Herta Müller, 2003, Foto: Ekko von Schwichow

Foto: Ekko von Schwichow
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Auszeichnung für die Schriftstellerin Herta Müller
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on Petra Kuiper aus der NRZ vom 27.09.2009:

Mit Ungerechtigkeit will sich die Schrifstellerin Herta Müller nicht abfinden. In Düsseldorf wurde die 56-Jährige mit der Heinrich-Heine-Ehrengabe ausgezeichnet. Sie schrieb unter anderem den Roman „Atemschaukel“, in dem es um die Erinnerungen des Lyrikers Oskar Pastior geht.

Die Schriftstellerin Herta Müller wurde mit der Heinrich-Heine-Ehrengabe ausgezeichnet. Herta Müller hat nie aufgehört, sich der Diktatur entgegenzustellen. Das zeigte ihre Haltung 1979, als sie sich weigerte, für den rumänischen Staat als Spitzel zu arbeiten und so ihren Job als Übersetzerin verlor. Das zeigen erste Bücher wie „Niederungen”, die Anfang der 80er noch in Bukarest zensiert erschienen - und das zeigt fast drei Jahrzehnte später ihr Roman „Atemschaukel”: Er verarbeitet Erinnerungen des Lyrikers Oskar Pastior und wurde just für den Deutschen Buchpreis nominiert. Hier sind es Alltagsgegenstände, die den russischen Lageralltag gegenwärtig werden lassen: das Kopfkissen, das als Sack zum Betteln diente. Der Blechkamm, an dem zwangsläufig schmerzhaft die Haare hängen blieben.

Politische Poetin

Auch bei der Verleihung der Heine-Ehrengabe las die 56-Jährige aus Erinnerungen. Und schon waren sie wieder schmerzhaft fühlbar, die Trauer und Wut über die Ceausescu-Diktatur. Dass im Theater einige Plätze leer blieben, nahm Joseph A. Kruse als Vorsitzender der Heine-Gesellschaft auf seine Kappe. Man habe bei der Organisation nicht auf Terminüberschneidungen geachtet, „und heute findet eine Bundestagwahl statt.” Etliche waren trotzdem gekommen, darunter Fritz Behrens als Chef des NRW-Kulturausschusses, Sabine Brenner-Wilczek als künftige Leiterin des Heine-Instituts, die vorherige Preisträgerin Alice Schwarzer und Bert Gerresheim als künstlerischer Schöpfer der übrigens undotierten Ehrengabe.

Einstimmig habe die Jury für Müller votiert, betonte Kruse. Schließlich sei sie wie Heine politische Autorin, ihr Werk zeichne sich durch „Grenzüberschreitung und Spracherfahrung, literarisches Experiment, demokratisches Bewusstsein und widerständigen Mut” aus, so die Begründung.

An Gerechtigkeit glauben

„Politische Poetin” nannte ZEIT-Mitherausgeber und Ex-Kulturstaatsminister Michael Naumann als Laudator die gebürtige Rumänin, die ihr Land 1987 verließ und heute in Berlin lebt. Müller berichte konsequent vom Alltag der Anpassung und der Angstwelt des Kommunismus. „Hier schreibt jemand, der an Gerechtigkeit glaubt.” Dann schilderte Naumann eigene Erlebnisse mit dem rumänischen Totalitarismus, erzählte von Bauern, die vor einem Besuch des Diktators den Klatschmohn aus den Wiesen rupfen mussten: Denn der machte Ceausescu nervös.

Dann Müller, puppenzart. Kruse rückte flott den riesigen Blumenstrauß beiseite, damit man die Preisträgerin ganz sehen konnte. Mit leiser Stimme las sie Auszüge und verließ das Rednerpult gleich wieder. Sie habe immer Bücher schreiben wollen, „die der Zeit, in der ich lebe, in die Augen schauen”, sagte Müller zuvor im Interview. Gib' Ruhe, Ceausescu ist doch tot, ermahne man sie bisweilen, ergänzt Naumann. Die Antwort sei immer dieselbe: Davon werden seine Opfer nicht wieder lebendig.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.nrz.de]

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