Preis des
Deutschen Kulturrats
Ulrike Migdal im Einsatz für eine vergessene
Dichterin
Von Jens Dirksen in der NRZ vom 3.5.2010:
Ulrike Migdal wird mit dem Preis des Deutschen Kulturrats geehrt. Sie erinnert an die im KZ ermordete Dichterin Ilse Weber. Migdal sieht in ihr bis heute „eine unglaublich starke Frau, die im Konzentrationslager dem Terror mit ihren Versen und ihrer kompromisslosen Mitmenschlichkeit trotzte“.
Es gibt nicht wenige Menschen, die hat das Schicksal der Ilse Weber noch tiefer beeindruckt als Anne Frank und ihr Tagebuch im Amsterdamer Versteck vor den Nazis. Ilse Weber war eine deutsch-tschechische Kinderbuchautorin; 1930 veröffentlichte sie das „Trittroller-Wettrennen“, zwei Jahre zuvor waren ihre „Jüdischen Kindermärchen“ erschienen. Nach dem Einmarsch der Nazis musste die Prager Autorin 1942 ins KZ Theresienstadt, wo sie bald das Kinderkrankenhaus betreute – und zum Engel der verzweifelnden Kinder wurde. Je häufiger sie ihnen Mut und Trost zusprechen musste mit Gedichten und Geschichten, desto seltener dachte Ilse Weber an Selbstmord.
Ulrike Migdal sieht in ihr bis heute „eine unglaublich starke Frau, die im Konzentrationslager dem Terror mit ihren Versen und ihrer kompromisslosen Mitmenschlichkeit trotzte“. Kunst und Kultur waren das Einzige, was das Leben noch sinnvoll erschienen ließ. Am Ende aber ging Ilse Weber 1944 mit den Kindern in die Gaskammern von Auschwitz, aufrecht bis zuletzt.
Ihr Schicksal aber wäre weithin vergessen, wenn nicht die Bochumer Autorin Ulrike Migdal ihre Briefe, Texte und sonstige Dokumente zu einem beeindruckenden Band zusammengestellt hätte, der vor zwei Jahren unter dem Titel „Wann wohl das Leid ein Ende hat“ erschien; und weil sie auch noch ein Radio-Feature für den Deutschlandfunk über die vergessene Dichterin und ihre Werke verfasst hat, bekommt Ulrike Migdal am morgigen Mittwoch in Berlin den „Politik und Kultur“-Journalistenpreis des Deutschen Kulturrats verliehen.
Noch mehr geehrt fühlen kann sich die Preisträgerin allerdings durch die Tatsache, dass sich Schüler in der Nähe von Hamburg erfolgreich dafür eingesetzt haben, ihre Schule nach Ilse Weber zu benennen, nachdem sie das Buch gelesen hatten. Denn diese Frau, die Menschen in höchster Bedrängnis geholfen hat, indem sie ihnen zeigte, dass es noch gute Menschen gibt, mag eine größere Heldin gewesen sein als andere, die so genannt werden.
Und: die ideologiekritischen Momente in den Briefen Ilse Webers hält Ulrike Migdal für aktueller denn je – „sie beschreibt den Mechanismus, mit dem Menschen unter dem Einfluss von Propagandaparolen ihrer humanistischen Werte entsagen und nicht mehr sehen, was der Mensch neben ihnen braucht.“
Durch eine unglaubliche Kette von Zufällen wurden Ilse Webers Texte gerettet, ihr Mann, der den Todesmarsch von Auschwitz überlebte, hatte sie in einen Koffer gepackt und in Theresienstadt ein „Grab“ für sie gemauert. Er kann sie nach dem Krieg daraus bergen und an seinen Sohn weitergeben; der wiederum wird durch ihr Buch über Theresienstadt auf Ulrike Migdal aufmerksam und stellt die Dokumente zur Veröffentlichung zur Verfügung.
Auschwitz, sagt die Bochumer Autorin, ist das Thema, „mit dem ich politisiert worden bin“, schon in ihrer Schulzeit ist sie an den Ort des Zivilisationsbruchs gefahren, „ich wollte das sehen“. Die Erschütterung hält an. Und wandelt sich in den Impuls, neben zarter Lyrik und grotesker Prosa immer wieder Texte zum Holocaust zu verfassen.
[...diesen und weitere Berichte finden Sie unter www.nrz.de]
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