Laudatio auf Christina Müller-Gutowski und Brigitte Werner.
Förderpreisträgerinnen des Literaturpreis Ruhr 2007.
Von Jens Dirksen im Oktober 2007:

Sehr geehrte Frau Bürgermeisterin, 
verehrte Preisträgerinnen,
meine Damen und Herren,

"ich steh manchmal so auf einer Bücke am Lohring, gern an einem lauen Sommerabend, wenn die Sonne im Westen über Stahlhausen versinkt, und dann schau ich auf unsere Stadt, ich seh die Türme der Probstei- und der Christuskirche, das Mercedes-Hochhaus am Bahnhof, ich seh die neue Verwaltung der Stadtwerke, den Förderturm des Bergbaumuseums und denke - boah! 
Schön is dat nich." 
Manche von Ihnen werden diese Sätze  kennen, sie stammen von einem, der auch schon den Literaturpreis Ruhrgebiet bekommen hat: von Frank Goosen aus Bochum. Er beginn damit sein neues Bühnenprogramm, und das heißt so schlicht wie einfach "A 40". Es ist Teil der enormen Konjunktur, die die gute alte B1 in letzter Zeit erlebt hat, dieser viel gescholtene Ruhrschleichweg, der bekanntlich zwischendurch auch gerne mal zum längsten Parkplatz der Republik wird. Er soll wohl auch nicht von ungefähr zum Schauplatz für eines der größten Ereignisse der Kulturhauptstadt 2010 werden, der "Lange Tisch" auf der A 40, an dem das Revier zwischen Duisburg und Dortmund sich selbst feiern will, seine Vielfalt und Größe. Gefeiert zu werden verdient ja dann allein schon die Tatsache, dass es einmal aus freien Stücken gelungen sein wird, den scheinbar endlos pulsierenden Blechstrom für einen Junisamstag lang stillzustellen, zum fröhlichen Innehalten und nicht einmal so erzwungen wie noch in Zeiten der Ölkrise 1973. 

Ansonsten aber sind die Straßen des Reviers ja ohnehin eher fürs Zusammenhalten zuständig, auf insgesamt rund 4700 Kilometern, wie mir der Regionalverband  Ruhr dankenswerter Weise ausgerechnet hat, 4700 Kilometer! Nicht unbedingt  schön, aber - boah! 

Das Zusammenhalten des Reviers durch seine Straßen klappt trotz aller Wunden fast ganz ohne Pflaster, da liegt jedenfalls fast überall Asphalt drüber. Das wiederum ist der Grund, warum wir den Bewerbern um die Förderpreise zum Literaturpreis Ruhr die Aufgabe gestellt haben, "Asphaltgeschichten" zu schreiben - schließlich findet auf den Straßen des Reviers nicht der kleinste Teil seines Alltagslebens statt. Sie gehören sogar zu seinem Festprogramm, auch jenseits der allfälligen Schützenumzüge - oder ist hier heute Abend jemand mit dem Hubschrauber angereist? Nach Bahnfahrern will ich jetzt  gar nicht mal fragen.....

Nein, Straßen sind nun mal das schlagende Symbol für die Gegenwart eines Reviers, das - bei aller Neigung zur Bodenständigkeit - von Beruf vor allem eines ist, nämlich unterwegs. 
Dachten wir.

Rosa und Bocki aber, das  Straßenbewohner-Pärchen aus Brigitte Werners Geschichte "Morgenröte", was tun sie? Sie bewegen sich so gut wie gar nicht vom Fleck! Sie leben zwar im Präsens, aber sie bleiben die ganze Zeit unter einer viel befahrenen Brücke hocken. (Woran Sie, nebenbei bemerkt, erkennen können, dass in den Köpfen von Literaturpreis-Juroren Einbahnstraßen strengstens verboten sind.) Bei Rosa und Bocki jedenfalls gehen an diesem frühen Morgen höchstens die Gedanken spazieren: im eigenen Kopf, in dem des geliebten Gegenübers und schließlich - in unserem Kopf. Ja, das ist das Charmante an Brigitte Werners Erzählweise, die an den Rändern leicht aufgeraut ist: Sie eröffnet nicht nur den Zugang in fremde Hirne und Herzen, sie macht einen schon im zweiten oder dritten Satz vertraut mit den Innenseiten von Menschen. Und sie mag ihre Figuren. Ein bisschen bewundert sie die beiden sogar, die ja nur den Vorbeifahrenden wie Verlierer vorkommen. Sie selbst haben sich längst gefunden - sich und einander. Bocki, der seine Sucht nach den kleinen grünen Flaschen besiegt hat und den sie Einstein-Zwo nennen, weil er doch so gern studiert hätte. Jetzt bastelt er eben ohne wissenschaftliches Werkzeug an seinen Theorien über das strukturierte Chaos herum. Strukturiertes Chaos? Fällt  Ihnen da auch das Ruhrgebiet ein? Keine Sorge, Brigitte Werner aus dem zentral gelegenen Herne spielt ganz sacht damit, sie spielt nur an und nicht aus, an vielen Stellen dieser Geschichte, die vom klassischen Symbol der Hoffnung überstrahlt ist. 

Diese Straßenmenschen, diese ausgeschlafenen Penner, die sich schon morgens zurufen: "Ich hab ne neue These!" sind aber nicht etwa Präfigurationen eines akademischen Prekariats, auch da müssen sie keine Sorge haben - sie sind einfach nur unbehauste Denkliebhaber: "Aber sie liebte solche Gedanken," heißt es einmal über Rosa, "in denen die Wörter hin und her hüpften wie Zicklein und dabei immer auf den Beinen landeten."
Rosa und Bocki sind ein bisschen ver-rückt, ja, auch gesellschaftlich, an den Rand, aber bei aller Skepsis und unverlierbaren Einsamkeit gibt es zwischen den beiden eine heruntergedrückte Klinke, wie so oft bei den Menschen im Ruhrgebiet. Es könnte allerdings sein, dass die Jury nicht nur davon beeindruckt war, sondern auch von berückend schönen Sätzen. Hören Sie mal hin: "Die Nacht rutschte gerade über die Tischkante des neuen Tages, und Rosa hörte die ersten Vögel mit spinnenfeinen Noten das Ende ihres Schlafes bestaunen." 

Bestaunt haben wir hingegen auch den assoziativ-literarischen Essay von Christina Müller-Gutowski. Der trägt einen Titel, den man eigentlich nicht machen darf und genau deshalb einmal machen muss, so wie Peter Weiss das mal gemacht hat mit seinem "Schatten des Körpers des Kutschers". Christina Müller-Gutowskis Un-Titel heißt "Von Wörtern und Schuhen und Straßen und Rädern". So überschrieben ist ein Text, der eine Gattung für sich bildet, der so eigen ist wie der Titel, nicht richtig Erzählung, nicht richtig Essay, nicht richtig Bewusstseinsstrom, aber von allem etwas und das richtig. Etwas Einmaliges, Einzigartiges eben unter den 181 Geschichten, die wir gelesen haben, ohne dass wir wussten, ob es nun eine von denen aus England ist, die uns erreicht haben, einen von denen aus Berlin, aus München oder aus dem Ruhrgebiet. Schließlich bleiben die Verfasser für uns Unbekannte, bis wir die beiden besten Geschichten benannt haben. 

Und doch war uns Christina Müller-Gutowski schon nach der ersten Lektüre ihres Textes recht vertraut. Denn sie hat einen  Reflexionsgang auf den Sohlen der Erinnerung an das Kind unternommen, das sie, das man mal war. Sie nähert sich der Straße durch den Kopf und durch die Sprache, zögernd, tastend, skrupulös fragend, und manche ihrer Fragen bleibt ohne Antwort: Was ist die Ferne? 

Hier, in diesem Text, ist nichts mehr fern. Alles wird mit dem Fernrohr der Sätze herangeholt und liegt nun unter dem Mikroskop der Reflexion: Der Hinkelstein und die Parade der stillgestellten Wörter, die blaubunten Kästchen der Zechenhandtücher und das Tempo, die neuen Rollschuhe und eine Sprache, die trägt wie ein Asphalt. Der grausam zerfetzte Motorradfahrer auch und der "wilde Wilde Westen gleich hinter den Bergehalden am ausgefransten Rand des Reviers, wo es so aussehen könnte wie in Bergkamen, wo Christina Müller-Gutowski zur Welt gekommen ist. 

Ihr Erzählstrom lebt von Alltagszufällen und der Abgründigkeit von Bergsenkungsrissen, er lebt von der seltsamen Ähnlichkeit zwischen  Asphaltiermaschinen oben und der Schrämmhobel unter Tage mit den Inhalations-Systemen für die letzten Steinstaub-Lungenkranken. All das wird im Bett der Sprache hin und her gewendet, auf Leben und Tod. Am Ende könnte es allerdings auch hier wieder die sachte, kraftvolle Sprache gewesen sein, die uns in der Jury erst wieder aus ihrem Bann entlassen hat, als der Text zu Ende war: "Die eigene Geschichte betreten und verlassen, unabänderlich. Fortgehen auf einer viel begangenen Straße, mit satten Augen und ausgetretenen Schuhen. Nichts verweilt. Alles vergeht mit der Langsamkeit der Bewegung: Woher du kommst, wohin du gehst. Und wie der Teer riecht an einem heißen Sommertag." 

Mit Frank Goosen müsste man da  selbstverständlich  hinzufügen: 
Boah! Watt schön! 
Ich danke Ihnen für die Aufmerksamkeit!

Leseprobe I Buchbestellung 0108 LYRIKwelt © Jens Dirksen