll an Dimitri Nabokov geschrieben haben: "If your father had ever seen it or heard about it, I am sure he would have given his girl some other name." (The Times vom 2. April.) Könnte es nicht auch sein, dass Zimmer den Fund gerne selber gemacht hätte? Der Hinweis auf von Lichbergs Erzählung hätte sich in seinem schönen Band Nabokovs Berlin (2001) jedenfalls recht gut gemacht.

In der SZ ergriff Thomas Steinfeld die Gelegenheit, einmal grundsätzlich abzurechnen mit der detektivischen " Pedanterie" Michael Maars. Steinfeld wirft ihm vor, sich stets an große Autoren zu hängen, von deren Glanz dann ein bisschen auf ihn falle, ohne dass aus seinem "biographischen Partisanentum" etwas zu lernen wäre.

Tatsächlich sollte darüber diskutiert werden, inwieweit die Biographie eines Autors zum Verständnis seines Werks beiträgt. Doch hierzu muss seine Lebensgeschichte mit all ihren Details ernst genommen werden. Über die spezifisch deutsche Biographien-Abwehr wäre nämlich auch einmal nachzudenken.

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