Alfred Müller-Felsenburg, 1999Über Alfred Müller-Felsenburg
Laudatio von Rudolf Damm, anläßlich der Alfred-Müller-Felsenburg-Preisverleihung an Thorsten Trelenberg, 25.November 2012:

Über Alfred Müller-Felsenburg zu sprechen ist kein Problem, denn er hat als Schriftsteller ein reichhaltiges Werk hinterlassen, er hat auch das eine oder andere über sich selbst gesagt und geschrieben, über ihn ist schon viel gesagt worden, seine Vita kann man im Internet u.a. bei „Wikipedia“ und der Website der „Lyrikwelt“ nachlesen, nach ihm ist der Literaturpreis benannt, den soeben Thorsten Trelenberg erhalten hat.

Es gibt drei Nachkommen, einen Sohn und zwei Töchter die man befragen kann, sein Sohn Herr Michael Fallenstein, ist  anwesend und kennt ihn sehr viel besser als ich. Seine in Frankreich verheiratete Tochter Angela Esther Metzger, überraschenderweise auch anwesend, schreibt auch, Prosa und Sachbücher und weiß über ihren Vater sicherlich mehr zu sagen als ich.

Altersmäßig bin ich, 1943 geboren, außerdem das Bindeglied zwischen dem Preisstifter – Jahrgang 1926 – und dem 1963 auf die Welt gekommenen Preisträger.

Aber ich habe Alfred Müller-Felsenburg auch kennengelernt, das war in den neunziger Jahren des letzten Jahrhunderts anlässlich einer der jährlichen Vergaben des nach ihm benannten Literaturpreises für aufrechte Literatur in Hagen. Und dann sind wir uns immer wieder über den Weg gelaufen, haben miteinander geredet und es gab immer etwas zu bereden – nicht zuletzt aus seinem Interesse an meinem Beruf als Lehrer, denn das war er ja auch bis 1978. Ein weiterer Berührungspunkt war das nicht-verstehen-können der Verbrechen des 3. Reiches, die Trauer um die Opfer und der Wunsch der Aussöhnung mit den Überlebenden.

Anfang des neuen Jahrtausends haben wir uns dann beim morgendlichen Schwimmen im Freibad auf der Hestert in Hagen-Haspe getroffen und wir zogen redend gemeinsam ein paar Bahnen durch das Wasser. Dabei muss ich auch erwähnt haben, dass ich seit kurzem meine Eltern aus Alters- und Gesundheitsgründen in ein Altersheim nach Hagen geholt hatte. Alfred Müller-Felsenburg fragte nach der Adresse und kündigte an, sie zu besuchen.

Und im Gegensatz zu vielen anderen tat er das auch: er besuchte meine ihm völlig unbekannten Eltern und nachdem er festgestellt hatte, dass mein damals über neunzigjähriger Vater Interesse an Literatur zeigte, brachte er beim nächsten Besuch u.a. auch Bücher von sich mit, die mein Vater aufmerksam las.

Wie mir daraufhin mein Vater in altersbedingter gnadenloser Ehrlichkeit mitteilte, gefielen ihm die angeregten Gespräche mit Müller-Felsenburg besser, als sein schriftstellerisches Werk: „ Ein Goethe ist er aber nicht!“ war sein unbarmherziges Urteil.

Ein „Goethe“ wollte Müller-Felsenburg aber auch nie sein: der aus einer Bochumer Arbeiterfamilie stammende Alfred Müller besuchte dort die Volksschule und ließ sich ab 1941 als Fünfzehnjähriger an den Lehrerbildungsanstalten Hofheim und Großkrotzenburg zum Pädagogen ausbilden. Als Siebzehnjähriger wurde er im Juni 1944 in Büdingen Soldat. Als „Reserveoffiziersbewerber“ kam er nach Butzbach, von dort an die „Westfront“ in Dörnigheim – übrigens alle genannten Orte liegen in Hessen – fühle ich mich als von dort stammender auch deshalb so mit ihm verbunden?

Drei harte Jahre als französischer Kriegsgefangener folgten – verschärfend kam nämlich hinzu, dass er einen misslungenen Fluchtversuch abbüßen musste!

So kam er im November 1949 zuerst nach Volmarstein zu seinen Eltern und dann mit ihnen nach Hagen. Von 1949 bis 1951 studierte er an der Pädagogischen Hochschule in Essen-Kupferdreh. Erste Lehrerstelle in Halver und ab 1964  in Hagen.

Beim Stichwort „Halver“ muss ich etwas einfügen: wann aus dem Lehrer „Müller“ der in den Personalpapieren eingetragene Künstlername „Müller-Felsenburg“ wurde, hat Hans-Werner Gey mir sagen können: der Jugendroman „Witt-Witt und die Knallbonbons“ erschien 1958 unter „Alfred Müller“, aber der nächste Roman, „Die Verfolgten“ ein Jahr später, also 1959, war schon ein „Müller-Felsenburg“. Gesagt wurde mir, dass es damals in Halver eine Straßenbahnhaltestelle/-Endstation „Felsenburg“, bzw. „Felsenberg“ gegeben haben muss – ob er sich nun danach, oder, wie ich eher vermute, nach Johann Gottfried Schnabels  Roman „Insel Felsenburg“ (1731-1743 erschienen) genannt hat, habe ich aus seinen autobiographischen Aufzeichnungen, die ich gelesen habe, nicht erfahren. In „Wikipedia“ heißt es zu diesem Roman: „… (Schnabel) verbindet die Robinsonade mit dem Entwurf einer frühaufklärerisch und pietistisch geprägten Gesellschaftsutopie (Querverweis zur „Utopia“ von Thomas Morus fällt mir dazu sofort ein!) und heftiger Kritik an den Zuständen im Europa zu Beginn des 18. Jahrhunderts…“

Dazu ein Zitat aus seinem Munde: „Menschen meiner Profession haben sich nicht nur der Schrift, sondern auch der Sprache innerhalb der Gesellschaft zu stellen. Letztere ist stets Ausdruck humanen Seins und Werdens. Sie prägt Charakter aus gewonnener, verdichteter Meinung, hingenommener Lüge. Kurz: Ich kann viele Meinungen hegen, aber im Grunde nur eine Haltung einnehmen und vertreten. Meine eigene wurde geprägt von Erlebnissen und vom Wesen elterlicher Erziehung, vom Umgang mit Menschen des In- und Auslandes, in Krieg und Frieden, von Schulen und Pädagogen, innerhalb der Natur und als Beteiligter an der Technik, Wirtschaft, Politik, Kunst.“ (Zitat aus „Begegnung mit Hagener Autoren – Aus meiner Schreibstube“ von Alfred Müller-Felsenburg in „Lyrikwelt“, im  WWW.)  Die Frage erscheint mir hiermit beantwortet: des engagierten Schnabels Roman ist doch wahrscheinlicher, als die Straßenbahnhaltestelle, oder??

1949 konvertierte Müller-Felsenburg zur katholischen Kirche. Zitat einerseits: „Jeder Mensch hat einen Vogel. Nur glauben viele geistliche Herren, ihr Piepmatz sei der Heilige Geist.“

Zitat andererseits: „… Wenn ich schreibe, übe ich Kritik an Zuständen in der Welt, im Volk, in der Kirche, in der Familie, in mir. Ich bejahe das Vertiefen unantastbarer Strukturen, wie sie in der Lehre Jesu Christi zutage treten. Solche Anschauungen suche ich zu formulieren und anderen zugänglich zu machen.“

Und in seinem „Werkverzeichnis 2004 mit Werkproben“ schreibt er: „ Soziale Missstände regen mich auf. Jedwede Omnipotenz, sei es die der Staaten, Kirchen, Gewerkschaften, Verbände, Parteien, ist mir widerwärtig; und ich greife sie an.“

Wie hat mir jemand gesagt, der ihn genauer kannte: „Er konnte ein schrecklicher Nörgler und Besserwisser sein“, oder positiv ausgedrückt: er war ein christlicher Moralist: Zitat: “Wenn ich jegliche Allmacht, außer der göttlichen, für gefährlich halte, muss ich mich schließlich bemühen, sie an Ort und Stelle durch mein Mittun auszuschalten.“ („Werkverzeichnis 2004“)

Er war ein Vielschreiber: er verfasste mehr als 80 eigene Werke, Beiträge in über 150 Anthologien, unzählbare Zeitungsberichte, Serien, Lesungen, Vorträge, gelegentliche Rundfunksendungen folgten.

1978 schied er aus dem Schuldienst aus. 2004 zog Müller-Felsenburg – bedingt durch eine Krebserkrankung- mit seiner Frau nach Gevelsberg und dann, nach ihrem Tod 2007 ins Hospiz „Stella Maris“ nach Mechernich in der Eifel. Im selben Jahr erhielt er auch für sein Lebenswerk den nach ihm benannten Literaturpreis „für aufrechte Literatur“. Kurz nach seinem 81. Geburtstag starb er am 29. Dezember 2007. Beerdigt wurde er neben seiner Frau in Gevelsberg.

Das nachfolgende Gedicht ist vom 21. Juli 2007 datiert. Es heißt

„Abschied“

Ich gehe
Und kehre nie wieder
In dieses Land zurück,
dessen Hügel
Vulkane bergen.

Auf staubigen Straßen,
schottersteinig,
laufe ich dahin.

Dem Morgen verloren,
der Nacht gehörend.
Ich träume von Heimat
(entleerte Vokabeln!).

Ihre Blüten
entfalten sich
Über dem Feuer.

Einsam.

Schließen möchte ich meine Gedanken über Alfred Müller-Felsenburg mit einem Gedicht des diesjährigen Preisträgers „Für aufrechte Literatur“, Thorsten Trelenberg:

Erdenleben

Die Zeit ist immer
Eine andere

Ganz egal
Wie kurz oder lang

Ein Erdenleben dauert
Nie länger

Als einen Augenblick

P.S.: Herr Fallenstein hat nach meinen Worten spontan das Wort ergriffen und u.a. erhellend zum Namenszusatz  „Felsenstein“ erklärt, dass es in Bochum, dem Geburtsort Alfred Müller-Felsenburgs einen gleichnamigen Ortsteil gibt – es gibt eben, wie er sagte, nie nur eine eindeutige Erklärung!