Distanziert und doch ganz nah: Herta Müller während ihres Gespräches mit Ernest Wichner im Europasaal der Osnabrückhalle. Foto: Elvira Parton (hf0210)

Distanziert und doch ganz nah:
Herta Müller während ihres Gespräches mit
Ernest Wichner im
Europasaal der Osnabrückhalle.
Foto: Elvira Parton

Genauer Blick auf jedes einzelne Wort
Leise, eindringlich, berührend: Mit ihrer Lesung aus dem Roman „Atemschaukel“ (wir berichteten) hat Herta Müller am Montagabend ihre Zuhörer tief bewegt.
V
on Stefan Lüddemann aus der NOZ vom 10.2.2010:

Eigentlich wollte sie schnell davonhuschen – als kleiner Schatten vor den Riesenfalten des schwarzen Vorhangs im Saal. Doch unmittelbar nach dem Ende ihrer Lesung holt Lennart Neuffer von der Buchhandlung zur Heide sie noch für einen Augenblick an den Tisch zurück. Lässt man denn auch eine Literaturnobelpreisträgerin ohne Geschenk ziehen? „Ich wollte jetzt auch schon abhauen“, haucht sie ins Mikrofon, streicht schnell die nachtschwarzen Haare glatt. Für die Autorin gibt es Taschentücher. Und flugs erzählt sie vom Brief einer Leserin, die den Untergang des Stofftaschentuches beklagte. „Also, kauft wieder Taschentücher“, ruft sie ihren Zuhörern neckisch zu. Das Lachen geht wie eine leichte Welle durch den Saal.

Atemschaukel von Herta Müller, 2009, HanserLachen mit Herta Müller? Ja, auch das gibt es. Trotz der tristen Lagerwelt, die sie in ihrem Roman „Atemschaukel“ in Sprachbildern von beispielloser Dichte vergegenwärtigt. Lachen löst immerhin für einen Augenblick – aus dem Bann lastender Erfahrung und aus jener geradezu klösterlichen Stille, in die hinein Herta Müller ihre Texte liest. Die rund 1800 Zuhörer – unter ihnen 450 Schülerinnen und Schüler – hören auch deshalb so genau hin, weil sie jetzt noch besser als bei der Lektüre erspüren, wie sehr Herta Müllers Sprache selbst aus dem Schweigen erwächst und sich der Erfahrung eines Lebens als Minderheit in Rumänien verdankt. Falsche Beredsamkeit hat da keinen Platz.

„Vom Hungerengel“, „Himmel unten Erde oben“ oder „Vom Lagerglück“ heißen die Kapitel, die sie liest. Herta Müller trägt ihre Prosa mit einer Stimme vor, die wie nach innen gekehrt klingt – ganz so, als lese hier sich jemand vor allem selbst vor. Das passt zu Sätzen, denen Schweigepausen wie Ruhepunkte eingefügt sind. Und zu einer Sprache, deren Reichtum in ihrer kargen Lakonie und Genauigkeit liegt. Herta Müllers Prosa ist nicht nur reich an Wortschöpfungen, sich ist auch so gearbeitet, dass jedes Wort wie im ersten Augenblick seines Erscheinens gehört und aufgenommen werden kann. „Wir sind das Gestell für den Hunger“, so lautet einer dieser Sätze, mit denen Herta Müller gelingt, was große Literatur auszeichnet – nämlich völlig neue Erfahrungsräume zu öffnen.

Das Lager als lebenslange Versehrung an Geist, Körper und sozialem Leben: Auf diesen Komplex der Düsternis verwies Herta Müller in dem Gespräch mit Ernest Wichner, das ihrer Lesung vorausging. Die Literaturnobelpreisträgerin erzählte nicht nur von ihrer Zusammenarbeit mit Oskar Pastior und dem Projekt, das Buch über die Deportationen vieler Rumäniendeutscher gemeinsam zu schreiben. Sie machte vor allem auch auf eigene Erfahrungen aufmerksam. Das Verbot, über die Erfahrungen der Haft zu sprechen, habe das Schweigen zu einer Eigenschaft der betroffenen Menschen gemacht, so Herta Müller. Obendrein verdankten sich nach ihren Worten viele ihrer kindlichen Erfahrungen der Lagerhaft der Mutter. All dem hat sie eine Stimme gegeben – mit ihrer meisterlichen Prosa.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter Neue Osnabrücker Zeitun]

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