Eduard Mörike, Foto: Landesarchiv Baden Württemberg (hf0112)Sterne zum Festhalten
Eduard Mörike, der Dichter des blauen Bandes, wurde vor 200 Jahren geboren.
Von Jens Dirksen in der NRZ vom 7.9.2004:

Als er das blaue Band des Frühlings hochhielt und es durch die Lüfte flattern ließ ("Er ists"), qualmten in Deutschland gerade die ersten Fabrikschlote. Und es war Vormärz. Andere wähnten sich im Sonnenaufgang einer Revolution, Eduard Mörike wärmte sich an der häuslichen Lampe. Andere schrieben Gedichte über ihre Zeit, er drechselte Verse über seine Uhr. Der Unterschied macht eine kleine Ewigkeit aus: Mörike scheint im Gegensatz zu vielen seiner Zeitgenossen auch noch fürs 21. Jahrhundert zu taugen. Anders wäre die Flut von Biografien, Gedichtbänden, Werkausgaben und Ausstellungen zu seinem 200. Geburtstag kaum zu erklären.

Halb Spießer, halb Rebell

Er war zwischen den Stühlen zu Hause. Halb Romantiker, halb Realist. Halb Spießer, halb Rebell, ein bisschen himmelhoch jauchzend, ein bisschen unterirdisch verdruckst. Perfekt, voll und ganz, war eigentlich nur eines an ihm: seine Gedichte, von denen viele Sprachmusik reinsten Wassers sind, herzenskluge Bilderlieder, klingende Beweise dafür, dass es Paradiese aus Menschenhand geben kann.

Und vielleicht konnte einer wie er, dessen Kurzsichtigkeit ein Epochenblick war, sich eher in die Herzen der Deutschen schreiben als Goethe mit seiner genialischen Art, als Schiller mit seinem heroischen Ton.

Auf den Häusern wuchs Gras

Zum Helden taugte Eduard Mörike nicht, auch wenn sein Vater meldete, Charlotte Mörike habe ihm am 8. September 1804 mittags um halb zwölf "einen starken Sohn" geboren. Mörike kränkelte Zeit seines Lebens. Er war nervös, er hatte Schnupfen und Melancholie, meistens abwechselnd, und oft auch noch Herzweh dazu. In der Enge der Verhältnisse richtet sich der Groll nach innen. In Ludwigsburg, wo er zur Welt kam, wuchs das Gras auf den Häusern und Straßen, die Leute zogen fort, nach Stuttgart und wo sich sonst noch Geld verdienen ließ, ein Zeitalter ging zu Ende. Ausgerechnet im Leben dieses Frühlingsdichters war es eigentlich immer Herbst, über 70 Jahre lang.

Mörike studierte in der schwäbischen Elite-Schmiede, dem Tübinger Stift - und doch wurde kein richtiger Pfarrer aus ihm, wie der Großvater einer war. Eduard war der ewige Vikar. Acht Jahre lang nannte er sich auch so, in Oberboihingen, Möhringen, Köngen, Pflummern, Plattenhardt, Owen, Eltingen, Ochsenwang, Weilheim und Ötlingen. Als er 1834 dann ein Pfarramt in Cleversulzbach bekleidete, hatte er große Mühe mit den Amtsgeschäften, er war ja Dichter. Und ein verspieltes Kind. Ein Pfarrkollege schimpfte, er sei "ein fauls Luder". Neun Jahre später, da ist Mörike nicht einmal 40, lässt er sich pensionieren. Fortan wurschtelt er sich durch, mit der "Kraft der Untüchtigkeit", wie er es nannte. Mit der gelang ihm Beachtliches: ein Roman, der in allerfeinster Psychologie die Abgründe von Liebesbeziehungen ausleuchtet ("Maler Nolten"), eine Novelle, die kunstvoll verspielt und heiterzart wie ihr Held selbst ist ("Mozart auf der Reise nach Prag"), ein Märchen, bei dem viele glauben, es stamme aus dem Volksmund ("Das Stuttgarter Hutzelmännlein"). Und Gedichte, die so einzigartig sind, weil sie bei aller klassischen Größe geschmeidig bleiben, in romantischer Anmut und Zärtlichkeit.

Zerrissen bis zuletzt

Dabei blieb Mörike zerrissen bis zuletzt. Er zog ruhelos von einer Wohnung in die andere (weshalb in diesem Jahr mehr als zwei Dutzend schwäbische Städte und Dörfer "ihren" Mörike feiern), er wurde griesgrämig und wunderlich. Kurz vor seinem 70. Geburtstag, den er einsam und trostlos beging, trennte er sich auch noch von seiner Frau. Die Liebe seines Lebens war, nachdem es mit der schönen Schweizerin Maria Meyer zu seinem großen Bedauern nichts wurde, ohnehin die Lyrik. Sie brachte ihm zu Lebzeiten nicht sehr viel Ruhm, aber noch weniger Honorare. Als er am 4. Juni 1875 starb, sagten viele Stuttgarter: "Ach, er lebte noch?!"

Mörike hat seine Gedichte unermüdlich poliert, weil sie zu Fixsternen seines Lebens werden sollten - wo am Beginn des bürgerlichen Zeitalters alles ins Rutschen, Schwimmen und Trudeln geriet, wollte er sich wenigstens an ihnen festhalten. Vielleicht ist es das, was ihn heute, am Ende dieser Epoche, wieder so beliebt macht. (NRZ) 

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