Terézia Mora, 1999, Foto: Ekko von Schwichow

Terézia Mora
Foto: Ekko von Schwichow

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Die Krise der Business-Kasper
Er stirbt gar nicht am Ende – und ist doch der Handlungsreisende unserer Zeit: Terézia Mora ist mit ihrem hellsichtigen Roman „Der einzige Mann auf dem Kontinent” nicht nur das Porträt eines IT-Experten in Zeiten der Krise gelungen, sondern ein Porträt des globalisierten Arbeitnehmers in uns allen.
Das Gespräch führte Britta Heidemann in der WAZ vom 2.11.2009:

Der einzige Mann auf dem Kontinent von Terézia Mora, 2009, LuchterhandWie sind Sie auf die Figur des Darius Kopp gekommen, der ja für das Leben der Kulturschaffenden doch sehr, sehr artfremd ist?

Nicht, wenn man wie ich in der Situation ist, dass man ein dutzend Ingenieure kennt, die meisten davon aus der IT-Branche. Die Figur ist schon so alt wie Abel Nema, ich trage sie seit zehn Jahren mit mir herum. Darius Kopp und die seinen, sie tragen Laptop-Koffer und billige Anzüge. Wir neigen dazu, sie Business-Kasper zu nennen. Das sind so Handelsreisende, die wir aus anderen literarischen Zusammenhängen schon kennen. Sie verkaufen heute aber nicht Unterwäsche, sondern drahtlose Netzwerke.

Haben Sie den Roman zur Finanzkrise geschrieben?

Nein. Aber es ist natürlich durchaus ein Krisenroman. Ich bin in einem Wirtschaftssystem aufgewachsen, das ich ebenfalls als permanente Krise empfunden habe, wenn auch eher statischer Art. Ich habe nun das Gefühl von hoher Geschwindigkeit, bei dem man aber trotzdem auf der Stelle steht. Aber das wesentliche Problem, mit dem sich Darius Kopp ja noch gar nicht auseinandergesetzt hat, ist: die Arbeit zieht weiter. Und wir bleiben hier. Er erlebt also die Endzeit von etwas, aber für ihn ist das der Beginn, denn Kopp wuchs in der DDR auf.

Und würde sich wünschen, dass es mit ihm und dem neuen System noch lange so weitergeht. Er möchte glücklich sein, prosperieren, alles das. Was würden Sie sagen: Ist Darius Kopp typisch für unsere Zeit - oder nur für unser System? Er ist für sein System typisch, aber auch innerhalb des Systems gibt es ja noch andere, die hageren, nervösen Typen, die Aufschneider. Er ist ja eher der Gemütliche. Aber er unterliegt denselben Gesetzmäßigkeiten. Sein Handlungsspielraum ist eingeschränkter, als er denkt. Es gibt nur einmal, ganz am Ende, die Situation, in der er sich eingesteht: Ich kann nichts, ich bin nicht orientiert, ich habe keinen Zugang zu Informationen, bekomme keinen Kontakt mehr zu meiner Firma. Ich bin, tatsächlich, der einzige Mann auf dem Kontinent. Ich stehe alleine Kafkas Schloss gegenüber. So ist seine Situation, der Rest liegt außerhalb des Buches.

Und die Beziehung?

Ja, die Beziehung? Das ist ja im Grunde die Story: Zwei Menschen, die in der Tat nichts gemeinsam haben - außer, dass sie sich lieben. Das kann ja vorkommen. Darius Kopp merkt nicht, mit wem er da lebt, merkt nicht, dass seine Flora einen anderen Lebensentwurf hat und deshalb aus dem gemeinsamen Leben aussteigen könnte - möglicherweise, wir wissen es nicht.

Was glauben Sie?

Ich denke, dass sie gehen wird. Aber viele haben das Ende sehr positiv aufgefasst.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.waz.de]

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