Terézia Mora, 1999, Foto: Ekko von Schwichow

Terézia Mora
Foto: Ekko von Schwichow

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„Ich will über die Gegenwart erzählen“
Die Chamisso-Preisträgerin Terézia Mora spricht über Mehrsprachigkeit, Deutschland, Ungarn und das Geld.
Das Gespräch führte Alexander Altmann, Münchner Merkur, 2.3.2010:

Der einzige Mann auf dem Kontinent von Terézia Mora, 2009, LuchterhandSeit sie 1999 den Ingeborg-Bachmann-Preis gewann, ist Terézia Mora eine feste Größe in der deutschen Gegenwartsliteratur. „Der einzige Mann auf dem Kontinent“ heißt der jüngste Roman der 1971 in Ungarn geborenen Autorin. Morgen wird Terézia Mora in der Münchner Allerheiligenhofkirche der Adelbert-von-Chamisso-Preis der Robert-Bosch-Stiftung (15 000 Euro) verliehen. Die Auszeichnung ehrt Deutsch schreibende Autoren, „deren Muttersprache und kulturelle Herkunft nicht die deutsche ist“, so die Statuten.

-Frau Mora, was bedeutet Ihnen der Preis?

Ich freu’ mich natürlich, wenn ich Preise kriege. Es war mir gar nicht klar, dass ich noch als Autorin mit nicht ganz deutschem Hintergrund wahrgenommen werde.

-Sie stammen aus einer Familie der deutschen Minderheit in Ungarn...

Bis ich 15 Jahre alt war, hab’ ich kein Wort Deutsch von mir gegeben, obwohl ich’s konnte. Ich wollte nicht, weil die ganze Umgebung außerhalb der Familie Ungarisch sprach. Da meinte ich, es ist sicherer, wenn ich rede wie alle anderen.

-Und heute, denken Sie da beim Schreiben nur auf Deutsch oder manchmal zweisprachig?

Es macht richtig großen Spaß, dass ich weiß, ich kann noch auf eine andere Sprache zurückgreifen. Das geschieht oft im Schreibprozess; nicht absichtlich, sondern unwillkürlich schießt von unten her eine zweite Sprache dazu, eröffnet weitere Bedeutungsnuancen. Da komme ich mir immer unglaublich reich vor.

-Wie kamen Sie erstmals mit Deutschland in Kontakt?

Als 17-Jährige war ich 1988 in der DDR und habe dort meinen jetzigen Mann kennengelernt. Dann bin ich zwei Jahre lang in diesen schmutzigen Zügen, die von Sofia über Budapest nach Berlin gingen, hin- und hergefahren: Das dauerte immer 19 Stunden und 28 Minuten. 1990 habe ich geheiratet und bin nach Berlin gezogen.

-Also mitten in der Wende-Zeit...

Ja, da war die Stimmung noch ziemlich aufgeheizt. Die Ossis waren damit beschäftigt, wer wie seinen (Arbeits-)Platz findet. Diese angsterfüllte Situation brachte den ganzen Ausländerhass mit sich.

-Wie fing es eigentlich mit dem Schreiben bei Ihnen an?

Ich habe mir schon als Zwölfjährige die Schreibmaschine meiner Mutter unter den Nagel gerissen und fiktive Briefe an mich selbst geschrieben, auf holzhaltigem Schulpapier. Ich fand das Schreiben als solches faszinierend, aber wenn ich mit der Maschine schrieb, war es wichtiger und gewichtiger, als wenn ich mit der Hand kritzelte. Mit der Maschine ist es „Arbeit“, die einem keiner verbieten kann. Ich habe also ein gutes Verhältnis zu Maschinen, was das anbelangt.

-Und welches Verhältnis haben Sie zu Ihrer ungarischen Heimat?

Ich fahre zweimal im Jahr hin. Wenn ich dort wohnen würde, müsste ich mich jeden Tag aufregen. Da leb’ ich lieber in Deutschland, wo Politik so langweilig ist, dass sie einem nicht täglich auf die Füße tritt. In Ungarn hat jeder Schaum vorm Mund, das geht so weit, dass man Leuten Handgranaten auf den Hof schmeißt. Außerdem herrscht ein öffentlicher Ton des Antisemitismus, des Roma-Hasses. Und nur wenige regen sich darüber auf. Ich bin froh, dass solche Haltungen in Deutschland tabuisiert sind.

-Ist Ihre Familie in Ungarn stolz auf Sie?

Ich denke schon. Sie lesen ja auch. Meine Mutter will up to date sein, sie liest alles, was auf der Liste zum Deutschen Buchpreis steht. Die sind engagierter als ich. Natürlich finden sie es toll, dass ich gelegentlich im Fernsehen bin. Für diese Generation gilt: Wer im Fernsehen ist, hat es geschafft. Wenn ich Preise bekomme, fragen sie sofort: Wie viel Geld kriegst Du da?

-Das ist ja auch nicht ganz unwichtig...

Mir war schon früh klar, dass ich zu den kleinen Leuten gehöre. Für die hat Geld natürlich eine andere Bedeutung als für die Wohlhabenden. Davon werde ich mein Leben lang entfernt sein – wie die meisten Autoren. Darum gibt es kaum Geschichten, die im Milieu der Reichen spielen. Wir sind alle diesem ständigen Überlebenskampf ausgesetzt.

-Sehen Sie sich als gesellschaftskritische Schriftstellerin?

Ich glaube, wegen der Siebzigerjahre ist man vorsichtig geworden mit diesem Ausdruck. Aber ich würde sagen: Mein Kernziel ist, etwas über den Menschen zu erzählen, über unser Menschsein. Und dann ist es auch mein Ziel zu schauen, in welcher Umgebung ich das tue. Ich will über die Gegenwart erzählen. Das beinhaltet auch eine kritische Betrachtungsweise des Alltags.

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