Herta Müller, 2009, Foto: Ekko von Schwichow

Foto: Ekko von Schwichow
www.schwichow.de

1.) - 6.)

Herta Müller findet schöne Worte für das Unmenschliche
Literatur-Nobelpreisträgerin Herta Müller schreibt mit schönen und sachlichen Worten über das Allzu-Unmenschliche der Diktaturen. Die Erfahrungen unter Ceausescu haben sie geprägt. Ihr Lebensthema: die grausamen seelischen Verformungen, die eine Diktatur bei ihren Opfern anrichtet.
V
on Jens Dirksen aus der NRZ vom 9.10.2009:

Herta Müller hat am Telefon gelacht und geweint, als sie gestern Mittag hörte, dass sie am 10. Dezember in Stockholm den mit 972 000 Euro dotierten Nobelpreis verliehen bekommt. Der Zwiespalt, die Doppelbödigkeit ist das Leitmotiv ihres Lebens, ihrer Literatur. Die Erfahrungen in der Ceausescu-Diktatur haben ihr den Zweifel an allem in die Seele gesenkt, was nach bloßer Oberfläche aussieht – sie haben ihr aber auch die Gewissheit verschafft, dass nur die Sprache den Unterdrückten eine aussichtsreiche Chance bietet, sich zu wehren, Würde zu wahren.

Und wehren musste sich Herta Müller früh. Im schwäbischen Banat fühlte sie sich als Kind nicht nur von den Einengungen der kommunistischen Diktatur bedrängt, sondern auch von den Lebensumständen einer deutschen Minderheit. Deren spießige Rückständigkeit rührt aus einer Wagenburg-Mentalität, in der vermeintlich deutsche Tugenden wie Sauberkeit, Fleiß und Sparsamkeit, Zucht und Ordnung im doppelten Sinne kultiviert werden.

Schatten der Diktatur haben sie nie losgelassen

Dem Banat aber verdankt Herta Müller auch den besonderen Ton ihres Deutsch, das – anfangs mehr als heute – durchzogen ist von Wörtern und Wendungen, die dem Deutschen im Westen schon abhanden gekommen waren. Ähnlich wie bei Richard Wagner, Herta Müllers zeitweiligem Ehemann, ebenfalls ein Rumäniendeutscher.

Schon ihr Debüt „Niederungen”, eine Sammlung von Geschichten und Prosa-Miniaturen, schlug einen Ton an, der Kritiker entzückte – und ihr unter Rumäniendeutschen den Vorwurf der Nestbeschmutzung eintrug. Auch in Temeswar, wo sie studierte, wurde es nicht besser: „Wir sind mit dem Kopf von zu Hause weggegangen, aber mit den Füßen stehen wir in einem anderen Dorf. In einer Diktatur kann es keine Städte geben, weil alles klein ist, wenn es bewacht wird”, wird es später in ihrem Roman „Herztier” heißen. Die Securitate versuchte vergebens, Herta Müller anzuwerben – ihre Mitglieder verfolgen sie bis heute, wie sie jüngst in der „Zeit” bekannte.

Die Schatten der Diktatur haben sie ohnehin nie losgelassen. Nach 1987, als sie in die Bundesrepublik umsiedelte, hat sie hin und wieder den scharfen Blick einer Außenseiterin auf die bundesrepublikanische Wirklichkeit geworfen. Doch ihr Lebensthema blieben die grausamen seelischen Verformungen, die eine Diktatur bei ihren Opfern anrichtet, indem sie das Misstrauen bis in die letzte Faser des Lebens dringen lässt.

"Landschaften der Heimatlosigkeit"

Romane wie „Der Fuchs war damals schon der Jäger” oder „Heute wäre ich mir lieber nicht begegnet” trugen ihr mitunter sogar den Vorwurf ein, sich an ihrem Lebensthema zu sehr festgebissen zu haben.

Doch spätestens ihr neuster Roman „Atemschaukel” zeigt, dass sie es auf diesem zu unerreichter Kunst gebracht hat: Er arbeitet das verschwiegene Schicksal der Rumäniendeutschen auf, die erst den Nazis zuarbeiteten und dann von den Russen deportiert wurde – in einer Sprache, die vom Thema selbst geformt ist: Ausgerechnet Wörter voller Poesie beschreiben das Allzu-Unmenschliche, sie blieben die einzige Möglichkeit, sich Gewalt und Leid nicht gerade vom Leib, aber von der Seele zu halten. Sie zeichne, lobte die Schwedische Akademie sie gestern, „mittels Verdichtung der Poesie und Sachlichkeit der Prosa Landschaften der Heimatlosigkeit.”

Herta Müller weiß das. „Mir wird immer wieder die Frage gestellt”, sagte sie bei einer Rede im Sommer 2003, „wann ich endlich über Deutschland schreibe. Ich habe jedes Mal Lust zu sagen: Schon die ganze Zeit, aber das merkt ihr nicht.”

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.nrz.de]

Leseprobe I Buchbestellung 1009 LYRIKwelt © Neue Ruhr/Rhein Zeitung

***

Herta Müller, 2009, Foto: Ekko von Schwichow

Foto: Ekko von Schwichow
www.schwichow.de

2.)

Das Wunder der Sprache
Für die in Berlin lebende Literaturnobelpreisträger, Herta Müller, ist Schreiben in und nach der Diktatur zwangsläufig Schreiben über die Diktatur. Die Stockholmer Ehrung für sie stößt auf viel Lob.
Von Ina Hartwig in der Frankfurter Rundschau, 9.10.2009:

Als ich noch in Rumänien lebte", erinnert sich Herta Müller, "kamen oft Freunde, aber auch Fremde zu Besuch. Ich lebte in einem schiefen, grauen Wohnblock aus Betonfertigteilen, am Rand der Stadt. Sie aber wollten das Dorf sehen, aus dem ich kam." Herta Müller hatte sich darüber geärgert, denn sie wusste: Was die Freunde und die Fremden suchten, war nicht das Dorf, in dem sie aufgewachsen ist, sondern sie suchten die literarische Aura, die die Schriftstellerin aus dem Dorf geschaffen hat; sie suchten die zweite Wirklichkeit, die Dichtung hinter der Wahrheit. Die zweite Wirklichkeit ist aber nicht durch touristisches Schauen, sondern nur durch Spracherfahrung zu erfassen: Dichtung ist Wahrheit.

"Sie wollten in dem Dorf die ,Niederungen´ sehen", fährt Müller fort in Anspielung auf ihren ersten Roman, der 1982 in Rumänien in zensierter Fassung erschien und 1984 in der Bundesrepublik vollständig. Herta Müllers "Niederungen" machten sofort Furore in der Literaturszene Deutschlands. Eine solche Sprache hatte man noch nicht gehört. Es war die Zeit des Kalten Kriegs, und die Nachrichten, die den Westen aus einem kleinen Dorf der Banater Schwaben, der deutschsprechenden Minderheit Rumäniens, erreichten, erschütterten in vielerlei Hinsicht. Herta Müller wurde sogleich erkannt als ganz Große, und entsprechend zahlreich sind ihre Auszeichnungen, denen sich nun die allerhöchste hinzugesellt.

Die Angst besiegen

Gestern mittag um 13 Uhr wurde Herta Müller von der Schwedischen Akademie der Wissenschaften der Nobelpreis für Literatur 2009 zugesprochen; am 10. Dezember wird sie den ranghöchsten Literaturpreis der Welt aus der Hand des schwedischen Königs in Stockholm entgegennehmen. Die Wahl der 1953 im rumänischen Nitzkydorf geborenen Autorin, die in Temeschwar Germanistik und Rumänistik studiert und später als Deutschlehrerin gearbeitet hat, mag manche aufgrund ihres relativ jungen Lebensalters überraschen und auch, weil erst vor zwei Jahren mit Doris Lessing eine Frau ausgezeichnet worden war und man weibliche Preisträger bisher doch eher selten geboten bekam. Und doch überrascht die Wahl nicht wirklich. Denn Herta Müller ist zweifelsohne eine singuläre Stimme nicht nur der deutschsprachigen Literatur, sondern der Weltliteratur, wie die Nobelpreisjury nun endgültig unterstreicht.

Es ist eine kluge, geschmacksichere, kühne, politisch sensible und also äußerst erfreuliche Wahl. Die Auszeichnung gilt einer Autorin, die ihr bisheriges Werk den Diktaturerfahrungen im weitesten Sinne gewidmet hat. Wie schon ihr ungarischer Nobelpreiskollege Imre Kertész, wie überhaupt jeder Literat von Weltrang, ist Herta Müller dabei absolut gefeit vor Sentimentalität und Moral. Geht es um Politik, etwa den Beitritt Rumäniens zur EU, argumentiert sie rein politisch. In diesem Fall warnte sie davor, dass Rumänien, sobald einmal die EU-Mitgliedschaft errungen sei, seine unrühmliche, verbrecherische Vergangenheit ruhen lasse. Es war eine politische Warnung, wohlgemerkt, keine ästhetische. Die Schönheit hingegen will sie durchaus gegen die Diktatur behauptet wissen, wie ihre Romane "Der Fuchs war damals schon der Jäger" (1992), "Herztier" (1994), "Heute wäre ich mir lieber nicht begegnet" (1997), und ihre Essaybände "Der Teufel sitzt im Spiegel" (1991), "Hunger und Seide" (1995), oder "Der König vereigt sich und tötet" (2003) eindrucksvoll zeigen.

Ein Deutsch aus der Ferne

Wer Herta Müller aus der Nähe kennt und sie persönlich erlebt hat, weiß um die Scheuheit ihres Wesens. Fast hat sie die Ausstrahlung des zarten, störrischen, essunwilligen Mädchens, behalten, das sie so gnadenlos-poetisch geschildert hat im Umfeld jenes Dorfes, in dem eine alte - familiäre - und eine neue - sozialistische - Angst die perfekte Verbindung eingegangen sind und sich in der Gewalt gegen alles Lebende Ausdruck verschaffen. "Ich halte nicht viel von der magischen Seite der Kindheit", schreibt Müller.

Aber man täusche sich nicht: Hinter der akribisch wahrgenommenen Angst, die durch jede Ritze des Lebens dringt, steht eine zähe, ganz eigene Subjektivität. Ihr verdankt Herta Müller, dass sie noch lebt. Dem Geheimdienst habe sie den Gefallen des Suizids nicht tun können, bemerkt sie mehrfach in unerhörter Lakonie. Der Überlebenswille äußert sich in einem fast schon manisch zu nennenden Vertrauen in die Sprache und ihre Gestaltungsmöglichkeiten.

Ob es das Erwachsensein überhaupt gebe, fragt sie einmal rhetorisch. Das ist kennzeichnend für Herta Müller, die tatsächlich mit einer universalen Sicherheit, mit einer über den Generationen und den Geschlechtern stehenden Direktheit auf die Wörter zugreift. Das Wunder der Sprache, das sich an ihr vollzogen hat, gehört, auch wenn es jetzt ihr Leben radikal verändern könnte, nicht in die Bereiche der Biographie. Ihr Sprachgebrauch gehört der Tradition an; einer k.u.k.-Tradition, einer Landschaft, in der einst Ungarisch, Rumänisch, Russisch, Ukrainisch, Jiddisch und Deutsch nebeneinander existierten.

Es ist kein Zufall, dass man sich bei ihrem jüngsten Roman "Atemschaukel", der ein russisches Arbeitslager für Rumänen mit Metaphern wie "Hungerengel" oder "Herzschaufel" beschwört, an Paul Celan erinnert fühlt. Er, der im galizischen Czernowicz Geborene, kam aus derselben Sprachlandschaft. Herta Müllers Deutsch knüpft nicht an die bundesdeutsche Literatur an; es ist ein Deutsch aus der Ferne, klar und märchenhaft zugleich.

Wenn das Nobelpreiskomitee seine Wahl damit begründet, Herta Müller schaffe mit ihrer Prosa "Landschaften der Heimatlosigkeit", so ist damit sicherlich auch folgendes gemeint: Die Securitate hat der diesjährigen Nobelpreisträgerin das Leben in Rumänien zur Hölle gemacht. Nachdem sie eine Zusammenarbeit mit dem Geheimdienst abgelehnt hatte, ist sie jahrelang schikaniert worden. Noch heute sieht sie die alten Seilschaften am Werk: Ceausescu ist tot, sein Geist lebt.

Zu ihren Techniken zählt übrigens die Collage. Müller schneidet Worte und Teile von Worten aus und setzt sie als Bilder zusammen; sie denkt die Sprache offenbar visuell, und man wird den Eindruck nicht los, dass dieser Sprach-Baukasten irgendwie doch aus dem magischen Reich der Kindheit schöpft: aus jener Phase des Lebens, in der die Namen zu den Dingen finden. Diese Restmagie scheint Herta Müllers Kraftzentrum zu sein, aller Zweifel und Verzweiflung zum Trotz.

[...diese und weitere Artikel finden Sie unter fr-logo]

Leseprobe I Buchbestellung I home 1009 LYRIKwelt © Frankfurter Rundschau

***

Herta Müller, 2009, Foto: Ekko von Schwichow

Foto: Ekko von Schwichow
www.schwichow.de

3.)

Geschichten einer Heimatlosen
Aus Rumänien geflohen, vom Geheimdienst bis nach Deutschland verfolgt: Herta Müller erhält den Nobelpreis für Geschichten, die immer von einer traurigen Vergangenheit zeugen.
Von André Weikard, Focus, 9.10.2009:

Der Staat, in dem sie aufwuchs, verschleppte ihre Mutter und zensierte ihre Bücher. Die geborene Deutschrumänin Herta Müller kehrt Ceaușescus Diktatur den Rücken, emigriert 1987 in die BRD und lebt seitdem in Berlin. Auch von dort aus kritisiert sie das Regime. Und auch dorthin verfolgt sie der rumänische Geheimdienst. Schmutzkampagnen werden inszeniert, die Dissidentin soll als kommunistische Agentin dargestellt und im Westen in Misskredit gebracht werden.

Ein anklagendes Erinnern

In Rumänien nahm man ihr die Arbeit als Übersetzerin, weil sie sich weigerte, mit eben diesem Geheimdienst zu kooperieren. Sie muss sich mit befristeten Lehraufträgen durchschlagen. Im Westen werden ihre Romane gefeiert. Die autobiografischen Erzählungen „Reisende auf einem Bein“ und „Herztier“ beschreiben die schwierige Ankunft in einem fremden Land und die Methoden der Securitate, deren langer Arm über die Grenzen Rumäniens hinausreicht. Zum Schweigen bringt sie keiner. Ganz im Gegenteil. „Atemschaukel“, ihr 2009 erschienener Roman, ist eine Elendsschilderung und ein anklagendes Erinnern voll poetischer Kraft.

Das Ende des Zweiten Weltkriegs ist der Auftakt einer Vertreibungswelle. Die deutsche Minderheit in den von der Roten Armee befreiten Gebieten wird verjagt oder zur Zwangsarbeit herangezogen. In Rumänien werden praktisch alle arbeitsfähigen Volksdeutschen in Lager verschickt. Herta Müller, Jahrgang 1953, ist noch nicht geboren. Sie kennt den Hunger und die Demütigungen, denen die deutsche Minderheit ausgesetzt ist, nur aus den Beschreibungen ihrer Mutter.

Die Ästhetisierung des Elends

Für ihren Roman „Atemschaukel“ findet sie einen ganz anderen Kronzeugen. Der Siebenbürgener Lyriker Oskar Pastior hat sich mit der Prosa-Autorin zusammengetan. Er ist zur Zeit der Deportationen gerade 17 und überlebt vier Jahre im Lager. Gemeinsam wollten sie seine Biografie schreiben. Aber Oskar Pastior verstirbt während der Arbeiten. Ein Jahr lang lässt Herta Müller das Projekt ruhen. Dann nimmt sie sich die bereits erarbeiteten Textentwürfe und Notizen vor. Der Roman, der daraus entsteht, überzeugt die Kritik.

Müllers Ästhetisierung des Elends verharmlost nicht, sondern erzeugt Mitgefühl. Die Details aber, vom Blechkamm zum Läusefang über die Kartoffelschalen, die am Abend gegessen werden, die stammen von Oskar Pastior. Der starb 2006, zu früh, um den Büchner-Preis entgegenzunehmen, dem man ihm für sein Werk verlieh. Und zu früh, um mit dabei zu sein, wenn Herta Müller den Nobelpreis empfängt, für ihr Werk und für den Roman seines Lebens.

[...diesen und weitere Berichte finden Sie unter www.focus.de]

Leseprobe I Buchbestellung I home 1009 LYRIKwelt © Focus

***

Herta Müller, 2009, Foto: Ekko von Schwichow

Foto: Ekko von Schwichow
www.schwichow.de

4.)

Alles Müller oder was?
Die Nobelpreis-Jury hat eine gute Wahl getroffen
Von Steffen Radlmaier in den Nürnberger Nachrichten vom 9.10.2009:

Carl Friedrich Georg Spitteler? Rudolf Eucken? Diese Namen sagen Ihnen nichts? Immerhin handelt es sich um zwei der insgesamt 13 deutschsprachigen Literatur-Nobelpreisträger, wohl aber heute zu Recht vergessen. Auch der Name Herta Müller wird in vielen Ländern außerhalb literarischer Zirkel auf Kopfschütteln stoßen. Ähnlich war es hierzulande letztes Jahr bei dem Franzosen Jean-Marie Gustave Le Clézio. Gegen die literarische Qualität spricht das keineswegs.

Mit Herta Müller hat die Stockholmer Akademie eine überraschende, aber überaus erfreuliche Wahl getroffen. Darüber werden sich nur die ärgern, die vergeblich auf seit Jahren gehandelte Star-Kandidaten wie Philip Roth, Amos Oz oder Bob Dylan gesetzt haben. Bemerkenswert ist die Entscheidung aus verschiedenen Gründen, nicht nur weil der Preis an eine relativ junge Frau, deutschsprachige Autorin und Vertreterin einer (lange verfolgten) Minderheit ging.

Zuletzt unter den Favoriten

Seit vier, fünf Jahren gehörte die in Berlin lebende Schriftstellerin, die vor allem über ihre Erfahrungen unter der rumänischen Ceausescu-Diktatur schreibt, zu den Nobelpreis-Favoriten. Auch diesmal tauchte ihr Name wieder in den Spekulationen auf. Erstaunlich ist, dass sich die Jury unter dem neuen Vorsitzenden Peter Englund zum dritten Mal innerhalb von nur zehn Jahren für eine deutschsprachige Kandidatin entschieden hat.

Günter Grass, der den Nobelpreis 1999 erhalten hat, musste Jahrzehnte lang auf die wichtigste Literatur-Auszeichnung der Welt warten. Und die Österreicherin Elfriede Jelinek sorgte 2004 als absolute Außenseiterin für Überraschung.

Es bringt wenig, wenn jetzt wie bei Olympischen Spielen die Länder-Medaillen verglichen werden: Frankreich an der Spitze mit 14 Literatur-Nobelpreisen, Großbritannien mit elf Preisträgern auf dem zweiten und die USA mit neun Autoren auf dem dritten Platz vor Deutschland. Denn wichtiger als der Nationalstolz sollte in diesem Zusammenhang die Frage der literarischen Qualität sein.

Mit Hertha Müller hat es zweifellos die Richtige getroffen

Mit Herta Müller, die zwar eine allseits anerkannte, aber alles andere als eine Bestseller-Autorin ist, hat es zweifellos die Richtige getroffen. (Was nicht heißt, dass es in anderen Teilen der Welt nicht mindestens ebenso würdige Preisträger gäbe.) Denn neben der literarischen Qualität des Werkes scheint für die Stockholmer Jury auch die Haltung der Autoren eine wichtige Rolle zu spielen. Insofern ist die Entscheidung für Herta Müller zwanzig Jahre nach dem Zusammenbruch des Kommunismus auch eine ausgesprochen politische.

Im Leben und Werk der Deutsch-Rumänin spiegelt sich beispielhaft die jüngste europäische Geschichte zwischen Ost und West. Ihre Eltern gehörten im Banat zur deutschsprachigen Minderheit. Der Vater arbeitete für Hitlers Waffen-SS, die Mutter verbrachte fünf Jahre in einem von Stalins Arbeitslagern und sie selbst musste vor Ceausescus Terror aus Rumänien nach Deutschland fliehen. Diese Erfahrungen ziehen sich wie ein roter Faden durch Herta Müllers Bücher.

Die Bedrohung der Freiheit

Gerade auch ihr viel gelobter jüngster Roman «Atemschaukel» belegt das auf eindrucksvolle Art. Er wäre nicht entstanden ohne die Mithilfe ihres früh verstorbenen Kollegen Oskar Pastior, für den damit ein bisschen vom Nobel-Ruhm abfällt.

Die schwedische Auszeichnung wirkt aber immer auch als Verkaufsförderung: So ist zu hoffen, dass Herta Müllers Bücher, die sich in stiller Beharrlichkeit und voll poetischer Intensität mit der Freiheit und ihrer Bedrohung auseinandersetzen, eine breite Leserschaft in aller Welt finden. Verdient hätten sie es allemal. Es handelt sich um Weltliteratur.

Den vollständigen Bericht von Steffen Radlmeier mit Abb. finden Sie unter Nürnberger Nachrichten!

[...diesen und weitere Artikel finden Sie unter Nürnberger Nachrichten]

Leseprobe I Buchbestellung 1009 LYRIKwelt © Nürnberger Nachrichten

***

Herta Müller, 2009, Foto: Ekko von Schwichow

Foto: Ekko von Schwichow
www.schwichow.de

5.)

Herta Müllers "Atemschaukel" – so grandios wie erschütternd
Der Nobelpreis für Literatur geht in diesem Jahr an die deutsche Schriftstellerin Herta Müller. Gerade eben ist ihr neuer Roman "Atemschaukel" erschienen.

Besprechung von Sabine Dattenberger im Münchner Merkur, 9.10.2009:

Ein Bursche deutscher Abstammung aus einem rumänischen Ort steht auf der „Liste der Russen“. Es ist der Januar des Jahres 1945. Leo freut sich sogar darauf, „aus dem Fingerhut der kleinen Stadt, wo alle Steine Augen hatten“, wegzukommen. Ja, naiv ist er, obwohl er in seinem kurzen Leben durchaus schon gelernt hat, wie man mit Gefahren umzugehen hat: dass er etwa seine Homosexualität unter allen Umständen verbergen muss. Unfreiheit, Todesangst, Überwachung – die gehören auch zur Heimat. Dann zu den fünf Jahren im sowjetischen Lager. Und zum noch fernen Danach, 1950 bis 1968, als Leopold schließlich emigriert

Herta Müller legt mit „Atemschaukel“ einen neuen – einen grandiosen Roman vor. Von Anfang an hat sie sich als eine Schriftstellerin erwiesen, die die Deformation – seelische wie körperliche – des Menschen durch die Diktatur mit einer schmerzhaften Allwissenheit beschreiben konnte (zum Beispiel in „Der Fuchs war damals schon der Jäger“). Alle Details gehen umso mehr unter die Haut, als Müller eine vibrierend vitale und irritierende Sprachschöpferin ist. Deutsch wird bei ihr zum Forschungsinstrument der edelsten Art. Damit hatte sie die Opfer des rumänisch-kommunistischen Staatsterrors untersucht, damit untersucht sie nun ein Opfer der Zwangsarbeit.

Ihre eigene Mutter war fünf Jahre in Arbeitslager, berichtet Müller im Nachwort. Ab 2001 habe sie sich mit Deportierten aus ihrem Dorf unterhalten und die Informationen aufgezeichnet. Außerdem ging sie auf ihren Kollegen und Landsmann Oskar Pastior (1927-2006) zu, der selbst verschleppt worden war. Es entspann sich eine Zusammenarbeit, die mit Pastiors Tod zerbrach. Herta Müller musste alleine den Roman schreiben: „Doch ohne Oskar Pastiors Details aus dem Lageralltag hätte ich es nicht gekonnt.“

Als Leser verfolgt man Leos Reise in ein russisches Irgendwo – Baracken, Steppe, Kohlebergbau, verrottete Chemiewerke, ärmliche Ansiedlung – und Herta Müllers Sprachgestaltung gleichermaßen fasziniert und erschüttert. Mit „Vom Kofferpacken“, dem durchaus komischen Aufbruch, beginnt in 56 Kapiteln der Überlebenskampf im Lager. Es folgt die Heimkehr eines Entwurzelten. Auch in „Atemschaukel“ wieder die Deformation durch ein Zwangssystem. Der Versehrte hat überlebt, bleibt aber unauslöschlich gezeichnet, zumal er wieder in einer Zwangsgesellschaft gelandet ist. Gesprochen wird über seine Erlebnisse ohnehin nicht.

Diesem Schweigen, das die Wunden nicht vernarben, sondern gefährlich schwähren lässt, setzt Herta Müller ihre Sprache entgegen: ihre Poesie, ihr Deutsch, das aus der fremden Umgebung ihrer Jugend, dem Terror und Müllers genialer Widerständigkeit eine atemberaubende Kraft gezogen hat. Die Dichterin hat den höchsten Grad an poetischem Ausdruck erreicht – zupackend genau, wie es keine noch so präzise Dokumentation erreichen könnte, und zupackend wortgewaltig, dass sich nichts in Harmlosigkeit und Beschönigung verflüchtigen kann. Müller hat sich zum ausgiebigen Hinschauen gezwungen, und sie ermöglicht es uns mit ihrer Kunst, dass wir es aushalten, ebenfalls mutig hinzusehen. Denn ihre Poesie ist Operationsbesteck: Es schneidet scharf, heilt aber.

Dabei ist die Autorin so wunderzauberfein erfinderisch, dass die deutsche Sprache Heimat, Zuflucht und Schutzhülle wird. Auch für den Leser. Schon in dem Titel „Atemschaukel“, jenem Pendel zwischen Lebenspenden und Luftabschnüren, wird das deutlich. Und so geleitet uns diese Sprache in das Lager. Wo Zementstaub die Lungen erstickt, Kalk die Körper frisst, Kohle sich in die Poren bohrt, Schlacke den Leib zerbricht. Und wo in Wirklichkeit nur einer herrscht: der Hunger, der Hunger, der Hunger. Jeder im Lager hat seinen „Hungerengel“, wie Leo feststellt. In immer neue herzzerquetschende poetische Wendungen fasst Herta Müller den Hunger, damit auch wir Satten ihm nicht entkommen: „Seit wir als Knochenmännlein und Knochenweiblein füreinander geschlechtslos waren, paarte sich der Hungerengel mit jedem, er betrog auch das Fleisch, das er uns bereits gestohlen hatte, und er schleppte immer mehr Läuse und Wanzen in unsere Betten.“

Mit der Sorgfalt des guten Arztes erstellt Herta Müller in „Atemschaukel“ erneut die Krankengeschichte einer Deformation: Hunger und „Lagerglück“ haben in Leo die Welt draußen ausgelöscht. Die Befreiung wird zum Schock. Die Dichterin hat allen, die einst und heute noch von anderen Menschen gequält werden, in diesem Roman ein Denkmal gesetzt – und uns ein Mahnmal.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.merkur-online.de]

Leseprobe I Buchbestellung 0510 LYRIKwelt - das LiteraturPortal im Internet! © Münchner Merkur

***

Herta Müller, 2009, Foto: Ekko von Schwichow

Foto: Ekko von Schwichow
www.schwichow.de

6.)

Herta Müller und die freie Meinungsnichtäußerung
Deutschland schaut auf Literatur-Nobelpreisträgerin Herta Müller, und die schaut zu Boden. Beobachtungen von der Frankfurter Buchmesse.
V
on Britta Heidemann in der WAZ vom 16.10.2009:

Es nimmt ihr die Luft. Deutschland schaut auf Herta Müller; sie schaut zu Boden. „Eigentlich bin ja nicht ich es, die den Preis bekommen hat. Es sind meine Bücher, nicht meine Person”, sagte die Autorin nach der Bekanntgabe des Literaturnobelpreises und danach kaum noch etwas, jedenfalls nicht öffentlich. „Wie denken Sie heute über diesen Satz”, fragt Ernst Grandits auf der 3Sat-Bühne der Buchmesse - einer der sehr wenigen, die fragen dürfen derzeit. „Genauso”, sagt sie. „Es sind alle anderen aufgeregter als ich. In zwei, drei Wochen ist alles vorbei.”

Eine Beschwörungsformel. Ihr Rücken ist nach vorne gebeugt, die zarte, schwarz gekleidete Person in sich versunken. Ihre Hände führen ein Eigenleben, greifen nach einander, suchen Halt. Die Zuschauer stehen dichtgedrängt um die Bühne, auf der sie sitzt, Medien bestürmen den Verlag, der sie vertritt – und werden vertröstet auf jene Tage in „zwei, drei Wochen”. Ein Kampf um freie Meinungsnichtäußerung.

„Ich bin ja nicht krank”

Mit dem Mauerfall 1989 verschwand der Ostblock, Herta Müller wäre eine gefragte Rednerin, sie könnte Zeugnis geben. Jahrelang wollte das niemand hören, aber jetzt: die Nobelpreisträgerin zur Wende, Verfolgung und die Folgen! Doch Herta Müller fremdelt.

Die Fremde ist ihre Heimat: Kindheit und Jugend verbrachte sie am Rande der Gemeinschaft der Banater Schwaben. Sie kämpfte für die Freiheit des Wortes, in Temeswar gründete sie die literarische „Aktionsgruppe Banat”. Auf die Avancen der Securitate antwortete stets sie: nein. Was in ihr Innerstes drang in Verhören, Vorladungen, nannte Herta Müller selbst eine „Vorstufe zum Wahn”. Nun aber antwortet sie auf die Frage, ob Schreiben ihre Heilung sei: „Ich bin ja nicht krank.”

Ihr Deutsch klingt hart, jede Frage verneint sie mit einem erstaunten Blick aus dunkel umrandeten Augen. „Das ist gar keine Verdichtung, das ist auch gar nicht so poetisch.” Oder: „Ich habe keine Mission. Ich glaube, missionarisch macht dumm.” Nur einmal lässt sie sich hinreißen zu dem, was man politisches Statement nennt: Die Delegation des Gastlandes China bezeichnet sie als „Staatsausflug mit Schriftstellerzierde”.

Herta Müller ist keine Nationaldichterin, Nationalsprecherin – sie ist nicht Günter Grass. Als der bekannte, mit 17 Jahren zur Waffen-SS gegangen zu sein, sagte Müller in einer Rede (vordergründig bezogen auf die Nazi-Vergangenheit ihres Vaters), sie könne auch ein solch jugendliches Ja nicht verstehen. Sie habe, schon in diesem Alter, widerstanden.

Es gibt Menschen, die schützen sich mit Masken. Herta Müller schützt sich durch Verweigerung. Sie sagt: Nein. Es ist ihr demokratisches Recht.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.waz.de]

Leseprobe I Buchbestellung I home 1009 LYRIKwelt - das LiteraturPortal im Internet! © Westdeutsche Allgemeine