Haruki Murakami, 2002, Foto: Ekko von Schwichow

Haruki Murakami
Foto: Ekko von Schwichow

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Die spezielle Dunkelheit in mir
Ein Gespräch mit Haruki Murakami von Martin Amanshauser am 6.Februar 2003,
Haruki-Murakami-Office, Aoyama / Tokyo*):
*) Das vorliegende Interview von Amanshauser mit Murakami erschien in unterschiedlichen Ausschnitten in “Profil” (Österreich), “Facts” (Schweiz) und in der „Zeit“ (Deutschland). Im ORF wurden Teile davon im Radioprogramm „Ö1“ (in der Sendung „Diagonal“) ausgestrahlt. Die vorliegende Version ist die Gesamtversion in der deutschen Übersetzung der Englischen Transkription.

Haruki Murakami (links) mit Martin Amanshauser, Foto: Martin Amanshauser Haruki Murakami, Foto: Martin Amanshauser

Haruki Murakami gilt als schüchtern. Er gibt ungern Interviews. In Japan hat der 1949 geborene Schriftsteller mit Titeln wie „Mister Aufziehvogel“ oder „Kafka am Strand“ zwei Millionen Bücher verkauft.

Vor langer Zeit hat Murakami einmal selbst ein Interview geführt, mit dem von ihm bewunderten Autor John Irving. Wegen Irvings Zeitmangel musste das Gespräch beim Jogging stattfinden. Der junge Japaner lief mit dem Kassettenrekorder neben seinem Lehrmeister her.

Man benötigt Geduld, etwas Glück und ungefähr vierzig E-Mails, um trotzdem einen Gesprächstermin bei Haruki Murakami zu kriegen. Die offizielle Einladung spricht schließlich seine Assistentin Jun aus. „Kommen Sie am 6. Februar nach Tokyo-Aoyama. Wir freuen uns auf Ihren Besuch!“

In Aoyama blühen im Februar keine Kirschbäume, trotzdem strahlt die Gegend etwas frühlinghaft-mondänes aus. Das Murakami-Office liegt im 6. Stock mit Blick auf die Dächerlandschaft Westtokyos.

Martin Amanshauser: Der Musiker Nick Cave hat sich ein Büro gemietet, in das er wie ein Beamter morgens fährt, und das er um fünf Uhr wieder verlässt. Ist das auch bei Ihnen so?

Haruki Murakami: Ich kenne Nick Cave nicht. In letzter Zeit höre ich gar keine Popmusik. Das hier ist aber nicht nur Büro, sondern ich wohne auch hier in der Stadt, unter der Woche. Dann habe ich noch ein Haus, außerhalb von Tokyo, für die Wochenenden. Ich wache sehr früh auf, meistens um vier Uhr morgens, denn ich arbeite am besten alleine. Die Mädchen, meine Assistentinnen, kommen um elf. Zu dieser Zeit habe ich meinen Teil schon fertig.

Kurt Vonnegut meint, es gibt zwei Arten von Schreibenden, “männliche”, die zuerst ein detailliertes Konzept erstellen und dann alles hinschreiben, und “weibliche”, die sich von Einfällen und Ideen leiten lassen.

Bevor ich zu schreiben beginne, mache ich gar keine Struktur, gar keinen Plan. Ich glaube allerdings nicht, dass das besonders feminin ist. In erster Linie ist es hart. Es ist so schwierig, die Story zu erfinden, während man schreibt. Besonders anstrengend.

Wäre es leichter, alles vorher festzulegen?

Würde ich auch nicht sagen. Aber in meinem Fall habe ich keine andere Wahl. Es ist die einzige Art, wie ich schreiben kann. Ich lasse mich von Einfällen leiten und folge der Storyline dorthin, wohin sie mich führt.

Ich habe gelesen, dass sie erst mit dreißig zu schreiben begannen. Gibt es nicht irgendwelche Frühwerke, die Ihnen peinlich sind?

Nein. Ich glaube, ich hatte großes Glück. Im Alter von 29 habe ich meinen ersten Roman geschrieben, und er wurde veröffentlicht. Das war wirklich eine glückliche Fügung. Alles, was ich seither geschrieben habe, wurde veröffentlicht.

Als Jugendlicher wollten Sie nie Schriftsteller werden?

Im College interessierte ich mich schon fürs Schreiben. Aber ich hab es schnell aufgegeben. Mir kam vor, dass ich überhaupt kein Talent hatte. Aber mit 29 ist mir etwas Außergewöhnliches passiert. Ich habe plötzlich einen ganz natürlichen Drang zum Schreiben verspürt. Und ich schrieb. Das war alles.

Haben Sie vorher schon übersetzt?

Ja. Übersetzen ist mein Hobby. Ich lese sehr viel in Englisch. Das auf Japanisch zu übersetzen, war vermutlich eine Art von Training. Begonnen habe ich mit Scott Fitzgerald, meinem Lieblingsautor.

Bei Ihren frühen Büchern habe ich den Eindruck, dass Sie auch viel Richard Brautigan lasen?

Das ist korrekt. Im College, mit zwanzig, war ich ein großer Fan von Richard Brautigan und Kurt Vonnegut. Das waren meine Helden. Ich bin stark von ihnen beeinflusst worden. Aber übersetzt habe ich keinen von ihnen.

Ist es für Sie anregend, die Gedankenwelt andere Autoren nachzuvollziehen? Und machen Sie daraus sozusagen Ihr eigenes Buch?

Klar schreibe ich mein eigenes Buch. Es ist aber nicht so einfach. Meine eigene Arbeit benötigt ebenfalls Verantwortung, aber ganz anderer Art. Übersetzen ist mein Hobby, ich mache es sehr gerne, ich sehe es nicht als Arbeit, sondern genieße es.

Hilft Ihnen das Übersetzen heute noch beim eigenen Schreiben?

Vermutlich schon, manchmal. Aber ich mache mir wenig Gedanken darüber, weil ich es als puren Spaß sehe.

Mir fällt auf, dass Sie bei solchen Problemen keine theoretischen Positionen einnehmen.

Weiß ich nicht. Man kann das ganz einfach ausdrücken. Das eigene Buch ist immer ein egoistischer Prozess. Wenn du ein gutes Buch übersetzt, dann kann es dir passieren, dass du dein Ego killst. Oder eben das Gegenteil. Du gelangst aber in die Gedankenwelt eines anderen Menschen, das ist was Besonderes. Mit anderen Worten, beim Übersetzen kannst du deinen eigenen Geist ganz verlassen, du kannst dem Geist von anderen Menschen Ausdruck geben. Es ist eine Art Heilung für mich. Das Übersetzen heilt. Es ist ärgerlich, immer den eigenen Geist zu lesen.

Manche sagen, dass Sie der amerikanischste Autor der japanischen Gegenwart sind. Aber ich würde sagen, Sie sind auch ein sehr europäischer Autor.

Wirklich? Wissen Sie, ich bin ein großer Leser. Als ich jünger war, habe ich die Russen aus dem 19. Jahrhundert verschlungen. Dostojewski, Tolstoi, Turgenjew, Puschkin. Vor allem diese ganz dicken Bücher haben mir viel gegeben. Ich mag dicke Bücher, ich mag den sogenannten “totalen Roman”. Dann wechselte ich zur amerikanischen Literatur, vieles davon war reine Unterhaltung, Hard-boiled Mysteries, Science Fiction. Auch französische, englische und deutsche Bücher, ich hab unglaublich viel aus Europa gelesen. Ich war nie ein guter Leser japanischer Literatur. Ich weiß nicht, warum. Wahrscheinlich deshalb, weil meine Eltern Japanischlehrer waren und in der Schule japanische Literatur unterrichtet haben. Ich wollte nicht die Bücher lesen, die sie ihren Schülern empfahlen. Ich kann also sagen, dass mein Stil eine Art von Neutralisierung ist. Aber man darf nicht vergessen, ich schreibe über das Leben in Japan und über japanische Menschen. Ich mag es nicht so sehr, wenn es heißt, ich bin amerikanisiert.

Zwei Ihrer Romane sind von der Konzeption her außergewöhnlich, “Mister Aufziehvogel” und “Hard Boiled Wonderland und das Ende der Welt” gehen über normale Geschichten hinaus. In beiden Büchern gibt es das Motiv des Hinuntersteigens, sei es in einen Brunnen, oder in Unterwelten. Haben Sie sich da anregen lassen von Autoren wie Karel Capek oder Samuel Butler, oder ist das einfach nur grundlegende Unterwelt-Literatur?

Wichtiger für mich war als Vorbild die Geschichte von Orpheus. Er stiegt hinab in die andere Welt, auf der Suche nach seiner verstorbenen Frau. Früher glaubte man, dass sich unter der Oberfläche eine andere Realität befindet. Daran glaube ich heute auch noch. Natürlich ist das eine Metapher. Man könnte sich die Welt, in der wir leben, als Haus vorstellen. Da gibt es ein Erdgeschoss, einen ersten Stock, einen Keller. Aber meine Überzeugung ist, dass sich unterhalb des Kellers ein weiterer Keller befindet. Wenn wir wirklich möchten, dann können wir ihn betreten. In meinen Romanen lege ich es darauf an.

Dieser untere Keller kann auch wie in “Tanz mit dem Schafsmann” ein 16. Stock im Hotel Dolphin sein ...

Richtig. Es handelt sich um besondere Ort für jeden von uns, das interessiert mich dabei. Jeder hat einen speziellen persönlichen Dark Room, und zwar in sich selbst. Wenn ich über die spezielle Dunkelheit in mir schreibe, dann kann fast jeder Leser diese Dunkelheit auch in sich erkennen.

In Japan fiel mir gleich auf, dass ich die Leute ohne europäische Vorurteile betrachte. Ich weiß nicht, ob das an mir oder an Japan liegt, aber mir kam der Gedanke, eine weniger widersprüchliche Gesellschaft könnte vielleicht vorurteilsfreier sein?

Ich verstehe noch nicht ganz. Aber es ist in Japan natürlich durchaus so, dass wir kein Klassensystem haben. Es ist keine Gesellschaft, die auf sozialen Klassen beruht. In Europa kann man die Leute gleich mit wenigen Blicken einschätzen, in Japan nicht, das ist egalitärer. Mir ist das nicht aufgefallen, bis Sie das gesagt haben. Wenn ich hier mit der Ubahn fahre, ist das so natürlich für mich, mir kommen da gar keine Gedanken. Ich steige ein, lese ein Buch, ich lasse mich von A nach B transportieren, das ist alles.

In Ihren Büchern stößt man immer wieder auf dieses Fehlen von Vorurteilen. Ihre Protagonisten haben vielleicht keinen Job, aber es sind sehr warme und verantwortungsvolle Menschen, verantwortlich für ihre eigenen Gefühle. Gerne wird ja der Erzähler mit dem Autor verwechselt. Warum eigentlich nicht? Wenn ich an Figuren wie Gotanda in “Tanz mit dem Schafsmann” denke, also an geradezu zynische Männer, ist da noch ein anderer Prototyp. Wenn man die beiden Typen zusammensetzt, trifft man dann Haruki Murakami?

Ich glaube nicht. In meinem neuen Buch “Kafka am Strand” ist der Protagonist ein 15-jähriger Junge, er ist so einsam, er ist so tough, aber er ist auch sehr unschuldig. Das ist eine neue Art von Ich-Erzähler.

Manche sagen, dass ein Schriftsteller in seinem Leben nur ein einziges Buch in vielen Variationen schreibt. Einige Schriftsteller verstecken das, Sie überhaupt nicht. Heißt das, Sie sind sehr selbstbewusst, was Ihre Figuren betrifft?

Vielleicht schon. Als ich jünger war, waren meine Erzähler zumindest teilweise Alter Egos. Beim Schreiben überlegte ich: Was würde ich tun, wenn ich er wäre? Das Problem daran ist, ich bin nie er. Er ist ein Schatten meiner selbst. Er ist das, was ich hätte gewesen sein können, eine Möglichkeit von mir selbst. Es boten sich verschiedenste Möglichkeiten, alle interessant und aufregend. Aber ich glaube, das hat sich verändert. Ich versuche neue Charaktere zu erfinden. Denn ich werde langsam alt. Ich bin 54. Die meisten meiner Leser sind aber in ihren Zwanzigern und frühen Dreißigern. Ich gehöre ihrer Elterngeneration an. Wenn ich über mich selbst schreiben würde, wäre der Protagonist so anders als meine Leser, die könnten wenig damit anfangen. Also versuche ich, neue Möglichkeiten zu finden, um an die jungen Leute heranzukommen. Eine Art von Handel zwischen meiner Generation und ihrer. Es ist auch eine Herausforderung.

Haben auch Sie mit Ihrer Elterngeneration einen ähnlichen Handel gehabt? Wie ist Ihr Verhältnis zu dieser Elterngeneration, oder auch zu Ihren eigenen Eltern.

Jetzt?

Jetzt.

Sie leben in Kyoto, das ist weit entfernt. Ich weiß nicht viel von ihnen. Ich habe keine Kinder. Und ich gehöre auch sonst zu keiner Gruppe. Meine Frau und ich, wir leben nur für uns, fast isoliert.

Werden Sie wieder über die Vergangenheit schreiben, wie Sie das in “Mister Aufziehvogel” ziemlich schonungslos gemacht haben, wenn ich an die Kriegsszene denke, in der dem Mann bei lebendigem Leib die Haut abgezogen wird?

Ich denke wenig nach über die Vergangenheit. Denn die Gesellschaft ändert sich momentan sehr schnell. Die Welt ist eine ganz andere geworden. Ich habe mir also überlegt, was ich für Leute tun kann, die in dieser neuen Welt leben. Da ist mir nur eingefallen, ich könnte neue, modernere Protagonisten erfinden. Mein Vater war im Krieg. In meiner Kindheit erzählte er vom Krieg, nicht oft, nicht viel, aber immerhin. Und das Bild, das ich mir gemacht habe, reflektiert sich in “Mister Aufziehvogel”. Natürlich sind die Ereignisse reine Fiktion. Ich hab das alles erfunden. Aber das Bild, das ich hatte, als ich die Kriegsgeschichten von meinem Vater hörte, das war beim Schreiben auch präsent. Ich denke, die Geschichte ist sehr wichtig, für uns alle, auch für meine Bücher.

In Österreich spricht man viel, vielleicht auch zu wenig, über die Vergangenheit. Wir haben eine ähnliche Situation nicht aufgearbeiteter Vergangenheit in Japan und Österreich.

Klar, wenn wir uns mit der Gegenwart oder Zukunft beschäftigen wollen, müssen wir uns die Vergangenheit sehr genau ansehen, das ist unsere Pflicht. Daran glaube ich.

In “Naokos Lächeln” betrachtet der Protagonist den Studentenaufstand der Sechziger Jahre auf wohlwollende Art, aber vielleicht auch etwas zu weise und distanziert. Zeigt das, wie Sie selbst dachten, oder waren Sie damals politisch aktiv?

Ich war sehr politisch, ja. Ich hatte meine Überzeugungen und handelte auch danach. Aber ich glaubte nicht an Gruppen. Ich war nie Mitglied irgendeines Vereins oder einer politischen Partei. Ich fühlte Sympathie für die Studentenbewegung. Aber ich bin Einzelgänger. Was ich gemacht habe, habe ich immer alleine gemacht, ohne die Hilfe anderer. Das ist mein Stil. Ich war wahrscheinlich wirklich wie der Erzähler in “Naokos Lächeln”, ja.

Der Individualist ist vielleicht noch öfter als andere mit seinen eigenen Träumen konfrontiert. Was bedeuten Träume für Sie?

Es sind nicht die Träume. Sondern sozusagen das Ideal. Damals war ich Idealist. Ich fürchtete, dass es einen Krieg geben könnte. Trotzdem glaubte ich an den Fortschritt. Ich war also, wie Sie sehen, zu jung – ja.

Träume sind in Ihren Büchern wichtig. Sind Sie auch im wirklichen Leben ein guter Träumer?

Nein. Ich träume gar nicht. Höchstens einmal im Monat erinnere ich mich an etwas. Ich weiß gar nicht, warum das so ist. Ein Freund von mir ist Therapeut. Er sagt, dass ich deshalb nicht ordentlich träume, weil ich meine Träume beim Schreiben verwirkliche. Da muss ich dann offenbar nicht mehr selbst träumen.

Traum als Psychotherapie?

Mir gelingt es, im Wachzustand zu träumen. Das ist ja gerade die Arbeit des Romanschreibers.

Wer Ihre Bücher liest, hat selten das Gefühl, das ist Literatur, sondern viel eher, das ist Leben. Sind Sie mehr am wirklichen Leben interessiert als an Literatur?

Über Literatur denke ich während dem Schreiben überhaupt nicht nach. Während der Arbeit denke ich an die Story selbst, und an die Leute, die drin vorkommen. Ob das jetzt von hoher oder niedriger Qualität ist, das ist nicht die Frage. Klar hoffe ich, dass es gute Literatur wird. Literatur hat eigene Werte, eigene Maßstäbe, eigene Skalen. Aber diese Werte sind nichts, was in erster Linie wichtig ist für mich. Ich glaube an die Kraft einer Geschichte. Wenn wir das Gebiet der Phantasie betreten, können wir etwas wichtiges in uns berühren, das es im täglichen Leben nicht gibt. Das ist für mich ein Wert. In der Literatur gibt es so viele Zwänge. Du musst dies und das machen, du musst so schreiben oder so, und das mag ich nicht. Ich hasse es. Spontaneität ist wichtig für mich. Es muss spontan sein.

Ihr am wenigsten spontanes Buch ist jenes über den Sarin-Anschlag in der Tokyoter Ubahn am 20. März 1995 mit den Interviews von 60 Opfern, aber auch von Mitgliedern der Aum-Sekte. In der Einleitung kriegt man den Eindruck, dass dieser Oral-History-Zugang vielleicht ein sehr europäischer Analysezugang ist.

Wirklich?

Ja, den Eindruck hatte ich. Es ist ein sehr individualistisches Projekt.

Es ist einfach eine Sammlung von wahren Geschichten. Ich schreibe Romane. Normalerweise sind mir Tatsachen und Fakten also egal. Die Wahrheit ist mir auch egal. Die Substanz muss rüberkommen, mehr nicht, und das geht nur, wenn die Komposition stimmt. Ob das jetzt europäisch oder individualistisch oder beides ist, keine Ahnung. Es ist jedenfalls mein Weg.

Aber hier konnten Sie nichts erfinden.

Das war nicht leicht. Bei den Erzählern handelt es sich um Amateure. Die meisten von ihnen wissen nicht, wie man etwas effektvoll erzählt. Sie drücken sich natürlich nicht konzis aus. Aber das konnte ich für sie tun. Also interviewte ich sie, ein oder zwei Stunden lang. Dadurch sind sehr lange Tapes entstanden. Die konnte man nicht einfach transkribieren und abdrucken, da war ein professioneller Zugang nötig. Ich machte den Ablauf, ohne ihn grundsätzlich zu verfälschen, so kompakt und so lesbar, verstehbar und frisch, wie die Gegenwart an diesem Tag eben selbst war. Das ist Technik. Und ich bin sehr gut bei dieser Art von Arbeit. Sie ist interessant und aufregend. Ich habe viel dabei gelernt.

Waren die Leute glücklich mit dem, was dann rauskam?

Da geschah viel auf der unbewussten Ebene. Was ich für sie tat, die Zusammenfassungen und Begradigungen, das war so normal und organisch, dass sie meine Eingriffe gar nicht bemerkten. Sie nahmen im allgemeinen meine Version einfach an.

Sind Sie noch immer mit manchen der Opfer in Kontakt?

Ja, mit ein paar. Zum Beispiel Shizuko Akashi, die Frau, die ihr Gedächtnis verlor. Ich habe sie seitdem sieben oder acht Mal getroffen. Langsam geht es ihr etwas besser. Aber sie kann noch immer fast nichts sehen, sie ist beinahe blind. Ihre rechte Körperhälfte wurde stärker, sie kann sich jetzt alleine anziehen. Sie kann aus dem Rollstuhl nicht aufstehen. Ihr Vokabular hat sich vergrößert, ich konnte sie immer besser verstehen. Aber das sind nur sehr kleine Fortschritte. Man muss bedenken, der Anschlag ist jetzt sieben Jahre her, oder acht. Man muss leider sagen, für sieben Jahre sind diese Fortschritte sehr gering, das ist so traurig. Aber immerhin wird irgendwas besser. Voriges Jahr ist sie auch nach Disneyland in Tokyo gekommen, ihr großer Wunschtraum. Das war gut.

Aber sie wird sich nie ganz erholen?

Nein. Auch ihre Erinnerung kommt nicht mehr zurück.

Einige Terroristen der Aum-Sekte sind bereits zum Tod verurteilt worden. Was ist mit dem Prozess gegen Sektenführer Shoko Asahara, der sich ja sehr lange hinzieht, zum Unbehagen vieler Japaner bisher ohne Resultat?

Vermutlich wird er Ende dieses Jahres verurteilt. Vielleicht auch nächstes Jahr. Er ist ja völlig durchgeknallt. Alle Mitglieder der höchsten Kommandostufe der Aum-Sekte, die am Anschlag beteiligt waren, sind bisher zum Tod verurteilt worden.

Werden die Urteile vollstreckt?

Jetzt laufen die Berufungen. Der Prozess geht bis zum Höchstgericht, das dauert sehr lange. Vielleicht noch zwei Jahre. Aber die Strafen werden sich wohl nicht mehr ändern. Ich gehe noch immer als Beobachter zu den Gerichtsverhandlungen, aus Interesse.

Eine seltsame Vorstellung, dass jetzt alles, was aus dieser Terrorattacke geworden ist, auf Strafen und Urteile reduziert wird.

Persönlich bin ich gegen die Vollstreckung der Todesstrafe, denn diese Leute sind die Zeugen ihres Verbrechens, und deshalb finde ich, sie sollten leben, damit die Möglichkeit besteht, einmal die wahren Hintergründe zu erfahren. Wenn wir sie töten würden, dann würde diese Information und das Wissen, das sie haben, verloren sein. Außerdem wäre das nur eine institutionalisierte Rache der Gesellschaft, also sinnlos. Einige Leute, deren Angehörige beim Anschlag starben, fordern natürlich die Todesstrafe. Das ist traurig.

In der deutschen Ausgabe waren die beiden Oral-History-Bücher, die Sie zusammengestellt haben, jenes über die Opfer und jenes über Mitglieder der Sekte, in einer Ausgabe versammelt.

In Japan erschienen zuerst die Opfer-Interviews, dann, ein Jahr später, die Interviews mit den Sektenmitgliedern. In Amerika und Europa machte man daraus ein Buch. Ich weiß nicht, was diese Kombination für einen Effekt auslöst. Aber in Japan waren es zwei verschiedene Bücher, und das war gut so.

Wenn wir über Aum sprechen, heißt es immer, die Sekte nimmt viele Elemente von Shintoismus und anderen Religionen und vermischt sie auf haarsträubende und groteske Art und Weise. Aber niemand konnte mir sagen, für was sie wirklich stehen. Was ist die Faszination?

Ganz einfach, viele ungefestigte Leute wollen etwas haben, woran sie sich halten können. Die alten Religionen, ob Christentum oder Buddhismus, sind ihnen zu etabliert, man könnte auch sagen, zu erstarrt. Sie wollen was neues, lebendiges. Und da ist dann auch ein Guru. Ein Pyramidensystem mit einem Guru ganz oben auf der Pyramide. Er weiß alles, er entscheidet alles, er kann dir alles geben, aber auch alles nehmen. Was Aum angestrebt hat, war ein komplettes System. Wenn du einmal drin bist, musst du nicht mehr nachdenken, du musst dir keine Sorgen mehr machen. Eine totale Erfahrung für die Mitglieder. So komplett. Sie waren also gleichzeitig verwickelt und damit zufrieden. Unsere Gesellschaft ist so chaotisch und kompliziert, sie kann so etwas Kompaktes überhaupt nicht anbieten. Viele Menschen sind durcheinander, beunruhigt und fühlen sich alleine gelassen.

Aum hat zwischen zehn und zwanzig Morde begangen ein paar hundert schwer verletzte Opfer hinterlassen. Wenn man große Religionen hernimmt, haben die alle deutlich mehr auf dem Gewissen. Und auch dort sind die Glaubensartikel, nehmen wir das Christentum, teilweise eher grotesk.

Der wichtigste Punkt ist die Zeit. Christentum hat sich zweitausend Jahr lang gehalten. Das ist sehr lange. Der Buddhismus noch länger, der Islam etwas kürzer. Sie alle haben klarerweise eine Menge Leute ermordet und Kriege entfacht. Aber die großen Religionen haben auch alles zusammengehalten, das war manchmal wichtig.

Was denken Sie über den islamischen Fundamentalismus?

Radikaler Islam ist nur eine Schule. Wir sprechen viel über den islamischen Fundamentalismus, aber der Islam ist eine ganze Welt, eine religiöse Welt. Das sind verschiedene Dinge. Aum ist eine neue Religion, oder nicht einmal das. Die Vergangenheit ist nicht änderbar, aber wir wissen nichts über das Risiko, das neue Religionen wie Aum mit sich bringen. Wir müssen also vorsichtig sein. Sie wurden noch nicht von der Geschichte ausprobiert. Ich glaube, die alten und die neuen Religionen sind gänzlich verschiedene Dinge.

Sehr modern ist die Mixtur mit dem Terrorismus. An einer Stelle schreiben Sie über Theodore Kaczynski, den UNA-Bomber, und seinen Theorien über den Individualismus. In Österreich wurde der UNA-Bomber oft verglichen mit dem einzigen Terroristen, den das Land je hatte, Franz Fuchs. Kennen Sie den?

Nein, kenne ich nicht. Wann war das?

Vor fünf Jahren. Er schickte Briefbomben an Politiker und Prominente, die sich für Toleranz und liberale Werte einsetzten, und er tötete dabei vier Menschen. Bei seiner Verhaftung sprengte er sich beide Arme weg, und trotzdem gelang es ihm, sich in der Zelle aufzuhängen.

Wirklich? Naja, ein Genie.

Aufgrund seines technischen Verständnisses wurde er oft mit Kaczynski verglichen. Die Aum-Sekte ist da ganz anders, oder? Das technische Niveau des Aum-Anschlags war nicht gerade japanische High-Tech, und das Durchstechen der Sarin-Säcke mit Schirmspitzen mutet etwas lächerlich an. Warum glauben Sie war die Technik und Ausführung im Vergleich zu jener der Einzeltäter so primitiv?

Aum war als System sehr unperfekt. Manche der Mitglieder waren Elite. Aber ihr System, das den Anspruch auf Totalität hatte, war so arm in Details. Einerseits machten sie auch erstaunliche und brillante Sachen. Auf anderen Gebieten wiederum waren sie armselig. Zum Beispiel produzierten sie Saringas. Das ist schon erstaunlich. Die meisten Mitglieder konnten später nicht glauben, dass ihrer eigenen Sekte wirklich sowas gelungen war. Aber es gelang. Wie durch ein Wunder.

Also ich bin froh, dass Sie unseren Terroristen nicht kennen, aber was wissen Sie von Österreich? Waren Sie in Wien?

Oh ja, dort war ich. Vor allem wollte ich den Zoo in Schönbrunn sehen. (Lacht.) Ich übersetzte damals das Buch von John Irving, “Lasst die Bären los!” Haben Sie das gelesen?

Klar.

(Lacht.) Ich übersetzte das, da wollte ich den Zoo natürlich selbst sehen.

Vor der Übersetzung?

Während der Übersetzung. Erinnern Sie sich an die Geschichte mit dem Titel “Pension Grillparzer”? Ich fand wirklich eine Pension Grillparzer.

Ah, eine solche gibt es?

Ja, gibt es. (Lacht.) Dort bin ich ein paar Nächte abgestiegen.

Wann war das?

Vielleicht 1987 oder 1988.

Sie sollten wieder kommen, der Zoo ist renoviert worden. Es war früher ein etwas miserabler Zoo, heute haben die Tiere es besser.

Wirklich? Gut. Dann war ich noch ein zweites Mal in Österreich, und zwar in Salzburg, um mir Musik anzuhören, im Sommer, vielleicht 1990. Das war sehr schön.

An was denken Sie zuerst, wenn Sie Österreich hören?

Es ist so friedlich und ruhig, das Essen ist gut, die Musik auch. Mehr nicht. (Lacht.) Das ist nur ein Image.

Jetzt wollte ich Sie noch auf diesen sogenannten Skandal ansprechen, das eines ihrer Bücher in Deutschland ausgelöst hat.

Ich habe davon gehört.

Zwei oder drei Stellen in “South of the border, west of the sun”, auf Deutsch unter dem Titel “Gefährliche Geliebte” erschienen und erstaunlicherweise aus dem Englischen übersetzt, wurden im “Literarischen Quartett” als pornographisch dargestellt und führten zu einer offenen Auseinandersetzung, die im weiteren das Ende der Sendung markierte. Was ist Ihr Zugang zu Sex oder Pornographie?

Wissen Sie, ich schreibe über Sex, über Sexualität, weil es ein ganz wichtiger Schlüssel zu jenem speziellen Raum ist, der mich interessiert. Der Sex ist sozusagen der Eingang. Ich schreibe nicht über den Sex selbst, aber er ist ein wichtiges Element, um diesem ungreifbaren Inneren näher zu kommen. Da ist nur eine dünne Linie zwischen sexuell und pornographisch. Also bin ich sehr vorsichtig bei diesen Stellen, und ich habe ganz klare Vorstellungen, wo diese Linie verläuft. Ich weiß nicht, ob eine Übersetzung diese Tatsache reflektiert. Manchmal vielleicht nicht. Ich kann Englisch lesen, und da sehe ich mir manchmal an, ob es funktioniert oder nicht. In Deutsch, Französisch, Russisch oder Türkisch kann ich das nicht erkennen. Also kann ich kein Urteil fällen. Aber da ist etwas, was mich schon freut, nämlich, dass darüber gesprochen wird. Jede Auseinandersetzung über ein solches Thema ist gut. Da war doch dieser sehr berühmte deutsche Kritiker, ich hab seine Autobiographie gelesen, auf Japanisch, wie hieß er noch?

Reich-Ranicki.

Genau. “Mein Leben” – ich hab das gerne gelesen, es ist sehr gut, sehr interessant. Mich freut auch, dass ihm mein Buch gefallen hat. Was mich aber wirklich überrascht hat, ist, dass es in Deutschland ein solches TV-Programm gibt. Dass es jetzt zu Ende gegangen ist, ehrt mich sozusagen. Letztes Jahr war ich in Deutschland. Jeder hat darüber gesprochen.

Ist Sex, abgesehen von Ihren Büchern, in Japan anders als anderswo? Gestern war ich in Shinjuku in einem Sex-Shop, die ganze Szene kam mir netter und sauberer vor als in Europa.

Zuerst einmal ist die Sexindustrie in Japan sehr professionell. Einmal besuchte ich in Hamburg dieses Milieu, 1983 oder so, um etwas über das Sex-Business zu schreiben. Mir kam das dort schon sehr hermetisch vor, von den Autoritäten kontrolliert, auf ein abgestecktes Gebiet beschränkt. In Japan ist es viel chaotischer und softer. Und nicht kontrolliert. Sozusagen der ganz freie Markt. Deshalb ist Sex auch weniger ... weniger gefährlich. Die Leute begeben sich leichter dorthin. Es herrscht kein besonderer Druck. Wenn du Spaß willst, kannst du als Japaner ganz einfach in diese Welt gehen. Ich meine jetzt nicht nur Sex-Shops, sondern auch Prostitution. Wenn du Geld hast, dann kannst du das haben, wenn es dich interessiert. Ein sehr unchristlicher Zugang. Ich glaube, wir haben keine besonderen Schuldgefühle, was Sex betrifft. Es ist ein Business, jeder weiß das, die Leute wollen Spaß haben und dieser Spaß wird angeboten. Als ich in Hamburg war, spürte ich dort sehr stark, dass Sex etwas mit Schuldgefühlen zu tun hat, und die Leute, die dort hin gingen, waren großteils so eine Art von sozialer Drop-Out. Hier nicht. Hier ist es ein Zeitvertreib. Aber die meisten Leute, die ich kenne, gehen da gar nicht hin. Ich weiß nicht warum. Naja, vielleicht reden sie auch nicht darüber.

Danke, Herr Murakami.

Es war mir ein Vergnügen.

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Leseprobe I Buchbestellung 0605 LYRIKwelt © Martin Amanshauser