Alexander Kluge interviewt Heiner Müller (Ausschnitt), 1992, Foto: Ekko von Schwichow

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Bonmots und Schamottöfen
Von der vermeintlichen Wirkung eines Klassikers: Der Dramatiker und Kritiker Heiner Müller (1929–1995), der am 9. Jänner 80 Jahre alt geworden wäre, genießt hohes Prestige, droht aber allmählich vergessen zu werden
Bericht von Ronald Pohl aus Der Standard, Wien vom 9.1.2009:

Gegen Ende seines Lebens, als dem passionierten Zigarrenraucher und Whiskeytrinker der Speiseröhrenkrebs bereits die Luft abschnürte, hatte ihn der durchschlagende Erfolg schachmatt gesetzt. Der Dramatiker Heiner Müller (1929-1995) erfuhr das Pech des Glücklichen: Er musste den Erfolg ertragen, der ihn, den Sänger zerstörter Hoffnungen und niemals verwirklichter Utopien, um die verdiente Wirkung prellte.

In den frühen 1990er-Jahren war der Dichter der Revolution zur vielfach hofierten öffentlichen Person geworden. Der hagere Mann mit den wasserblauen Augen hinter der schwarzen Brille genoss das Sozialprestige einer Institution. Er, der illegitime Erbe der Brecht-Tradition, leitete das Berliner Ensemble. Er fungierte als unkorrumpierter Nachlassverwalter einer DDR, die derart gründlich "abgewickelt" wurde, dass von den öden Konsumersatzstoffen der sozialistischen Planwirtschaft nur die Spreewald-Gurken übrig blieben.

Exporteur in den Westen

Alexander Kluge interviewt Heiner Müller, 1992, Foto: Ekko von Schwichow

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Müller belieferte den gesamtdeutschen Meinungsmarkt derweil verlässlich mit knappen Sentenzen zur Lage von Nation und Weltkapitalmarkt. Seine Aphorismen bildeten einen nie versiegenden Quell intellektuellen Vergnügens: Er verstand sich auf die rare Kunst, entlegene Verweise - auf Tacitus, auf die zum Widerspruch reizenden Weltkriegserfahrungen Ernst Jüngers - mit der Kritik an den gerade herrschenden Verhältnissen kurzzuschließen. Die Zigarre der Weltweisheit lief niemals Gefahr zu verlöschen.

Der Sachse, der von der SED in den 1960ern schikaniert wurde, später aber die Annehmlichkeiten eines devisenträchtigen Dramenexporteurs in vollen Zügen genoss, bezahlte den Höchstpreis. Müller, der die Perspektive des Sozialismus sein Leben lang nicht preisgab, ließ sich bereitwillig zum Verzetteln anstiften: in TV-Studios, an Regiepulten, auf Intendanzsesseln. Darüber blieb das eigentliche Metier des Autors, das Stückeschreiben, skandalös unterversorgt.

Es gibt in Heiner Müllers Spielklasse keinen anderen Autor, der von einer eingeschworenen Gemeinde mit derart zäher Inbrunst geliebt wird. Müllers Stücke werden - ebenso wie ihr Autor - stets anerkennend vermerkt und für ihre Sprachgewalt gepriesen. Gelesen werden sie mit der Ausnahme einiger weniger "Schlager" wie Hamletmaschine, Quartett oder vielleicht noch Der Auftrag von bedrückend wenigen Menschen. Wer kann sich noch an Der Lohndrücker erinnern? Maurer eines volkseigenen Betriebes beschließen, die Produktionsnorm zu erhöhen, indem sie die schadhafte Außenwand eines mehrteiligen Brennofens in Rekordzeit mit frischen Ziegeln einkleiden. Doch wer möchte heute schon das Drama eines volkseigenen Betriebes sehen?

Zeit als Gemeinschaftsgut

Alexander Kluge interviewt Heiner Müller, 1992, Foto: Ekko von Schwichow

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Zeit ist in dieser frühsozialistischen Aufbaugesellschaft nicht Geld, sondern Gemeinschaftsgut. In tastenden Schritten erkundet der Autor das Terrain einer erst noch zu erfindenden, global wirksamen Solidarität. Kommunismus, hat Müller in einem seiner zahllosen Interviews und Gespräche dekretiert, sei für ihn "Chancengleichheit". Der Wohlstand Europas werde mit dem Elend in der Dritten Welt zynisch erkauft. Der Sohn eines sächsischen Beamten las auch nicht Marx, sondern er konterte Einwände mit sozialistischen Witzen und oft genug schlüpfrigen Brecht-Anekdoten.

Vor allem aber ist es kein Zufall, dass der wortgewaltige Dichter Müller in seinen produktivsten Jahren, den 60ern und frühen 70ern, einen Salto rückwärts in den Mythos schlug. Aus Stoffen wie dem sophokleischen Philoktet fertigte er Gebrauchsstücke. Er begrub das linke Zukunftspathos unter vollendeten Versen; zugleich machte er deutlich, dass jeder "Fortschritt" nur dann proklamierbar bleibt, wenn man Terror und Verrat hinzudenkt.

Müller-Figuren wirken in Zeiten der globalen Geldentwertung wie mit Muskeln bepackte Sprachkraftpakete. Sie erzählen vom kurzen Sommer der Utopie: Als man die bürgerliche "Verblendung" zu durchschauen meinte, den Sozialismus aber bereits vom Stalinismus korrumpiert vorfand.
Heiner Müller hat mit seinen Stücken Epitaphe errichtet: für die vielen Toten, mit denen er in eine Art von theatralischem Dialog trat. In der heutigen Weltgesellschaft, die zwar Krisen produziert, sich aber als absolut alternativlos gebärdet, genießt sein Werk einen singulären Ruf.

Im deutschsprachigen Raum werden pro Jahr rund 25 bis 30 Neuinszenierungen verzeichnet - was in etwa den Aufführungszahlen von Elfriede Jelinek und Roland Schimmelpfennig entspricht. Müller, der am Freitag, 9.1.,  seinen 80. Geburtstag gefeiert hätte, bleibt ein charmanter Provokateur. Mit der Veröffentlichung von drei Gesprächsbänden wurde die Suhrkamp-Werkausgabe vorderhand fertiggestellt.

[...diesen und weitere Berichte finden Sie unter www.derstandard.at]

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