|
|
| Foto: Doris Poklekowski www.foto-poklekowski.de |
Werkstatt
der Wörter
Herta Müller collagiert:
Autorenporträt mit Dia-Schauvon
Von I.R. (Inge Rauh) aus
den Nürnberger Nachrichten
vom 30.08.2004:
Hobelschatten ist eines der Wörter, die Herta
Müller liebt. Es erinnert sie an ihre Kindheit im Banat, an das Dorfleben der
deutschsprachigen Minderheit in Rumänien. Mit Idyllen sind solche Erinnerungen
nicht zu verwechseln, es waren Zeiten des Alleinseins und der Pflichten, die
schon kleinen Mädchen auferlegt wurden. Doch da entwickelte sich wohl der Blick
für die winzigen Besonderheiten, die das Schreiben nachher prägen. Ebenso wie
die hautnahen Erfahrungen im Umgang mit der Diktatur.
Hobelschatten spielen eine faszinierende Rolle beim Beobachten der Materialien
in einer Tischlerwerkstatt, die das Kind mit dem Großvater besuchte. Dort wurde
ungarisch gesprochen und Schach gespielt. Der König, ein blasser Typ,
übernimmt die Führung im Reich der doppelbödigen Fantasie. Wenn Herta Müller
solche Geschichten liest, entsteht Literatur, die aus dem Zentrum
nachempfundenen Gefühls kommt. Der Zuhörer macht sich sofort sein Bild, es
muss dem der Erzählerin nicht gleichen, das ist das Schöne.
Die spröde Herta Müller, 1987 aus Rumänien nach Deutschland ausgereist, ist
an diesem Abend locker und aufgeschlossen. Ihre Gesprächspartnerin Verena
Auffermann kennt sie seit zwanzig Jahren, Nähe ist erlaubt und möglich.
Also kann man reden über Schranken im Kopf und über die „verdammte
Sprachübung“, die im erzwungenen Dialog mit Spitzeln verfeinert wird. Reden
und nichts sagen. Dadurch entwickelte sich eine Haltung, die das Motto des
Autorenporträts - als Müller-Zitat - genau umreißt: „Ich kann meinen Kopf
nicht ins Schließfach legen, ich muss damit weiterdenken.“
Indem Herta Müller weiterdachte, entstand ein neues Archiv. Voller Buchstaben
und Wörter, ausgeschnippelt aus Magazinen, mittlerweile wohlverwahrt in einer
Werkstatt. Daraus fertigt die Schriftstellerin Papiercollagen, und wenn man
denkt, das habe etwas Kunstgewerbliches, wird man sich gründlich täuschen. Die
Wortzauberei der Herta Müller, in einer vergnüglichen Dia-Schau vor Publikum
enthüllt, hat großen Charme. „Eidechsig zart wie die Gegenwart“ fallen
Reime aus der Klebemasse, der Zuhörer staunt und hört auf Herta Müllers
Intonation.
„Absurditäten des Glücks“ hat Verena
Auffermann die Collagestückchen genannt. Ein geschenkter Glücksfall beim
Poetenfest.
[...diesen und weitere Artikel finden Sie unter www.Nürnberger Nachrichten.de]
Leseprobe I Buchbestellung 0904 LYRIKwelt © Nürnberger Nachrichten