Herta Müller, 2007, Foto: Doris Poklekowski

Foto: Doris Poklekowski
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Werkstatt der Wörter
Herta Müller
collagiert: Autorenporträt mit Dia-Schauvon 
Von I.R. (Inge Rauh)
aus den Nürnberger Nachrichten vom 30.08.2004:

Hobelschatten ist eines der Wörter, die Herta Müller liebt. Es erinnert sie an ihre Kindheit im Banat, an das Dorfleben der deutschsprachigen Minderheit in Rumänien. Mit Idyllen sind solche Erinnerungen nicht zu verwechseln, es waren Zeiten des Alleinseins und der Pflichten, die schon kleinen Mädchen auferlegt wurden. Doch da entwickelte sich wohl der Blick für die winzigen Besonderheiten, die das Schreiben nachher prägen. Ebenso wie die hautnahen Erfahrungen im Umgang mit der Diktatur.

Hobelschatten spielen eine faszinierende Rolle beim Beobachten der Materialien in einer Tischlerwerkstatt, die das Kind mit dem Großvater besuchte. Dort wurde ungarisch gesprochen und Schach gespielt. Der König, ein blasser Typ, übernimmt die Führung im Reich der doppelbödigen Fantasie. Wenn Herta Müller solche Geschichten liest, entsteht Literatur, die aus dem Zentrum nachempfundenen Gefühls kommt. Der Zuhörer macht sich sofort sein Bild, es muss dem der Erzählerin nicht gleichen, das ist das Schöne.

Die spröde Herta Müller, 1987 aus Rumänien nach Deutschland ausgereist, ist an diesem Abend locker und aufgeschlossen. Ihre Gesprächspartnerin Verena Auffermann kennt sie seit zwanzig Jahren, Nähe ist erlaubt und möglich. Also kann man reden über Schranken im Kopf und über die „verdammte Sprachübung“, die im erzwungenen Dialog mit Spitzeln verfeinert wird. Reden und nichts sagen. Dadurch entwickelte sich eine Haltung, die das Motto des Autorenporträts - als Müller-Zitat - genau umreißt: „Ich kann meinen Kopf nicht ins Schließfach legen, ich muss damit weiterdenken.“

Indem Herta Müller weiterdachte, entstand ein neues Archiv. Voller Buchstaben und Wörter, ausgeschnippelt aus Magazinen, mittlerweile wohlverwahrt in einer Werkstatt. Daraus fertigt die Schriftstellerin Papiercollagen, und wenn man denkt, das habe etwas Kunstgewerbliches, wird man sich gründlich täuschen. Die Wortzauberei der Herta Müller, in einer vergnüglichen Dia-Schau vor Publikum enthüllt, hat großen Charme. „Eidechsig zart wie die Gegenwart“ fallen Reime aus der Klebemasse, der Zuhörer staunt und hört auf Herta Müllers Intonation.

„Absurditäten des Glücks“ hat Verena Auffermann die Collagestückchen genannt. Ein geschenkter Glücksfall beim Poetenfest.

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